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In roter Schrift steht "BodeständiX" über dem schwarzen Text "Der Autorenblog von Hanspeter Gautschin" auf weißem Hintergrund.
Die Legende sitzt nicht im Stadion
Zwei ältere Männer sitzen an einem Holztisch in einer gemütlichen Kneipe, jeder hält ein Bier in der Hand und unterhält sich. Hinter ihnen hängt an einer warm beleuchteten Wand ein großes Gemälde einer Fußball-Legende in einem roten Trikot, das an epische Momente im Stadion erinnert.

Du kannst ein Fussballspiel in allen Einzelheiten sehen. Du kannst nachher jede Szene nochmals anschauen, verlangsamt, vergrössert, kommentiert. Und trotzdem bleibt am Ende oft etwas Merkwürdiges zurück: eine Art Leere, wie nach einem Feuerwerk, das schnell verglüht ist.

Vielleicht liegt das daran, dass ein Ereignis erst dann wirklich zu dir gehört, wenn es eine zweite Zeit bekommt. Eine Zeit nach dem Lärm. Eine Zeit, in der es nicht mehr um den Moment geht, sondern um das, was der Moment mit dir gemacht hat.

Eine Legende braucht genau diese zweite Zeit

Im Stadion ist alles Gegenwart. Geräusch, Bewegung, Atem, Pfeife, Gedränge. Dort geschieht etwas, das man kaum festhalten kann, weil es schon wieder weiterläuft. Das Ereignis hat keine Geduld, es drängt nach vorn. Es will zum nächsten Angriff, zur nächsten Minute, zum nächsten Pfiff.

Die Legende beginnt später

Sie sitzt nicht auf der Tribüne. Sie sitzt am Küchentisch. Sie sitzt im Gespräch auf dem Heimweg. Sie sitzt in diesem Augenblick, wenn jemand einen Satz sagt, der wie eine kleine Tür aufgeht: «Ich erinnere mich noch genau …»

Und dann kommt das Entscheidende: Der andere hört zu. Der andere ergänzt. Der andere widerspricht vielleicht sogar. Und plötzlich lebt etwas wieder, das eben noch vorbei war.

So entstehen Legenden. Aus Wiederholungen. Aus Varianten. Aus kleinen Verschiebungen. Aus Bildern, die man nicht mehr loswird.

Karli Odermatt ist ein guter Name für so ein Nachher

Du kannst ihn als Fussballer beschreiben: als einen, der viel konnte, der präsent war, der Spuren hinterliess. Du kannst das alles aufschreiben. Es macht ihn korrekt. Es macht ihn vollständig. Es macht ihn jedoch noch lange nicht zur Legende.

Die Legende Karli Odermatt lebt dort, wo Menschen mit einem besonderen Tonfall von ihm sprechen. Nicht ehrfürchtig, eher selbstverständlich, so wie man von jemandem spricht, der zum Inventar einer Zeit gehört. Da wird er zur Figur, die grösser ist als ihre Biografie, weil sie etwas verkörpert, das man selber vermisst oder braucht: Ruhe in der Entscheidung, Mut in engen Situationen, eine eigene Art, den Ball zu behandeln, als hätte er Gewicht und Charakter.

Es sind oft Kleinigkeiten, die hängen bleiben. Kein ganzes Spiel, keine Tabelle, keine Saison. Ein Moment, der plötzlich in der Erinnerung ein Symbol wird. Ein kurzer Blick. Ein Laufweg. Eine Bewegung, die zeigt: Da weiss einer, was er tut. Da hat einer seinen Stil. Und Stil ist das, was dem Vergänglichen Würde gibt.

Legenden werden auch darum zu Legenden, weil man sie weitererzählt, wenn sie schon lange nicht mehr auf dem Platz stehen. Das ist wie bei einem alten Lied: Du hörst es nicht jeden Tag, doch wenn es einmal wieder auftaucht, ist die Zeit von damals sofort da. Du sitzt wieder an einem anderen Tisch, in einer anderen Jacke, mit einem anderen Leben.

Dieses Wieder-da-Sein ist nicht Nostalgie. Es ist etwas Grundsätzliches: Du lebst von Geschichten, weil Geschichten Zusammenhänge schaffen. Eine Statistik zählt. Eine Geschichte trägt.

Wer nur im Augenblick lebt, lebt schnell

Der Augenblick hat etwas Ungeduldiges. Er verlangt Aufmerksamkeit jetzt, sofort, ohne Pause. Er kennt keinen Nachklang. Er ist wie ein Fluss, in den du ständig hineinschaust, bis du müde wirst und weitergehst. Und dann kommt schon das nächste Bild.

Die Lebenskunst beginnt dort, wo du dem Fluss ab und zu erlaubst, sich zu setzen. Wo etwas stehen bleiben darf. Wo ein Moment nicht gleich wieder von einem anderen übertönt wird.

Es gibt eine stille Form von Reichtum: Erlebtes zu besitzen, ohne es festzuklammern. Es ist da, weil du es erzählst. Weil du ihm eine Form gibst. Weil du es mit Worten nochmals in die Hand nimmst.

Manchmal braucht es nicht viel. Manchmal genügt es, dass nach einem Abend, nach einer Begegnung, nach einem gelungenen Satz nicht sofort wieder alles zugedeckt wird. Dass der Tag nicht einfach zuklappt wie ein Buch, das man weglegt, sondern einen Spalt offen bleibt.

So etwas lässt sich nicht verordnen, und es ist auch keine Methode. Es passiert nebenbei. Zum Beispiel dann, wenn einem ein Moment aus der letzten Woche wieder einfällt. Einer, der im Nachhinein heller wirkt als in dem Augenblick, als er geschah. Und dann erzählt man ihn weiter, fast wie aus Versehen: in ein paar Sätzen, ohne Berichtswesen, ohne Erklärung. Einfach als kleine Geschichte.

Meistens hängt es an einem Detail, das man sehen oder hören kann: das Licht, der Geruch, die Kälte, ein Geräusch im Raum. Und an einer Lücke. Nicht alles wird ausgesprochen. Nicht alles wird festgenagelt. Geschichten brauchen Luft.

Und dann passiert manchmal etwas Eigenartiges: Der Moment bleibt nicht bloss Erinnerung, er wird zu etwas, das trägt. Nicht gross, nicht feierlich. Eher still. Er bekommt Gewicht, weil er einen Platz gefunden hat.

Vielleicht sitzt so eine kleine Legende genau dort: am Tisch, zwischen zwei Sätzen. Nicht als Denkmal. Als etwas, das lebendig geblieben ist.

Karli Odermatt steht am Ende für mehr als Fussball. Er steht für das, was geschieht, wenn eine Gemeinschaft nicht nur zuschaut, sondern bewahrt. Wenn sie nicht nur dabei ist, sondern erzählt. Dann bleibt etwas.

Die Legende sitzt nicht im Stadion.
Sie sitzt im Nachher.
Im Erzählen.
In der Zeit, die man dem Leben lässt, damit es Bedeutung gewinnt.

 

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Über

Ein älterer Mann mit grauem Haar und Brille sitzt in einem Holzstuhl, trägt einen dunklen Pullover, hält ein aufgeschlagenes Buch in der Hand und blickt von den Seiten auf. Der Hintergrund ist eine schlichte, helle Wand.

Ich bin Hanspeter Gautschin, Erzähler und Autor von BodeständiX – Geschichten, die bleiben.

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