Früher wusste man im Dorf ziemlich genau, wer etwas taugte. Man musste dazu keine Menschenkunde studiert haben. Es reichte, wenn man beim Beck, beim Metzger, in der Wirtschaft oder nach der Kirche die Ohren offen hielt.
Einer, der gut schaffte, wurde weiterempfohlen. Einer, der gern ein wenig zu viel verlangte, auch — aber auf andere Art. Und wer immer nur nahm und nie gab, musste sich nicht wundern, wenn die Türen mit der Zeit etwas schwerer aufgingen.
Das Dorf war kein Paradies. Es gab Neid, Missgunst, Tratsch, kleine Bosheiten und grosse Dummheiten. Aber das Leben war überschaubarer. Man sah einander. Man kannte die Geschichten hinter den Gesichtern. Und vor allem: Man musste den Menschen, mit denen man zu tun hatte, wieder begegnen.
Das wirkt.
Wer dem Nachbarn das Werkzeug auslieh, tat das nicht nur aus reiner Menschenliebe. Er wusste: Morgen brauche ich vielleicht selber Hilfe. Wer beim Heuen anpackte, bekam später auch Unterstützung. Wer ein Kalb kaufte, eine Kuh verkaufte, einen Kasten zimmerte oder ein Dach flickte, wusste: Mein Name geht mit.
Das war Eigennutz. Aber es war nicht Gier.
Eigennutz heisst zuerst einmal: Ich schaue, dass ich leben kann. Ich sorge für mein Haus, meine Arbeit, meine Familie, meinen Platz in der Welt. Ich will nicht immer bitten müssen. Ich will etwas leisten, etwas können, etwas beitragen. Ich will auf eigenen Füssen stehen.
Daran ist nichts Schlechtes.
Schlecht wird es dort, wo aus dem gesunden Blick auf das Eigene ein gieriger Griff nach allem wird. Wo der andere nur noch als Gelegenheit erscheint. Als Kunde, den man ausnehmen kann. Als Mitarbeiter, den man drücken kann. Als Konkurrent, den man aus dem Weg räumt. Als Mensch, der im eigenen Rechnen keine Rolle mehr spielt.
Dann kippt Eigennutz in Selbstsucht.
Vielleicht liegt genau hier die Verwirrung unserer Zeit. Man hat uns lange eingeredet, der Eigennutz sei schon der Anfang des Bösen. Wer für sich einsteht, gilt rasch als hart. Wer seinen Wert kennt, als anspruchsvoll. Wer nicht bei jeder moralischen Fahne mitläuft, als verdächtig. Gleichzeitig sieht man Leute, die mit grossen Worten vom Gemeinwohl reden und sehr genau wissen, wo ihr eigener Vorteil liegt.
Auch das sprach sich früher herum.
Der Unterschied zwischen Eigennutz und Gier ist nicht schwer zu verstehen. Man muss nur genau hinschauen. Der eine will leben. Die andere will besitzen. Der eine kennt Grenzen. Die andere kennt nur Appetit. Der eine weiss, dass er Teil eines Ganzen ist. Die andere merkt erst zu spät, dass sie allein am Tisch sitzt.
Ein Schreiner, der für seine Arbeit einen rechten Preis verlangt, ist kein Raffzahn. Er hat Holz gekauft, Maschinen unterhalten, Stunden eingesetzt und Erfahrung gesammelt. Wer ihm am Schluss sagt, der Nachbar mache es billiger, darf dann auch zum Nachbarn gehen. Gute Arbeit hat ihren Preis. Auch das gehört zur Ehrlichkeit.
Ein Wirt, der sein Bier nicht verschenkt, ist kein Geizkragen. Eine Bäuerin, die ihre Eier nicht unter Wert abgibt, ist nicht unsozial. Ein Autor, der für sein Buch Geld verlangt, hat nicht den Geist verkauft. Es ist eine merkwürdige Welt, in der man für alles Verständnis hat, nur nicht dafür, dass einer von seiner Arbeit leben möchte.
Dabei entsteht aus gesundem Eigennutz oft gerade das, was man Gemeinsinn nennt.
Der Bäcker will sein Brot verkaufen. Also backt er anständig. Der Kunde will gutes Brot. Also kommt er wieder. Der Handwerker will Arbeit. Also liefert er sauber ab. Der Auftraggeber will sich verlassen können. Also empfiehlt er ihn weiter. Vertrauen entsteht nicht auf Zuruf. Es wächst mit der Zeit — wenn einer hält, was er verspricht.
Vertrauen wächst langsam. Misstrauen ist schneller.
Heute ist vieles weiter weggerückt. Man klickt auf einen Knopf, und irgendwo fährt ein Lieferwagen los. Man legt Geld an, und irgendwo wird damit etwas gemacht, das man nicht mehr überblickt. Man kauft billig, und irgendwo zahlt jemand den Preis. Die Welt ist bequem geworden, aber auch undurchsichtiger.
In einer undurchsichtigen Welt kann sich die Gier besser verstecken.
Sie trägt dann nicht mehr den alten Mantel des Geizkragens. Sie kommt sauber daher, mit Präsentation, Leitbild und Hochglanzsprache. Sie spricht von Effizienz, Wachstum, Rendite, Transformation und Verantwortung. Manchmal sogar von Nachhaltigkeit. Und während alle nicken, verschwindet der eigentliche Mensch aus der Rechnung.
Darum lohnt es sich, wieder einfacher zu fragen.
Nützt mein Tun nur mir?
Oder darf auch ein anderer davon leben?
Diese Frage ist nicht sentimental. Sie ist nüchtern. Ein Geschäft, bei dem nur einer gewinnt und der andere geschwächt zurückbleibt, ist auf Dauer kein gutes Geschäft. Eine Gemeinschaft, in der alle nur nehmen, fällt auseinander. Eine Gesellschaft, die jeden gesunden Eigennutz verdächtigt und jede grosse Gier mit Fachwörtern schmückt, verliert den Verstand.
Der Mensch braucht beides: den Sinn für das Eigene und den Sinn für das Ganze.
Wer nur für andere lebt, brennt aus. Wer nur für sich lebt, verarmt innerlich. Irgendwo dazwischen liegt der aufrechte Weg. Man sorgt für sich, ohne den anderen zu vergessen. Man verlangt einen fairen Preis, ohne zu betrügen. Man nimmt Hilfe an, ohne sich einzurichten in der Bequemlichkeit. Man gibt, ohne sich als Wohltäter aufzuspielen.
Das klingt altmodisch. Vielleicht ist es gerade darum brauchbar.
Denn die alten Dörfer, Werkstätten, Höfe und Vereine wussten etwas, das wir heute wieder lernen könnten: Der Mensch ist kein einzelnes Zahnrad in einer Maschine. Er lebt in Beziehungen. Sein Name, sein Wort, seine Arbeit und sein Verhalten gehören zusammen.
Wer etwas taugt, muss nicht viel erklären.
Und wer nichts taugt, erklärt meistens zu viel.







Du hast in Worte gefasst wie es einmal war und wie es auch heute noch in vielem gilt. Die Anonymität duch Mobilität hat vieles verdorben. Vieles das früher üblich war kennen die Leute nicht mehr. In meinem Leben bin ich einigemale umgezogen. Bei jedem Einzug in eine neue Wohnung/Haus suchte ich den Kontakt zu den neuen Nachbarn. Meist mit Erfolg. Oft erst nach einer Weile eintretend. Vor zweieinhalb Jahren zogen wir in die jetzige Wohnung in einem fünffamilien Haus. Rings um Einfamilienhäuser. Nach dem Einzug stellte ich mich und Uns den Bewohnern einzeln vor. „Du bist der ersten aus diesem seit sieben Jahren bestehenden Haus der grüsst und sich vorstellt“. Gute Nachbarschaft ist Goldwert. Ein gutes Wort am Morgen die Nachfrage nach derGesundheit des kürzlich erkrankten Kind. Alle kostet nichts und ist doch wertvoller als ein teures Schmickstück.Gedanken mache ich mir weil von den anderen Bewohnern des Hauses diese Haltung fehlt. Tragisch- wohnen wir doch auf dem Land. In einem Quartier wo Kinder schon zum Kindergarten zu Fuss gehen- grüssen und gegrüsst werden. Alles redet über Altereinsamkeit. Es muss ja nicht sein dass man sich gegeseitig in den Kochtopf schaut um eine gute Nachbarschaft zu pflegen.
Jetzt bin ich vom Thema deines Berichts abgetrifften. Irgendwie passt es doch in die Tiefe deiner Gedanken.
Es zfrieydes Wochenend
Hans
Lieber Hans
Danke dir für deine Zeilen – ich habe sie mit grossem Interesse gelesen.
Du beschreibst etwas, das man heute fast schon erklären muss, obwohl es früher selbstverständlich war: dass man sich sieht, grüsst, sich ein wenig umeinander kümmert. Keine grosse Sache – und doch von unschätzbarem Wert.
Dein Beispiel zeigt, dass es nicht an den Umständen liegt, sondern an den Menschen. Du bist hingegangen, hast dich vorgestellt, hast den ersten Schritt gemacht. Das ist vielleicht genau der Punkt: Gemeinsinn beginnt selten im Grossen, sondern im Kleinen.
Dass dir dabei auffällt, wie zurückhaltend viele geworden sind, kann ich gut nachvollziehen. Man lebt nahe beieinander, aber oft nebeneinander her. Und gerade auf dem Land spürt man den Unterschied vielleicht noch stärker, weil die Erinnerung an ein anderes Miteinander noch da ist.
Dein Satz ist mir besonders geblieben:
Ein gutes Wort am Morgen kostet nichts und ist doch wertvoller als ein Schmuckstück.
Dem ist eigentlich nichts beizufügen.
Und nein – du bist gar nicht vom Thema abgekommen. Du hast es im Gegenteil sehr schön in den Alltag geholt.
Ich wünsche dir ebenfalls ein zufriedenes Wochenende
Hanspeter