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In roter Schrift steht "BodeständiX" über dem schwarzen Text "Der Autorenblog von Hanspeter Gautschin" auf weißem Hintergrund.
Wenn der Mittwoch sprechen könnte
Ein bärtiger Mann mit Mantel und Hut steht mit zwei Wölfen und zwei Raben an seiner Seite. Er könnte am Mittwoch sprechen, da er einen Speer hält, einen Anhänger trägt und von nebligen Kiefern und Bergen unter einem wolkenverhangenen Himmel umgeben ist.

Der Mittwoch macht kein Theater. Er kommt ohne Auftritt, ohne Fanfare. Ein Tag, der sich nicht wichtig nimmt.

In vielen Wochen ist er einfach da, und am Abend fragt man sich, was eigentlich passiert ist. Vielleicht ist genau das sein Wesen: Er ist die Mitte. Und die Mitte ist selten laut.

Im Deutschen heisst er «Mittwoch». Das klingt nach Ordnung, nach Kalender, nach Schulheft. Ein Wort, das alles Göttliche sauber aus dem Datum hinauspoliert hat. In anderen germanischen Sprachen hat man den alten Klang behalten. Im Englischen «Wednesday», im Skandinavischen «onsdag». Wodens Tag, Odins Tag. Ein Name wie ein Spalt in der Wand, durch den ein anderes Licht fällt.

Odin. Wodan. Eine Gestalt, die man nicht nebenbei abhandelt. Er passt nicht in die Reihe der freundlichen Hausgötter, die einem die Ernte sichern und die Kinder schützen. Odin ist kein gemütlicher Begleiter. Er wirkt eher wie einer, der im Wintermantel vor der Tür steht, den Hut tief im Gesicht, und man weiss: Jetzt wird es ernst.

Man nennt ihn den Wanderer. Das trifft. Odin ist unterwegs, und er bleibt es. Er ist keiner, der sitzt und verwaltet. Er sucht. Er hört zu. Er sammelt. Er prüft. Und er nimmt dafür in Kauf, dass es unbequem wird. In den Geschichten ist das sehr klar erzählt: Erkenntnis kostet. Der Preis ist nicht immer ein Verlust, manchmal ist es schlicht die Bereitschaft, nicht beim ersten Gedanken stehen zu bleiben.

Wer Odin vor Augen hat, sieht oft diese einfachen, starken Zeichen: der Speer, der Mantel, der Hut. Und die beiden Raben. Hugin und Munin. Gedanke und Erinnerung. Das sind keine dekorativen Tiere. Das sind Kräfte. Der Gedanke fliegt los, schaut, wittert Möglichkeiten. Die Erinnerung kommt zurück und legt ab, was man sonst zu schnell vergisst. Und irgendwo in diesem Spiel zwischen Gedanke und Erinnerung steht der Mensch, mit seinem Alltag, seinen Terminen, seiner Müdigkeit.

Vielleicht ist der Mittwoch genau der richtige Tag für diese beiden Raben.

Der Montag ist oft ein Anlaufen. Der Dienstag ein Durchziehen. Und am Mittwoch merkt man plötzlich, wie die Woche einen schon wieder in der Hand hat. Man ist beschäftigt, man ist pflichtbewusst, man funktioniert. Und während man funktioniert, rutscht etwas weg: das Eigene.

Der Mittwoch kann so ein Tag sein, an dem man kurz sucht.

Nicht hektisch, nicht mit grossen Vorsätzen. Eher mit einem Moment Wachheit. Ein Blick auf das, was man tut, und die Frage, ob das wirklich alles ist. Odin wäre kein Freund von schönen Ausreden. Er würde nicht sagen: «Ach, das ist halt so.» Er würde eher schweigen und schauen, bis das Schweigen unangenehm wird. Und dann würde man anfangen, klarer zu denken.

Odin hat viel mit Sprache zu tun. Mit dem Wort, das trägt. Mit dem Satz, der nicht bloss gefällig klingt. In den alten Vorstellungen war Sprache nicht nur Mittel zum Zweck. Sprache war Wirkung. Wer gut sprach, konnte binden und lösen. Wer dichtete, konnte die Welt in eine Form bringen, die mehr zeigte als das Offensichtliche.

Das ist etwas, das im Alltag gern untergeht. Man redet viel. Man schreibt Mails. Man ruft an. Man erklärt. Und doch gibt es diese Momente, in denen ein einziger Satz mehr Wahrheit enthält als ein halbes Gespräch. Ein Satz, der sitzen bleibt. Ein Satz, der etwas ordnet. Ein Satz, der nicht schön sein muss, nur richtig.

Ein «Odins-Mittwoch» wäre dann kein Tag für Zauberei im billigen Sinn. Er wäre ein Tag für genaue Worte. Für das, was Sie wirklich sagen wollen, statt für das, was man halt sagt. Ein Tag, an dem man merkt: Die Welt ist voll von Lärm, und trotzdem entscheidet oft das Leise.

Vielleicht braucht es dafür gar nicht viel. Ein Spaziergang ohne Ziel. Ein paar Minuten ohne Radio. Ein Kaffee, den man nicht nebenbei trinkt. Ein Gedanke, den man nicht gleich wegschiebt. In der Mitte der Woche hat man die Chance, den inneren Kompass kurz zu richten.

Odin ist auch der mit dem einen Auge. Das Bild ist hart, aber es trifft: Man sieht nicht tiefer, ohne etwas zu geben. Man bezahlt mit Zeit, mit Aufmerksamkeit, mit Ehrlichkeit. Wer alles schnell will, bekommt oft nur Oberfläche. Wer genauer hinschaut, merkt, wie viel im Zwischenraum liegt. Zwischen den Zeilen. Zwischen den Gesten. Zwischen dem, was gesagt wird, und dem, was gemeint ist.

Und so wird aus dem unscheinbaren Mittwoch ein Tag mit Rückgrat. Die Mitte ist nicht nur ein Punkt im Kalender. In der Mitte entscheidet sich, ob man sich selber noch spürt. Ob man nur erledigt oder auch lebt. Ob man sich treiben lässt oder ob man wenigstens einmal kurz innehält.

Wenn du möchtest, nimm den Mittwoch als kleine Übung: Hugin losschicken. Munin zurückholen. Gedanke und Erinnerung an einen Tisch setzen. Und dann schauen, was übrigbleibt, wenn der Lärm draussen ist.

 

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Ein älterer Mann mit grauem Haar und Brille sitzt in einem Holzstuhl, trägt einen dunklen Pullover, hält ein aufgeschlagenes Buch in der Hand und blickt von den Seiten auf. Der Hintergrund ist eine schlichte, helle Wand.

Ich bin Hanspeter Gautschin, Erzähler und Autor von BodeständiX – Geschichten, die bleiben.

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