Immer im November erinnere ich mich an den Duft gebratener Marroni.
Damals kam jedes Jahr ein Tessiner mit seinem klapprigen Auto, umgebaut als Marronistand, in die Eimattstrasse. Er stellte sich immer an denselben Platz, gleich vor das Haus der Kisslings. Wenn er das Feuer anfachte, roch die ganze Strasse danach.
Wir Kinder standen in einiger Entfernung und sahen ihm zu. Er trug eine dunkle Jacke und eine währschafte Schürze. Er bewegte sich ruhig, fast bedächtig.
Wenn er die Marroni wendete, knackte es, und manchmal sprang eine Schale auf. Dann lächelte er kurz, als hätte er darauf gewartet.
Ich durfte keine Marroni kaufen. Zu teuer für uns, meinte Mutter. Ich stand also dabei, die Hände in den Hosentaschen, und tat so, als wäre es mir egal. Aber das war es nicht.
Solche Dinge prägen sich ein, wenn man nur zusehen darf.
Vielleicht blieb mir dieser Geruch deshalb so haften, weil ich damals nie eine Marroni kaufen durfte.
Jahre später arbeitete ich als junger Kaufmann auf dem Erbschaftsamt in Liestal. Mein Chef war ein umgänglicher, kluger Mann. Wir verstanden uns gut und gingen manchmal nach Feierabend noch auf ein Bier.
An einem dieser Abende sass ich mit ihm in der Schützenstube. Wir redeten über dies und das. Ich erzählte aus meiner Kindheit, von kleinen Lausbubenstreichen, und kam dann auf den Marronimann zu sprechen. Ich schilderte ihm, wie ich nach diesen Marronis gelüstete, jedoch mangels Geld keine kaufen konnte. Da wurde er plötzlich still. Dann sagte er:
«Weisst du, ich habe einmal etwas Dummes gemacht. Und es hatte mit einem Marronibrater zu tun.»
Ich lehnte mich zurück, und er erzählte.
Der Marronibrater – ein Tessiner – stand damals in der Rathausstrasse, gleich unterhalb des Törli. Ein quirliger Mann, wettergegerbtes Gesicht, Halstuch, schwarzer Ofen.
Er kam jeden Herbst, stellte sich an denselben Platz und rief mit seiner heiseren Stimme:
«Heissi Marroni! Ae ggaufe Marroni!»
«Wir waren Schüler», sagte mein Chef. «Und wenn man Schüler ist, hat man selten Geld, aber viele dumme Ideen. Der Dölfi hatte immer die besten davon.»
Eines Tages beschlossen wir, den Marronimann zu necken.
Der Dölfi fing an. «Tschingg! Tschingg!», rief er.
Die anderen lachten, und ich rief mit: «Tschingg, alter Tschingg!»
«Ich wusste sofort, dass das blöd war», sagte er. «Aber da war’s schon zu spät.»
Der Marronibrater schaute auf, die Hände noch auf der Schaufel. «Ggeibe Buaba! Warta! Stilla! Warta!», rief er.
Aber wir Buben rannten davon.
Der Mann lief ein paar Schritte hinterher, schimpfend, bis er uns aus den Augen verlor. Währenddessen schlichen sich zwei andere von hinten an, griffen in die Pfanne und verschwanden mit einer Handvoll Marroni um die Ecke.
«Wir trafen uns in der Allee», erzählte mein Chef. «Wir lachten, teilten die Marroni und fanden uns wahnsinnig gescheit. Ich lachte mit – aber eigentlich war mir schon nicht mehr wohl.»
Mein Vater stand nämlich an jenem Nachmittag dummerweise beim Törli. Er hatte die Szene beobachtet.
Als ich am Abend nach Hause kam, wartete er schon.
«Bub», sagte er, «ich habe dich unten gesehen. Wenn du dem Tessiner die Marroni maust, nimmst du ihm das Brot. Hier ist ein Franken. Du bringst ihn ihm zurück. Und vorher isst du nichts.»
Ich wäre lieber geohrfeigt worden. Aber ich ging.
Ich nahm den Franken und machte mich auf den Weg. Der Marronibrater stand noch immer da, die Glut glühte, die Pfanne rauchte. Ich trat zu ihm hin und stotterte eine Entschuldigung.
Der Mann schaute mich lange an. Dann sagte er leise: «Povero bambino. Nümme magga – ä?»
Er nahm mir die Mütze vom Kopf, griff mit der Schaufel in die Pfanne und füllte sie bis zum Rand mit heissen Marroni.
«Ecco», sagte er. «Jetzä du weisch, wie schmeggä, wenn ehrlig verdient.»
Ein kurzer Klaps auf die Schulter. Mehr nicht.
«Das war die wichtigste Lektion meiner Kindheit», sagte mein Chef. «Ich habe verstanden, dass ein ehrlicher Mensch auch dann Grösse zeigt, wenn er wenig hat. Der Tessiner hätte mich wegschicken können. Stattdessen hat er mir vergeben – und mir gezeigt, was Würde heisst. Seitdem kann ich an keinem Marronistand vorbeigehen, ohne stehen zu bleiben und eine Tüte voll Marroni zu kaufen.»
Ich schwieg. Der Geruch von Marroni stieg mir wieder in die Nase – derselbe wie damals in der Eimattstrasse. Und plötzlich war ich wieder der Bub mit den kalten Händen, der nur zuschauen durfte.
Manche Dinge bleiben – gerade weil sie einem verwehrt blieben.







Was für eine Geschichte – und so wunderbar erzählt! Da kommt Wärme auf. Nicht nur weil sich die Wärme des Maroniofens gefühlt in die eigene gute Stube zu verbreiten scheint sondern auch weil der Vater so klug gehandelt hat. Und der Maronibrater so menschlich.
Ich habe einst selbst einem Verkäufer Unrecht getan. Ich war Volksschülerin. In einem Geschäft habe ich einen Verkäufer beobachtet wie er mit einem Zirkel spielte. Die Ergebnisse auf dem Papier haben mich so beeindruckt dass ich in einem unbeobachteten Moment zugriff und den Zirkel in einer Tasche verschwinden ließ. Zuhause wurde meine Tat entdeckt und ich musste mich persönlich im Geschäft entschuldigen. Das hat mich auch geprägt.
Liebe Grüße
C Stern
(Ich kann leider im Text keine Beistriche setzen diese werden im Formular nicht angenommen.)
Danke Dir für Deine warmen Worte. Solche Erinnerungen berühren, weil sie zeigen, wie viel Menschlichkeit in kleinen Momenten steckt – beim Marronibrater ebenso wie in Deiner eigenen Kindheitserfahrung. Eine Entschuldigung als Volksschülerin braucht viel Mut, und gerade solche Erlebnisse prägen fürs Leben.
Liebe Grüsse
Hanspeter