Es gibt Tage, da ist die Seele leicht. Dann geht man wie von selber dem Licht entgegen, und alles scheint einfacher, weiter, freundlicher. Man atmet freier, man glaubt wieder an den Sinn der Dinge, und selbst das Gewöhnliche hat einen stillen Glanz.
Dann kommen andere Tage. Das Herz wird schwer, die Gedanken werden stiller, und etwas in uns zieht sich zurück. Man ist weniger bei den Menschen, weniger bei den Dingen, und dafür näher bei etwas Unausweichlichem im eigenen Innern. Solche Stunden lieben wir nicht. Sie machen uns unsicher. Sie nehmen uns den freundlichen Schein des Lebens.
Und doch gehören sie zum Dasein wie die hellen Tage. Vielleicht sogar inniger, als uns lieb ist.
Ein Baum lebt nicht von der Sonne allein. Man sieht seine Krone, seine Äste, das Spiel der Blätter im Wind. Das freut das Auge, und man meint, darin liege sein ganzes Wesen. Aber sein eigentliches Leben vollzieht sich halb im Verborgenen. Unter der Erde, im Dunkel, in der Kälte und Stille, breitet er sein Wurzelwerk aus. Dort sucht er Nahrung, Halt und Dauer.
So geht es auch mit uns.
Freude macht uns offen. Sie löst etwas in uns, sie hebt uns über Enge und Müdigkeit hinweg. Wir werden weiter unter ihrem Blick. Aber die Trauer führt tiefer. Sie macht die Seele still und zwingt sie, auf sich selbst zu hören. Was vorher leicht und selbstverständlich schien, verliert seinen Glanz. Manches fällt von uns ab. Manches, das wir für wichtig hielten, wird klein. Und gerade darin beginnt oft ein ernsteres Leben.
Denn der Mensch wächst nicht nur an dem, was ihn beglückt. Er wächst auch an dem, was ihn prüft.
Wer dem Schmerz immer ausweicht, bleibt sich selbst ein wenig fremd. Er kennt vielleicht manche angenehme Stunde, aber er kennt die eigenen Gründe nicht. Er hat Blätter und Zweige, doch wenig Wurzel. Ein solcher Mensch wird leicht vom ersten stärkeren Wind erschüttert.
Erst in schweren Zeiten fängt die Seele an, nach ihrem Grund zu fragen. Sie wird stiller, wahrhaftiger, anspruchsloser. Sie lernt warten. Sie lernt tragen. Sie lernt, dass nicht alles im Leben dazu da ist, uns zu erfreuen. Vieles ist dazu da, uns zu verwandeln.
Vielleicht hat die Trauer darum ihren tiefen Sinn. Sie nimmt uns für eine Weile aus dem gewohnten Gang heraus. Sie macht uns einsam. Sie macht uns aufmerksam. Sie führt uns näher an jene verborgene Mitte, aus der unser eigentliches Leben stammt. Was vorher bloss Stimmung war, kann nun Erfahrung werden. Was vorher nur heiter war, kann Wärme bekommen. Was vorher nur glänzte, kann Bestand gewinnen.
Dann verändert sich auch die Freude.
Sie wird schlichter. Sie wird stiller. Sie drängt sich nicht mehr so laut ins Leben. Aber sie ist wirklicher geworden. Sie kommt nicht mehr bloss von aussen, nicht nur aus Glück, Zustimmung oder Leichtigkeit. Sie steigt aus einer tieferen Schicht. In ihr ist etwas von Dank, etwas von Demut, etwas von Frieden.
Vielleicht ist das der Unterschied zwischen junger und reifer Freude. Die eine will tanzen. Die andere kann auch schweigen.
So steht der Mensch zwischen Licht und Dunkel wie ein Baum zwischen Himmel und Erde. Er will empor, und er muss zugleich in die Tiefe reichen. Beides gehört zu ihm. Beides ist sein Weg. Denn es genügt nicht, sich nach oben zu sehnen. Man muss auch unten Halt finden, in den stillen und oft ungeliebten Bezirken der eigenen Seele.
Dort wird entschieden, was ein Leben tragen kann.
Wenn später die Stürme kommen, zeigt sich, was gewachsen ist. Dann helfen keine schönen Worte und keine raschen Tröstungen. Dann bleibt nur, was wirklich in uns Wurzel gefasst hat.







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