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In roter Schrift steht "BodeständiX" über dem schwarzen Text "Der Autorenblog von Hanspeter Gautschin" auf weißem Hintergrund.
Wörter mit Schutzhelm
Ein Mann steht an einer Gabelung eines schlammigen Weges und beobachtet Menschen mit Schutzhelm, die auf einem wolkenähnlichen, bunten Weg gehen und Kissen halten. Ein hölzerner Wegweiser zeigt in zwei Richtungen unter einem hellen, teilweise bewölkten Himmel.

Die deutsche Sprache erlebt derzeit eine interessante Entwicklung.

Früher fiel ein Alkoholiker in alte Gewohnheiten zurück. Das nannte man einen Rückfall.

Heute hat derselbe Mensch ein Konsumereignis.

Das klingt deutlich freundlicher. Fast festlich.

Man denkt unwillkürlich an Girlanden, Luftballons und eine kleine Ansprache der Behörden.

«Anlässlich des diesjährigen Konsumereignisses danken wir allen Beteiligten für ihr Engagement.»

Ein Rückfall war früher hart. Ein Konsumereignis dagegen wirkt beinahe wie ein Programmpunkt.

Offenbar soll heute niemand mehr das Gefühl haben, gescheitert zu sein.

Das ist verständlich. Scheitern tut weh. Schuldgefühle ebenfalls. Scham sowieso.

Deshalb arbeitet eine ganze Industrie daran, die Wirklichkeit sprachlich zu entgräten.

Der Alkoholiker wurde zum Menschen mit einer Alkoholgebrauchsstörung.

Der Patient zum Klienten.

Der Dicke zum mehrgewichtigen Menschen.

Der Rückfall zum Konsumereignis.

Wenn das so weitergeht, wird man eines Tages nicht mehr sterben. Man wird an einem biologischen Austrittsprozess mit endgültigem Charakter teilnehmen.

Der Friedhof wird zum Begegnungsort für dauerhaft Abwesende.

Und die Beerdigung zur Abschiedsveranstaltung mit reduzierter Anwesenheitsquote.

Wer darüber lacht, hat das Prinzip verstanden.

Die neuen Wörter entstehen meist aus einer ehrenwerten Absicht. Niemand soll verletzt, ausgegrenzt oder beschämt werden.

Dagegen ist wenig einzuwenden.

Seltsam wird es dort, wo die Verpackung wichtiger wird als der Inhalt.

Ein Mann kann sich jeden Morgen vor den Spiegel stellen und sagen: «Ich bin kein Trinker. Ich bin ein Mensch mit einer alkoholbezogenen Konsumerfahrung.»

Am Zustand seiner Leber wird das wenig ändern.

Die Sprache besitzt nämlich eine unangenehme Eigenschaft.

Sie lässt sich zwar verändern.

Die Wirklichkeit macht dabei nicht immer mit.

Ein Hagelschaden bleibt ein Hagelschaden, auch wenn man ihn als wetterbedingte Herausforderung mit Optimierungspotenzial bezeichnet.

Ein Loch im Dach bleibt ein Loch im Dach.

Und wer drei Flaschen Schnaps getrunken hat, hat selten ein Konsumereignis erlebt. Meistens hat er drei Flaschen Schnaps getrunken.

Unsere Grosseltern hätten solche Formulierungen vermutlich mit einer hochgezogenen Augenbraue quittiert.

Sie waren keine Sprachtheoretiker. Sie hatten einfach täglich mit Dingen zu tun, die sich durch neue Wörter nicht beeindrucken liessen.

Eine Kuh gab Milch oder sie gab keine Milch.

Das Heu wurde trocken oder es wurde nass.

Der Winter war kalt oder er war noch kälter.

Das Leben besass eine gewisse Sturheit.

Heute scheint man gelegentlich zu glauben, man könne die Wirklichkeit durch sprachliche Kosmetik milder stimmen.

Das erinnert an einen Mann, der den Misthaufen hinter dem Haus mit «organischem Duftkörper» beschriftet und anschliessend hofft, die Nachbarn würden ihn nicht mehr riechen.

Der Misthaufen bleibt erstaunlich unbeeindruckt.

Vielleicht braucht jede Zeit ihre eigenen Illusionen.

Unsere scheint zu glauben, dass Worte Pflaster sind.

Dabei waren Worte ursprünglich eher Fenster.

Man sah durch sie hindurch auf die Welt.

Heute werden manche Wörter so sorgfältig gepolstert, dass man die Welt dahinter kaum noch erkennt.

Und wenn diese Entwicklung anhält, wird auch dieser Artikel bald neu formuliert werden müssen.

Dann wird es nicht mehr heissen, dass ich mich über die Sprache wundere.

Sondern dass ich ein sprachbezogenes Wahrnehmungsereignis mit kritischem Reflexionshintergrund erfahren habe.

 

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Ein älterer Mann mit grauem Haar und Brille sitzt in einem Holzstuhl, trägt einen dunklen Pullover, hält ein aufgeschlagenes Buch in der Hand und blickt von den Seiten auf. Der Hintergrund ist eine schlichte, helle Wand.

Ich bin Hanspeter Gautschin, Erzähler und Autor von BodeständiX – Geschichten, die bleiben.

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