Es gibt Wörter, die sind wie Schubladen. Man wirft etwas hinein, schlägt sie zu, und schon ist es erledigt. «Verschwörungstheorie» ist ein solches Wort.
Heute genügt es, es jemandem um die Ohren zu schlagen – und schon ist er ein Spinner, ein «Aluhut», jemand, den man nicht mehr ernst zu nehmen braucht.
Doch jedes Wort hat eine Herkunft, eine Geschichte. «Verschwörungstheorie» ist nicht einfach so gewachsen. Es ist ein Kampfbegriff. Und wie er diesen Weg genommen hat, sagt mehr über unsere Gesellschaft aus, als uns vielleicht lieb ist.
Wenn Zweifel zu Spinnerei erklärt werden
Spätestens seit dem 11. September 2001 hat der Begriff Hochkonjunktur. Die Bilder der einstürzenden Zwillingstürme in New York gingen um die Welt. Kaum war der Staub verzogen, sprach Präsident George W. Bush vor der UNO:
«Lasst uns niemals frevelhafte Verschwörungstheorien im Zusammenhang mit den Anschlägen des 11. September tolerieren, boshafte Lügen, die bezwecken, die Schuld von den Terroristen abzulenken.»
Mit diesem Satz war die Richtung gesetzt. Wer Zweifel äusserte, wer Fragen stellte, galt nicht als kritischer Bürger, sondern als jemand, der Unruhe stiftet.
Dabei gab und gibt es offene Fragen. Gebäude WTC 7 etwa, das nicht von einem Flugzeug getroffen wurde und dennoch am selben Tag in sich zusammenfiel. In offiziellen Berichten tauchte dieser Einsturz lange gar nicht auf – als sei er nie geschehen. Viele Experten erklärten den freien Fall für physikalisch nur durch eine kontrollierte Sprengung erklärbar. Andere verwiesen auf Brände. Bis heute ist es ein Streitfall.
Doch wer darauf hinwies, bekam das Etikett «Verschwörungstheoretiker» verpasst. Ein einfacher Trick: Zweifel wurden nicht entkräftet, sondern delegitimiert.
Der lange Schatten von 1967
Weniger bekannt ist, dass die Karriere dieses Wortes schon viel früher begann. 1963 wurde John F. Kennedy in Dallas ermordet. Der Warren-Report kam zum Schluss: Es war ein Einzeltäter, Lee Harvey Oswald.
Doch immer mehr Menschen glaubten nicht daran. Zu viele Ungereimtheiten, zu viele offene Fragen. Also griff die CIA ein. Am 2. April 1967 verschickte sie das Memorandum 1035-960. Die Anweisung war klar: Kritiker der offiziellen Darstellung sollten öffentlich als «conspiracy theorists» bezeichnet werden. Man unterstellte ihnen Geldgier, Eitelkeit oder politische Motive.
Damit war ein Begriff aufgeladen, der zuvor weitgehend neutral war. Er wurde zur Waffe. Und diese Waffe wirkt bis heute.
Verschwörungen sind so alt wie die Menschheit
Das Absurde daran: Natürlich gibt es Verschwörungen. Seit es Menschen gibt, verabreden sie sich im Geheimen, um etwas zu erreichen, das sie öffentlich nicht wagen würden.
- Julius Cäsar wurde 44 v. Chr. von Senatoren ermordet, die sich verschworen hatten.
- 1914 ermordete eine serbische Geheimorganisation den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand in Sarajevo. Das Attentat löste den Ersten Weltkrieg aus.
- 1916 wurde Rasputin, der einflussreiche Mönch am russischen Zarenhof, ermordet. Hinweise deuten sogar auf die Beteiligung eines britischen Geheimagenten hin.
- Und in der Wirtschaft? Kartelle sind nichts anderes als institutionalisierte Verschwörungen.
Wer behauptet, Verschwörungen seien reine Hirngespinste, muss schon mit Scheuklappen durch die Welt gehen.
Politik im Graubereich
Auch in der neueren Geschichte lassen sich Beispiele finden, die den engen Zusammenhang von Politik und verdecktem Handeln zeigen.
Der Schweizer Historiker Daniele Ganser belegte die Existenz geheimer NATO-Armeen im Kalten Krieg. Diese «Stay-behind»-Netzwerke, auch unter dem Namen Gladio bekannt, verübten in manchen Ländern Terroranschläge, die dann politischen Gegnern in die Schuhe geschoben wurden.
2014 rückte die Ukraine ins Zentrum der Weltpolitik. Die US-Diplomatin Victoria Nuland erklärte öffentlich, die USA hätten fünf Milliarden Dollar in «Demokratieförderung» investiert. Abgehörte Telefonate zeigten, wie amerikanische Diplomaten über die Zusammensetzung der künftigen Regierung in Kiew sprachen – ganz so, als ginge es um eine Personalplanung im eigenen Haus. Für die einen war das legitime Aussenpolitik, für die anderen eine handfeste Einmischung.
Ein Wort als Bannspruch
«Verschwörungstheorie» funktioniert wie ein Bannspruch. Einmal ausgesprochen, verliert der Betroffene seine Glaubwürdigkeit. Er kann Fakten vorlegen, Indizien sammeln, Fragen stellen – es nützt nichts.
Dabei wird alles in einen Topf geworfen:
- die wilde Fantasie von Leuten, die hinter allem den Teufel sehen,
- und die akribische Recherche von Historikern, die auf Widersprüche stossen.
Der Bannspruch unterscheidet nicht. Er dient nur dazu, Diskussionen abzubrechen.
Der Glaube der «Nicht-Verschwörer»
Interessant ist, dass auch das Gegenteil einer «Verschwörungstheorie» ein Glaube ist. Wer überzeugt ist, dass es keine Verschwörungen gibt, glaubt ebenso. Man könnte von «Nichtverschwörungs-Gläubigen» sprechen – Menschen, die fest darauf vertrauen, dass Regierungen stets zum Wohl der Bürger handeln und Medien immer objektiv berichten.
Doch auch das ist ein Weltbild, nicht mehr und nicht weniger. Und es ist bequem: Wer an die Gutwilligkeit der Mächtigen glaubt, muss keine unbequemen Fragen stellen.
Zwischen Glaube und Zweifel
Vielleicht liegt der Kern des Problems darin, dass wir Schwarz-Weiss denken: Entweder wir glauben an jede geheime Absprache – oder wir glauben an gar keine. Doch die Wirklichkeit liegt dazwischen.
Eine Theorie über eine mögliche Verschwörung ist zunächst eine Hypothese. Sie kann sich bewahrheiten oder in Luft auflösen. Erst Fakten entscheiden, ob sie trägt. Der Fehler liegt nicht im Fragenstellen, sondern im vorschnellen Festlegen – sei es im Glauben oder im Leugnen.
Worte formen Wirklichkeit
«Verschwörungstheorie» ist mehr als ein Wort. Es ist ein Werkzeug, das über Jahrzehnte geschärft wurde, um Stimmen zum Verstummen zu bringen. Seine Geschichte zeigt: Sprache ist nie unschuldig.
Verschwörungen gibt es, in kleiner und grosser Form. Manche sind harmlos, manche welterschütternd. Entscheidend ist, dass wir uns die Fähigkeit zum Fragen nicht nehmen lassen.
Denn was die Vergangenheit lehrt: Selbst die kühnsten Theorien enthalten manchmal einen wahren Kern. Und manchmal zeigt sich erst nach Jahren, dass diejenigen, die man verspottete, gar nicht so falsch lagen.







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