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In roter Schrift steht "BodeständiX" über dem schwarzen Text "Der Autorenblog von Hanspeter Gautschin" auf weißem Hintergrund.
Wie mir Hollimarti ein guter Lehrmeister gewesen ist
Ein lächelnder älterer Mann mit einer flachen Hollimarti-Mütze und einer Jacke steht neben einer braunen Kuh mit einer Glocke um den Hals und berührt sanft ihren Kopf. Der Mann hat eine Pfeife im Mund und sie stehen draußen in der Nähe einer Holzkonstruktion.

Es gibt in der deutschen Sprache ein kleines Zauberwort, das unser Leben nullkommaplötzlich zum Besseren verwandeln könnte. Leider brauchen wir es selten. Viel zu selten. Wenn überhaupt.

Zu meinem Leidwesen muss ich gestehen, dass auch ich es viele Jahre kaum gebraucht habe. Auch heute fällt es mir nicht immer leicht, dieses Wort auszusprechen. Dabei hatte ich als Kind einen Lehrmeister, der es mir vorlebte. Ohne erhobenen Zeigefinger. Ohne Lebensratgeber. Er sagte es einfach, wenn es Zeit dafür war.

Dieser Lehrmeister war ein bodenständiger Bauer aus unserem Dorf. Er zeigte uns Kindern gerne die Vorzüge des landwirtschaftlichen Lebens. Wir kannten ihn nur unter seinem Dorfnamen «Hollimarti». Wenn wir ihn höflich mit «Herr Hollimarti» begrüssten, lächelte er nachsichtig. Meine Eltern bläuten mir zwar ein, dass der «Hollimarti» eigentlich Herr Schweizer sei. Mit mässigem Erfolg. Für mich blieb er der liebenswürdige Herr Hollimarti.

Er war eine imposante Erscheinung. In seinen besten Tagen brachte er sicher gegen 130 Kilogramm auf die Waage. Das kam nicht von ungefähr. Er ass einfach zu gerne. Man hätte sagen können: Er war dem Leben nicht abgeneigt, besonders dann nicht, wenn es auf einem Teller serviert wurde.

Trotz dieses stattlichen Gewichts verrichtete er sein nicht kleines Arbeitspensum als Bauer ganz gemächlich. Wir erlebten ihn nie gestresst. Er hetzte nicht. Er rannte nicht. Er tat, was zu tun war, bedächtig, aber stetig. Und wenn Kinder um ihn herumstanden, nahm er sich Zeit. Er erklärte uns die verschiedenen Arbeiten, machte uns mit den Eigenheiten seiner Kühe vertraut und setzte uns, oh Wonne, auch einmal auf eines seiner beiden Pferde.

Natürlich hatte er damals bereits einen Traktor. Ich sehe ihn noch heute vor mir: wie er auf diesem Traktor sass, die Tabakpfeife im Mund, und gemächlich ins Tal hinaus tuckerte. Keine Eile. Nur der Traktor, die Pfeife und ein Mann, der offenbar wusste, dass die Welt sich auch ohne ihn weiterdrehen würde.

Auch das sehe ich noch deutlich vor mir: Am Abend und am Morgen brachte er die Milch in die Cheesi, also in die Käserei. Nicht etwa mit dem Traktor. Nein, mit seinem alten Militärgöppel. Gemächlich trampte er die Dorfstrasse hinunter zur Käserei, die Milchbrente auf dem Rücken, als sei das die selbstverständlichste Sache der Welt. Das Velo ertrug diese Fracht jahrelang, ohne je einzuknicken. Manchmal denke ich, es muss ein besonders charakterfestes Fahrrad gewesen sein. Oder es hatte sich einfach mit seinem Schicksal abgefunden.

Eine heute undenkliche Unart war ihm allerdings eigen: Er kam regelmässig zu spät. An Veranstaltungen. Zu den Männerchorproben. Und als Gemeinderat zu den wöchentlichen Sitzungen im Gemeindehaus. Das war nicht unbedingt vorbildlich. Aber es passte zu ihm. Die Uhr hatte bei ihm offenbar nur beratende Funktion.

Nicht genug damit: An solchen Gemeinderatssitzungen schlummerte er auch noch friedlich weg. Das führte jedoch nie zu einer erkennbaren Störung des Politbetriebs in meinem Heimatdorf. Vielleicht war gerade das sein stiller Beitrag zur kommunalen Ausgeglichenheit.

Ich half ihm gerne bei seinen vielfältigen Arbeiten. Beim Ausmisten des Stalls, beim Grasen, Heuen und Emden. Ich lernte dabei manches über Kühe, Gras, Mistgabeln und darüber, dass Heu leichter aussieht, als es ist. Vor allem aber lernte ich von ihm, dass Arbeit nicht besser wird, wenn man sie mit verbissenem Gesicht verrichtet.

Er half mir, mein landwirtschaftliches Geschick zu verbessern. Dieses Geschick kommt mir heute wieder zugute. Doch viel wichtiger war, dass er mir zeigte, wie man eine Arbeit bedächtig, aber stetig ausführt. Ohne Hektik. Ohne das Gefühl, man müsse sich dem Leben dauernd beweisen.

Und dann war da dieses Zauberwort.

Wenn er spürte, dass es eine Pause brauchte, sagte er schlicht:

«Jetz isch gnue!»

Jetzt ist genug.

Und wenn sich der Feierabend ankündigte, hiess es:

«Gnue gschafft für hüt!»

Genug gearbeitet für heute.

Er verwendete dieses Wort «genug» mehrmals täglich. Nicht als Ausrede. Nicht aus Bequemlichkeit. Sondern als Massstab. Es war sein innerer Regulator. Ein Wort wie ein Bremsschuh am Wagen des Übereifers.

Nur eine Ausnahme gestattete er sich grosszügig: Beim Essen hatte er selten genug. Aber jede Regel braucht ihre menschliche Schwäche. Sonst wäre sie ja keine Regel, sondern eine Drohung.

Heute denke ich, dass dieses «genug» ein Wort ist, das wir dringend wiederbeleben müssten. Wir versuchen, alles immer besser, schneller, toller zu machen. Auch uns selbst. Wir optimieren, vergleichen, steigern und übertreiben. Und wundern uns dann, dass uns die Luft ausgeht.

Der «Hollimarti» hätte darüber vermutlich milde gelächelt. Vielleicht hätte er die Pfeife aus dem Mund genommen, ein wenig ins Tal hinausgeschaut und gesagt:

«Jetz isch gnue.»

Mehr Lebensweisheit braucht es manchmal nicht.

 

5 Kommentare

  1. Hämmerli Priska

    Hallo Hanspeter

    Gerne melde ich mich an, nachdem ich die Kurzgeschichte übers Hollimarti und seinen Lieblingsausdruck: „gnue“, gelesen habe.

    Ich freue mich und bin ja sowas von „gspannt“.

    Gruess usem Seeland

    Priska

  2. Hanspeter Gautschin

    Hallo Priska

    Das freut mich natürlich, dass Dir die Geschichte von „Hollimarti“ gefällt. Ich habe noch viele Geschichten in petto!

  3. C Stern

    Auf den ersten Einblick in BodeständiX habe ich erkannt, dass ich auch weiterhin auf eine Reise in die Schweiz aufbrechen werde. Ist ja internetterweise ganz rasch getan 🙂
    So eine charmante Erinnerung an „Damals“, Deinen Hollimarti, macht einfach Lust auf mehr …
    GENUG, ein wichtiges Wort und ja, ich verwende es! Es erleichtert einem oftmals das Leben, wenn man einfach weiß, was und wann etwas genug ist.

    Geschichten über das Bezaubernde am Einfachen sind es, die mich ansprechen!

    Bestimmt finde ich hier auch noch vieles Weitere, das ich mit Freude lesen werde, so wie auch die „Häuslsuchtour“ anlässlich Deiner Zeit in Wien 🙂 Das Lokal, wo’s das mundige Rauchbier gibt, kenne ich gut.

    Mit lieben Grüßen, C Stern

  4. Hanspeter Gautschin

    Danke vielmals für Deinen Kommentar. Und ja, ich habe Deine Blogs auch besucht. Dir ist Ähnliches wie mir wichtig. Insbesondere Deinen Blogbeitrag „Verwurzelt“ möchte ich meinen Leser:innen ans Herz legen:

    https://cml179.wixsite.com/seelenbilder/single-post/verwurzelt

  5. C Stern

    Hanspeter, ich danke Dir für Deinen Besuch und Deine Empfehlung! Beides freut mich sehr!
    Liebe Grüße von der „Nachbarin“

Über

Ein älterer Mann mit grauem Haar und Brille sitzt in einem Holzstuhl, trägt einen dunklen Pullover, hält ein aufgeschlagenes Buch in der Hand und blickt von den Seiten auf. Der Hintergrund ist eine schlichte, helle Wand.

Ich bin Hanspeter Gautschin, Erzähler und Autor von BodeständiX – Geschichten, die bleiben.

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