Vielleicht wäre es an der Zeit, dem Stimmvolk wieder etwas mehr Reife zuzugestehen – ohne Begleitkurs und Moralbroschüre.
Es beginnt meist freundlich. Mit einem Lächeln. Mit einem schön gestalteten Plakat auf dem Bahnhofplatz. Mit Begriffen, die niemandem wehtun. «Gemeinsam für eine bessere Zukunft», «Verantwortung leben», «Für unsere Kinder». Wer wollte da widersprechen?
Doch unter dem weichen Vlies der guten Absicht läuft ein stilles Programm: Das Volk soll gelenkt werden. Nicht mit Zwang, nicht mit Repression – das wäre zu plump, zu durchschaubar. Die neue Methode heisst «Nudging», sanftes Schubsen. Der Mensch soll zum «richtigen Verhalten» gestupst werden. Und wenn er nicht will? Dann bekommt er eben mehr Informationen. Noch mehr Sensibilisierung. Noch eine Kampagne.
Das Ganze nennt sich dann «Verhaltensökonomie» oder «Behavioral Insights». Klingt intelligent. Ist aber im Kern simpel: Man traut den Menschen nicht mehr zu, selbst kluge Entscheidungen zu treffen. Also schiebt man sie in die gewünschte Richtung.
Die neue Art des Regierens
Das politische Klima hat sich verändert. Es wird nicht mehr einfach abgestimmt und umgesetzt. Es wird vorbereitet, begleitet, erklärt, eingeordnet, gedeutet. Der Souverän bekommt nicht mehr nur Vorlagen, sondern gleich noch eine Gebrauchsanweisung dazu. Was früher Mündigkeit hiess, heisst heute Steuerung.
Diese Entwicklung ist nicht vom Himmel gefallen. Sie ist das Resultat einer tiefen Veränderung im Politikverständnis. Früher wurde davon ausgegangen, dass der Bürger durch eigene Lebenserfahrung, gesunden Menschenverstand und gesellschaftliches Gespür zu seinem Urteil kommt. Heute setzt man auf Programme, psychologische Erkenntnisse, Einflussstrategien.
Man wolle «Transparenz schaffen», heisst es. Doch in Wahrheit schafft man zunehmend Abhängigkeit. Wer ständig «geleitet» wird, verlernt das Gehen. Wer sich nur noch auf Expertisen verlässt, verlernt das eigene Denken.
Die Kraft des Widerspruchs
Wer diesen Trend kritisiert, wird oft vorschnell in eine Ecke gestellt. Als Ewiggestriger, Fortschrittsverweigerer oder gar Verschwörungstheoretiker. Doch es geht hier nicht um Fortschritt oder Rückschritt. Es geht um einen Kulturwandel. Und der darf, ja muss hinterfragt werden.
Demokratie lebt vom offenen Streit der Ideen. Von Differenz, nicht von Konformität. Wenn aber nur noch eine Haltung als «vernünftig» gilt und alle anderen als «problematisch», verliert das System seine Spannkraft.
Früher gab es das berühmte Sprichwort: «Im Zweifel für die Freiheit.» Heute heisst es oft: «Im Zweifel für die Sicherheit.» Oder: «Im Zweifel fürs Klima, für die Gesundheit, für die Sensibilität.» Immer mit dem Zusatz: «Da wird man doch wohl noch…»
Doch wo immer man dem Menschen zu viel abnehmen will, nimmt man ihm nicht nur Verantwortung ab, sondern auch Würde. Und eine Demokratie ohne würdevolle Bürger ist wie ein Orchester, in dem nur noch eine Stimme spielt.
Vom Mündigen zum Adressaten
In vielen offiziellen Papieren wird der Begriff «Bürger» schon gar nicht mehr verwendet. Man spricht von «Adressaten». Ein kleiner, aber bezeichnender Unterschied. Denn ein Adressat ist jemand, dem etwas gesagt wird – nicht jemand, der mitredet.
Gleichzeitig blüht eine neue Sprache auf, die mit vermeintlicher Freundlichkeit überzeugt. Man «holt die Menschen ab», man «nimmt sie mit», man «ermöglicht Teilhabe». Doch die Richtung ist klar vorgegeben. Mitreden ja, aber bitte nur im vorgesehenen Rahmen. Diskussion ja, aber bitte mit Zertifikat.
So wird aus einer lebendigen, streitbaren Bürgergesellschaft ein durchstrukturierter Teilhabe-Zoo.
Politische Kommunikation oder psychologische Lenkung?
Es gehört zur Demokratie, dass der Staat informiert. Doch heute ist die Grenze zur psychologischen Lenkung oft fliessend. Wenn staatliche Kampagnen mit bewusst eingesetzten Triggern, Bildern und Dramaturgien arbeiten, wenn Framing, Storytelling und Neuro-Marketing zur Normalität werden, dann ist das kein Fortschritt, sondern eine schleichende Entmündigung.
Denn wer das Denken der Menschen steuern will, sollte wenigstens ehrlich sagen, dass er es tut. Doch stattdessen wird behauptet, man möchte ja nur «informieren».
Vertrauen statt Vormundschaft
Was verloren geht, ist das Vertrauen in die Urteilskraft der Bürger. Und dieses Misstrauen hat Konsequenzen. Wer Menschen behandelt wie unsichere Kinder, darf sich nicht wundern, wenn sie sich irgendwann auch so verhalten. Wenn sie sich abwenden. Oder laut werden. Oder Zynismus entwickeln.
Vielleicht wäre es an der Zeit, dem Stimmvolk wieder etwas mehr Reife zuzugestehen – ohne Begleitkurs und Moralbroschüre.
Denn Demokratie ist kein Planspiel für Fortgeschrittene. Sie ist ein lebendiges System, das Fehler aushält, Widerspruch zulässt und sich auch mal korrigieren kann.
Dazu braucht es keine Steuerung, sondern Vertrauen. Kein Nudging, sondern Mündigkeit. Keine Kampagnen, sondern offene Gespräche.
Der Bürger ist kein Objekt. Er ist das Subjekt dieser Staatsform. Es wäre Zeit, ihn wieder so zu behandeln.







Der Schlusssatz ist genial!!
Bravo
Und bei verlorenen Abstimmungen heisst es dann, sie hätten die „Stimmenden“ nicht genügend abgeholt, die Frechen und Dummen welche uns den Spass verdorben haben.
Lieber Beat,
ja, dieser Ausdruck vom „Abholen“ ist tatsächlich so eine Floskel, die schnell zur Schuldzuweisung wird. Vielleicht täte es manchmal gut, weniger von „den anderen“ zu reden – und mehr von dem, was uns alle betrifft.
Herzliche Grüsse
BodeständiX