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2024 – das «Jahr des Regenschirms»
Ein blauer Regenschirm liegt auf dem nassen Bürgersteig neben einem Steingebäude, umgeben von verstreuten Herbstblättern. An einem regnerischen Tag gehen Menschen mit Regenschirmen eine von Bäumen und Laternen gesäumte Stadtstraße entlang.

In den vergangenen Monaten schien der Regen kaum mehr aufhören zu wollen. Besonders die schweren Unwetter in Österreich und Teilen Osteuropas zeigten, welche Gewalt anhaltende Regenfälle entwickeln können.

Der Regenschirm wurde in dieser Zeit vielerorts zum täglichen Begleiter. Das Jahr 2024 machte ihm jedenfalls alle Ehre. Selten dürfte er so oft geöffnet, zugeklappt und irgendwo stehen gelassen worden sein.

Einen entscheidenden Fortschritt in der Geschichte des Regenschirms brachte im Jahr 1851 der Engländer Samuel Fox. Er entwickelte ein leichtes Gestell aus Stahldraht, das die schweren Konstruktionen aus Holz und Fischbein nach und nach ablöste. Dadurch wurde der Schirm handlicher, günstiger und für immer mehr Menschen erschwinglich. Fox selbst soll mit seiner Erfindung ein beträchtliches Vermögen verdient haben.

Schirme waren allerdings keine Erfindung des 19. Jahrhunderts. Bereits in der Antike kannte man sie bei den Griechen und Römern, wobei sie vor allem als Schutz vor der Sonne dienten. Im Mittelalter verschwanden sie in Europa weitgehend aus dem Alltag. Erst im 17. Jahrhundert tauchten sie in England und Frankreich wieder häufiger auf.

Zusätzliche Bekanntheit erhielt der Schirm durch Daniel Defoes Roman «Robinson Crusoe», der 1719 erschien. Robinson fertigte sich auf seiner Insel einen eigenen Schirm an, der in späteren Darstellungen beinahe zu seinem Erkennungszeichen wurde.

In England gehörte John Hanway zu den ersten Männern, die sich Mitte des 18. Jahrhunderts regelmässig mit einem Regenschirm auf die Strasse wagten. Erfunden hatte er ihn nicht, auch wenn dies später häufig behauptet wurde. Seine öffentliche Benutzung war damals ungewöhnlich und sorgte für Spott.

Besonders wenig Freude hatten die Droschkenkutscher und Sänftenträger an der neuen Mode. Sie befürchteten, dass Menschen bei Regen künftig weniger auf ihre Dienste angewiesen sein könnten. Der Regenschirm war damit nicht nur ein Schutz gegen schlechtes Wetter, sondern auch eine kleine Bedrohung für ein bestehendes Gewerbe.

Im ausgehenden 18. Jahrhundert wurde der Schirm zunehmend zu einem Modegegenstand. In Paris wechselten die bevorzugten Farben innerhalb weniger Jahre: 1788 waren weisse Schirme gefragt, 1789 grüne, 1791 rote und 1804 blaue.

Auch an ungewöhnlichen Erfindungen fehlte es nicht. Im Jahr 1773 wurde in Frankreich ein Schirm mit Blitzableiter vorgestellt. 1810 kam ein Modell auf den Markt, das am Rand mit einer Regenrinne aus Stoff versehen war. Ob diese Einfälle im Alltag wirklich überzeugten, sei dahingestellt.

In der Schweiz blieb der Regenschirm bis weit ins 18. Jahrhundert hinein ein seltenes Luxusobjekt. Die frühen Modelle waren schwer, plump und wenig elegant. Sie bestanden aus Holz, Fischbein, gewachstem Tuch oder Ölpapier.

Wer einen solchen Schirm benutzte, musste mit Spott rechnen. Manchen galt er als Zeichen von Verweichlichung. Es soll sogar Menschen gegeben haben, die darin einen Eingriff in die göttliche Ordnung sahen. Der Regen, so ihre Ansicht, sei eine Prüfung, der man sich nicht einfach entziehen dürfe.

Mit der Zeit setzte sich der Regenschirm dennoch durch, zuerst in den Städten und später auch auf dem Land. Er verdrängte nach und nach das sogenannte Regentuch, einen grossen Umhang, der den Träger vom Kopf bis zu den Füssen schützte.

Im französischsprachigen Teil der Schweiz entwickelte sich stellenweise ein besonderer Brauch. Manche Ortschaften besassen zumindest einen Schirm, der an regnerischen Sonntagen dem Pfarrer für den Weg zur Kirche zur Verfügung gestellt wurde.

In Saint-Aubin soll der Geistliche Pasteur Vaucher lange Zeit den einzigen Schirm des Dorfes besessen haben. Er lieh ihn bereitwillig aus, wenn jemand eine Reise nach Neuenburg antreten musste. Ein Regenschirm war damals kein Wegwerfartikel, sondern ein wertvoller Besitz, den man miteinander teilte.

Vor rund 150 Jahren kostete ein Regenschirm ungefähr 30 Franken. Das war ein beträchtlicher Betrag. Kein Wunder, dass ein gutes Stück über Jahrzehnte benutzt und mitunter an die nächste Generation weitergegeben wurde.

Diese frühen Schirme hatten mit den leichten Modellen von heute wenig gemeinsam. Manche wogen fünf bis sechs Pfund und waren gross genug, um mehrere Personen vor dem Regen zu schützen. Zusammengeklappt liessen sie sich kaum wie ein Spazierstock tragen. Man klemmte sie waagrecht unter den Arm und musste aufpassen, damit man niemandem damit in die Rippen stiess.

Trotz ihres hohen Wertes wurden Regenschirme schon damals häufig vergessen oder verloren. Bereits in der Zeit vor der Helvetik erschienen in Schweizer Zeitungen Anzeigen von Besitzern, die nach ihrem verschwundenen Schirm suchten und auf einen ehrlichen Finder hofften.

Daran hat sich bis heute wenig geändert. Regenschirme bleiben in Zügen, Restaurants, Kirchen, Geschäften und Wartesälen zurück. Manche werden noch am selben Tag vermisst, andere erst beim nächsten Wolkenbruch.

So hat sich der Regenschirm im Laufe der Zeit stark verändert. Er wurde leichter, kleiner, günstiger und farbiger. Nur eines ist gleich geblieben: Im Fundbüro ist er bis heute ein gern gesehener Stammgast.

 

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Ein älterer Mann mit grauem Haar und Brille sitzt in einem Holzstuhl, trägt einen dunklen Pullover, hält ein aufgeschlagenes Buch in der Hand und blickt von den Seiten auf. Der Hintergrund ist eine schlichte, helle Wand.

Ich bin Hanspeter Gautschin, Erzähler und Autor von BodeständiX – Geschichten, die bleiben.

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