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In roter Schrift steht "BodeständiX" über dem schwarzen Text "Der Autorenblog von Hanspeter Gautschin" auf weißem Hintergrund.
Wie weit darf Toleranz gehen?
Ein Mädchen in einem Hidschab sitzt an einem Hallenbad und beobachtet zwei Kinder, die mit Schwimmbrillen schwimmen. Eine Frau steht in der Nähe, während im Hintergrund die Schweizer Flagge weht - ein ruhiger Moment, der von Toleranz in einem vielfältigen Umfeld geprägt ist.

Es gibt Themen, bei denen man schon nach den ersten Sätzen merkt, wie heikel sie sind. Kaum spricht man sie an, sind die Fronten da. Die einen hören sofort Fremdenfeindlichkeit heraus, sobald jemand eine kritische Frage stellt. Die anderen sehen schon den Untergang unserer Kultur, wenn irgendwo Rücksicht genommen wird. So kommt man nicht weiter.

Gerade bei solchen Fragen täte etwas Ruhe gut.

In den letzten Wochen war wieder einiges zu lesen über religiöse Rücksichten im Schulalltag, über Kopftücher und über die Frage, was Integration eigentlich heissen soll. Solche Meldungen sind keine Kleinigkeiten. Sie berühren etwas Grundsätzliches. Nämlich die Frage, wie weit eine offene Gesellschaft gehen soll, wenn religiöse oder kulturelle Vorstellungen mit dem kollidieren, was bei uns als selbstverständlich gilt.

Offen sein ist gut – aber nicht um jeden Preis

Dass Menschen aus verschiedenen Ländern, Kulturen und Glaubensrichtungen hier leben, ist längst Realität. Und das ist an sich nichts Schlechtes. Eine freie Gesellschaft muss Verschiedenheit aushalten können. Sie muss nicht aus lauter Gleichgesinnten bestehen.

Aber Offenheit allein genügt nicht. Eine Gesellschaft muss auch wissen, worauf sie steht. Sie braucht einen inneren Halt. Sonst wird sie unsicher, und aus Unsicherheit wird bald Nachgiebigkeit.

Man hat heute manchmal den Eindruck, dass wir aus Angst, jemanden zu verletzen, gar nicht mehr klar sagen mögen, was bei uns gelten soll. Alles wird vorsichtig formuliert, alles abgewogen, alles abgeschwächt. Rücksicht ist wichtig, ja. Aber Rücksicht darf nicht dazu führen, dass man das Eigene nur noch flüsternd vertritt.

Integration ist keine Einbahnstrasse – aber auch keine Umkehrung

Integration heisst für mich nicht, dass jemand seine Herkunft verleugnen oder seine Religion ablegen muss. Das wäre unsinnig und auch nicht menschenwürdig. Wer in ein neues Land kommt, bringt sein eigenes Leben mit, seine Prägungen, seine Erfahrungen, seine Hoffnungen. Das ist normal.

Aber Integration kann auch nicht heissen, dass sich am Ende einfach die Aufnahmegesellschaft laufend anpasst, bis sie selber nicht mehr recht weiss, was eigentlich noch gilt. Wer in ein Land kommt, kommt in einen bestehenden Raum. In eine Ordnung. In eine Gesellschaft mit Gesetzen, mit Schule, mit einer bestimmten Vorstellung vom Zusammenleben.

Und da drängt sich schon die Frage auf: Wer integriert sich eigentlich in was?

Wenn es am Ende so weit kommt, dass jede gemeinsame Regel zuerst darauf geprüft wird, ob sie auch ja niemandem religiös oder kulturell unbequem ist, dann stimmt etwas nicht mehr. Dann wird Integration schleichend zur Umkehrung.

Die Schule soll Schule bleiben

Besonders deutlich zeigt sich das im Schulalltag. Wenn Kinder aus religiösen Gründen nicht am Schwimmunterricht teilnehmen, dann mag das auf den ersten Blick wie ein Einzelfall wirken. Vielleicht sogar wie eine Kleinigkeit. Aber dahinter steckt mehr.

Die Schule ist nicht einfach ein Ort, an dem ein wenig Wissen verteilt wird. Sie ist auch ein Ort, an dem Kinder lernen, dass sie Teil eines Ganzen sind. Dass es Regeln gibt, die für alle gelten. Dass man nicht bloss Einzelner ist, sondern auch Mitglied einer Gemeinschaft.

Darum kann die Schule nicht jede Überzeugung und jede Empfindlichkeit zum Massstab machen. Sonst verliert sie ihre gemeinsame Form. Natürlich braucht es Augenmass. Natürlich braucht es das Gespräch mit Eltern. Natürlich muss man nicht mit dem Kopf durch die Wand. Aber irgendwann muss eine Schule auch sagen dürfen: Das gehört dazu. Das gilt für alle.

Gerade darin liegt ja auch ein Stück Integration.

Toleranz braucht einen festen Boden

Toleranz ist etwas Kostbares. Ohne Toleranz wird das Zusammenleben unerquicklich. Sie schützt Minderheiten, sie verhindert Fanatismus, sie ermöglicht Freiheit. Aber Toleranz ist nicht dasselbe wie Beliebigkeit.

Eine freie Gesellschaft darf Religion achten. Sie muss sich ihr aber nicht beugen.

Sie darf kulturelle Vielfalt zulassen. Sie muss darum aber nicht jede Forderung übernehmen.

Sie soll niemanden wegen seiner Herkunft verachten. Sie darf trotzdem sagen, dass ihre eigenen Grundwerte gelten.

Genau diese Unterscheidung scheint mir heute oft zu verschwimmen. Aus Toleranz wird Unsicherheit. Aus Respekt wird Schweigen. Und aus Angst, als intolerant zu gelten, sagt man lieber gar nichts mehr.

Doch eine Gesellschaft, die nicht mehr sagen kann, was ihr wichtig ist, wird auf Dauer schwach.

Das Kopftuch ist eben nicht nur Privatsache

Das sieht man auch an der Kopftuchfrage. Kaum spricht man darüber, wird es unerquicklich. Dabei wäre es doch nötig, gerade hier genauer hinzuschauen.

Für die einen ist das Kopftuch Ausdruck ihres Glaubens. Für andere ist es ein Zeichen der Zugehörigkeit. Wieder andere sehen darin ein Symbol eines Frauenbildes, das mit unserer Vorstellung von Gleichberechtigung schlecht zusammenpasst.

Man muss diese Spannung nicht künstlich verschärfen. Aber man soll sie auch nicht beschönigen.

Denn Symbole sind nie einfach nur privat. Sie tragen Bedeutungen. Sie wirken in den öffentlichen Raum hinein. Und gerade in einer Zeit, in der Frauen in manchen islamisch geprägten Ländern unter Druck, Gewalt und Zwang leiden, darf man sich schon fragen, ob bei uns jedes religiöse Zeichen automatisch als unproblematischer Ausdruck von Freiheit gelten soll.

Diese Frage zu stellen, ist nicht herzlos. Es ist ein Ausdruck von Wachsamkeit.

Es gibt Dinge, die nicht verhandelbar sein sollten

Eine Gesellschaft wie die unsere darf grosszügig sein. Sie darf geduldig sein. Sie darf fair sein. Aber sie darf an gewissen Punkten auch klar bleiben.

Die Gleichstellung von Mann und Frau ist kein Nebenschauplatz. Die Schulpflicht ist keine unverbindliche Empfehlung. Das staatliche Recht steht über religiösen Geboten. Die Meinungsfreiheit gilt auch dort, wo Meinungen stören. Und zur Freiheit gehört auch, dass man Religion kritisieren darf.

Das alles ist nicht einfach irgendwie vorhanden. Es wurde errungen, Schritt für Schritt. Oft gegen Widerstände. Gerade deshalb sollte man nicht so tun, als könne man darüber beiläufig hinweggehen.

Wer in einem freien Land lebt, profitiert von diesen Errungenschaften. Darum darf das Land auch erwarten, dass sie anerkannt werden.

Offenheit darf nicht zur Selbstverleugnung werden

Natürlich hat auch die Aufnahmegesellschaft eine Pflicht. Sie soll anständig sein. Sie soll Menschen eine Chance geben. Sie soll niemanden pauschal verdächtigen oder ausgrenzen. Wer in ein neues Land kommt, soll nicht das Gefühl haben, er werde grundsätzlich unerwünscht sein.

Aber Offenheit hat dort ihre Grenze, wo eine Gesellschaft beginnt, sich selber preiszugeben. Wenn jede klare Erwartung gleich als Härte gilt, wenn jede Grenzziehung moralisch verdächtig wird, dann verliert das Ganze seine Form.

Denn Integration setzt doch voraus, dass es überhaupt noch etwas gibt, in das man sich integrieren kann.

Wenn aber alles weich, vorsichtig und unverbindlich wird, bleibt am Ende nur noch ein Nebeneinander. Vielleicht ein friedliches. Aber kein wirklich tragfähiges.

Was eine Gesellschaft erwarten darf

Darf man also von Menschen, die in die Schweiz kommen, verlangen, dass sie sich mit den Grundlagen dieses Landes identifizieren? Ich meine: ja.

Nicht indem sie ihre Herkunft abstreifen. Nicht indem sie aufhören, sie selbst zu sein. Aber indem sie anerkennen, dass hier das Gesetz gilt und nicht religiöse Autorität. Dass Mädchen und Knaben gleich behandelt werden. Dass staatliche Institutionen nicht nach Sonderwünschen organisiert werden können. Und dass Freiheit auch die Freiheit des Widerspruchs ist.

Wer das ausspricht, ist kein Hetzer. Er erinnert an etwas, das eigentlich selbstverständlich sein sollte.

Vielleicht ist es gerade diese Selbstverständlichkeit, die uns etwas abhandengekommen ist.

Zum Schluss

Unsere Gesellschaft muss nicht lauter werden. Aber sie sollte wieder etwas klarer werden. Sie muss niemanden demütigen, niemanden pauschal verurteilen und niemandem auf ewig das Fremdsein anhängen. Aber sie sollte wieder den Mut haben zu sagen, was sie bewahren will.

Toleranz ist ein hohes Gut. Doch sie verliert ihren Sinn, wenn sie in Gleichgültigkeit umschlägt. Eine Gesellschaft, die aus lauter Vorsicht ihre eigenen Grundlagen nicht mehr benennen mag, wird auf Dauer auch niemanden mehr wirklich integrieren. Sie weicht dann aus, beschwichtigt und hofft, dass sich alles irgendwie von selber löst.

Das wird es kaum tun.

Darum scheint mir die Frage berechtigt: Was wollen wir bewahren? Was dürfen wir erwarten? Und wo beginnt der Punkt, an dem Offenheit nicht mehr grosszügig ist, sondern unsicher wird?

Genau dort beginnt die Debatte, die geführt werden muss.

 

4 Kommentare

  1. Göni

    Puh. Mega lang aber alkes guet gschriebe und ebeso begründet

  2. Beatrice Hefti Buergin

    Du hast es wieder mal auf den Punkt gebracht !

  3. Naegelin Dorli

    Danke Hanspeter
    Sehr gut und verständlich formuliert
    Bin absolut Deiner Meinung.

  4. Kugler

    Tschau Hanspeter

    Sehr gute Gedanken. Werde das geschriebene an gewissen Menschen weiterempfehlen.
    Besten Dank.
    Liebi Grüess
    Franz

Über

Ein älterer Mann mit grauem Haar und Brille sitzt in einem Holzstuhl, trägt einen dunklen Pullover, hält ein aufgeschlagenes Buch in der Hand und blickt von den Seiten auf. Der Hintergrund ist eine schlichte, helle Wand.

Ich bin Hanspeter Gautschin, Erzähler und Autor von BodeständiX – Geschichten, die bleiben.

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