Die Dezembernacht lag schwer über dem Riesengebirge, als hätte sich der Himmel bis an die Baumwipfel gesenkt, um die Welt zum Schweigen zu bringen.
Der Schnee fiel dicht und unermüdlich, in wirbelnden Flocken, die im matten Mondlicht schimmerten. Der Wald stand starr da wie eine Schar alter Wächter, deren Atem längst im Frost gefroren war.
Auf einem schmalen Pfad stapfte ein grosser Mann durch die tiefen Wehen. Sein Mantel, aus grobem Wollfilz, war vom Schnee durchnässt; sein langer, weisser Bart hing ihm wie vereist über die Brust. Ein mächtiger Knotenstock diente ihm als Stütze. Seine Schritte hinterliessen breite Abdrücke, die gleich wieder vom Wind verweht wurden.
Der Wanderer war kein gewöhnlicher Mensch. Es war Rübezahl, der Berggeist des Riesengebirges – älter als die Geschichten, die sich die Menschen über ihn erzählten, und unberechenbar wie der Berg selbst. Mal war er ein Schalk, mal ein Warner, mal ein Helfer, immer aber einer, den die Menschen zugleich fürchteten und achteten.
Doch heute war er schlicht ein Müder, der im Winterwind fror.
Der Frost biss ihm in die Finger, und obwohl ihm selten etwas zu kalt wurde, spürte er die Schwere der Nacht. Der Wald roch nach Schnee und Harz, es war eine Nacht, in der man sich nach einer Tür sehnte, die sich öffnet, und nach einem Herdfeuer, das mehr gab als nur Wärme.
Als er sich gerade überlegte, ob er weiter hinunter ins Tal steigen sollte, fiel ihm zwischen den dunklen Stämmen ein schwaches Licht auf. Erst glaubte er, der Wind habe ihm eine Schneespiegelung vorgespielt, doch dann sah er es klarer: ein warmer Schimmer, kaum mehr als der Atem einer kleinen Flamme.
Eine Hütte.
Rübezahl blieb einen Moment stehen, lauschte der Nacht und machte sich dann entschlossen dorthin auf den Weg. Denn selbst ein Berggeist wusste, wann es genug war.
Vor der Hütte knirschte der Schnee anders – weicher, als wäre hier öfter jemand aus und eingegangen. Eine dünne Rauchfahne stieg aus dem Schornstein, der kaum sichtbar aus dem verschneiten Dach ragte.
Er klopfte an.
Nach einem kurzen Moment hörte er ein leises Scharren. Dann schob sich der Riegel zurück, und ein kleiner Spalt öffnete sich. Eine warme, goldene Lichtbahn fiel auf den weissen Schnee.
Ein Mädchen, zart gebaut und barfuss, stand in der Tür. Die Augen gross und wach. Vielleicht neun oder zehn Jahre alt. Das Kleid zu dünn für die Jahreszeit, die Füsse rot vom kalten Steinboden.
Sie musterte ihn – diesen riesigen, bärtigen Mann mit Schnee im Bart – ohne Furcht. Eher mit einer stillen Neugier.
«Kommt herein, guter Mann», sagte sie. «Ihr friert ja.»
Rübezahl musste lächeln. Ein so kleines Wesen, das eine so grosse Selbstverständlichkeit an den Tag legte – das sah er gerne.
Er trat ein.
Die Tür schloss sich hinter ihm, und die Wärme des Herdfeuers umhüllte ihn wie eine Decke.
Die Hütte war einfach: ein Schemel, ein Tisch, ein Bett mit einer geflickten Wolldecke. Ein paar Tannenzapfen lagen bereit, um das Feuer am Leben zu halten. Es war ärmlich, aber nicht freudlos.
«Bist du allein?», fragte Rübezahl.
«Ja», sagte das Mädchen. «Vater und Mutter sind zur Messe im Dorf. Ich soll das Feuer hüten und die Hühner bewachen. Der Fuchs kommt manchmal.»
Sie sah aus, als sei das für sie nichts Besonderes. Kein Jammer, keine Klage.
Rübezahl liess sich auf den Schemel sinken. Sein Mantel begann zu dampfen, und der Schneefrost löste sich aus seinem Bart.
«Und warum bist du nicht mit in die Kirche?»
«Ich habe keine Schuhe mehr», sagte sie schlicht. «Meine Holzpantoffeln sind zu klein geworden. Vater hat im Winter wenig Zeit zum Schnitzen, und Geld reicht kaum. Ausserdem kann ich nicht so schnell laufen wie die Erwachsenen.»
Rübezahl sah auf ihre nackten Füsse.
Es stach ihn in einer Art, die nichts mit Kälte zu tun hatte.
Das Mädchen setzte sich neben ihn auf den Boden, nahe am Herd, als wolle sie ihm helfen, schneller aufzutauen.
«Heute ist Weihnachten», sagte Rübezahl.
Sie nickte. «Ich weiss. Aber das Christkind findet uns vielleicht nicht. Wir wohnen zu weit oben im Wald.»
«Vielleicht findet dich jemand anderes», brummte er.
Sie lächelte, als habe sie verstanden, ohne zu wissen, was er meinte.
«Ihr seid weit gewandert», stellte sie fest.
«Sehr weit.»
«Und Ihr habt grosse Füsse», meinte sie und deutete auf seine Stiefel.
Rübezahl lachte leise. «Ja. Und sie sind schwerer, als man glaubt.»
Er beugte sich vor und zog langsam einen der Stiefel aus. Der andere folgte. Sie wirkten gross wie kleine Schranktruhen.
«Man stellt doch seine Schuhe ans Feuer, nicht?», fragte er.
Sie schüttelte den Kopf. «Nur, wenn man welche hat.»
Rübezahl griff in die Tasche seines Mantels. Er spürte das kalte Metall. Silbermünzen, alt und abgenutzt.
Er hatte sie seit langer Zeit mit sich getragen – nicht als Schatz, sondern als Erinnerung an einen Moment, den er längst vergessen hatte. Silber hat etwas Stilles, etwas Reines. Es funkelt nicht wie Gold, aber es leuchtet.
Er warf die erste Münze in den Stiefel.
Ein klares «kling».
Das Mädchen zuckte zusammen. «Was macht Ihr?»
«Etwas, das man nur in heiligen Nächten tut», sagte Rübezahl.
Die zweite Münze folgte.
«Für die Wärme deiner Hütte.»
Eine dritte.
«Für deinen Mut.»
Eine vierte.
«Für dein Herz.»
Dann die fünfte Münze.
«Und für die Hoffnung, die du nicht verloren hast.»
Das Mädchen starrte auf den Stiefel, als hätte sich darin ein Stern verfangen.
Doch Rübezahl war noch nicht fertig.
Er griff ein zweites Mal in seine Manteltasche – und holte mehr Silber hervor, alte, schwere Stücke, die er früher nie gebraucht hatte.
Er streute sie in die Stiefel, mal in den einen, mal in den anderen. Zuerst ruhig, dann mit einer Freude, die selbst ihn überraschte.
Die Stiefel füllten sich.
Dann quollen sie über.
Silber rollte über die Steinplatten, klirrte gegen den Herd, glitzerte im Licht wie eine ganze Handvoll frostiger Sterne.
Das Mädchen hielt beide Hände vor den Mund.
Dann fiel es vor Freude auf die Knie, lachte laut und sammelte das Silber in den Rockfalten, als wollte es nie enden.
Rübezahl sah ihr zu und fühlte eine Wärme, die tiefer ging als die des Feuers.
Aus der Ferne erklang eine Glocke.
Die Messe war vorbei. Stimmen klangen gedämpft durch den verschneiten Wald.
Rübezahl erhob sich.
«Ich muss gehen.»
Das Mädchen sprang auf. «Kommt Ihr wieder?»
Er legte ihr die grosse Hand auf die Schulter. «Wenn dein Herz so bleibt wie heute, dann findet jeder gute Geist den Weg zu dir.»
«War das Christkind hier?», flüsterte sie.
«Nein», sagte Rübezahl mit einem sanften Lächeln. «Aber vielleicht jemand, der es gut mit dir meint.»
Sie lächelte und nickte.
Er neigte sich zu ihr. «Darf ich dir ein kleines Zeichen hinterlassen?»
Das Mädchen streckte die Stirn hin, und er berührte sie leicht – ein Segen, so zart wie ein Schneeflockenfall.
Dann öffnete er die Tür.
Der Wind fuhr herein, Schneekörner tanzten in die Hütte. Einen Moment lang war er im flackernden Licht zu sehen – ein grosser, fremder, aber gütiger Wanderer.
Dann verschwand er in der Nacht.
Der Holzhauer und seine Frau kamen kurz darauf von der Messe zurück. Die Hütte war warm und hell, und kaum hatten sie die Tür geöffnet, blieben sie erstarrt stehen.
Silber.
Auf dem Boden. Auf dem Herdstein. In den Stiefeln. Überall.
Das Mädchen stand mittendrin und strahlte.
«Was ist hier geschehen?», fragte die Mutter mit bebender Stimme.
«Ein Wanderer war da», sagte das Mädchen. «Ein guter.»
Der Vater trat an die Tür, blickte in die dunkle Nacht hinaus, lauschte dem Wind und murmelte:
«Rübezahl. Es war Rübezahl.»
Dann legte er seine Hand wie zum Segen über Frau und Kind.
Draussen fiel der Schnee, leise wie ein Trost.
Drinnen war Wärme, Licht und ein Wunder, das niemand erklären musste.
Es war Weihnachten.







Geschichten wie ich ihnen als Kind gerne gefolgt hätte. Doch dafür gab es in unserer Familie kein Verständnis. Mein Vater wuchs in einer streng religiösen Sekte auf. Alles was irgendwie nach kirchlichem roch war Tabu.
Meinen Kindern las ich oft aus Märchen vor. Und die Enkelinnen durften sich jeden Abend eine Geschichte wünschen. Darin mussten drei Figuren die sie mir nannten vorkommen.