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In roter Schrift steht "BodeständiX" über dem schwarzen Text "Der Autorenblog von Hanspeter Gautschin" auf weißem Hintergrund.
Über die Würde
Aquarellbild eines älteren Mannes, der würdevoll auf einer Bank am See sitzt und eine Frau und ein Kind beobachtet, die bei Sonnenuntergang Hand in Hand spazieren gehen, im Hintergrund sind Bäume und Berge zu sehen.

Ich habe im Laufe meines Lebens viele Menschen kennengelernt. Manche waren reich, manche einflussreich, manche klug.

Doch wenn ich heute an jene denke, die mich wirklich beeindruckt haben, dann waren es fast nie die Lauten. Es waren die Stillen.

Menschen, die keinen grossen Auftritt brauchten. Die nicht bei jeder Gelegenheit erzählten, was sie geleistet hatten. Die einem zuhörten, ohne dabei schon an die eigene Antwort zu denken. Menschen, die freundlich blieben, auch wenn ihnen das Leben längst genug Gründe geliefert hätte, bitter zu werden.

Vielleicht beginnt dort etwas, das wir Würde nennen.

Würde trägt keine Uniform. Sie schmückt sich nicht mit Titeln und braucht keine Bühne. Wer wirklich würdevoll ist, hat selten das Bedürfnis, andere davon zu überzeugen.

Als Kind stellte ich mir würdige Menschen anders vor. Sie trugen dunkle Anzüge, sprachen langsam und schienen immer etwas Wichtiges zu denken. Später begegnete ich Menschen, die all dies besassen – und doch keine Würde ausstrahlten.

Dafür traf ich andere, von denen kaum jemand Notiz nahm. Eine ältere Frau, die ihrem kranken Mann jahrelang mit einer Geduld begegnete, für die es keine Orden gibt. Ein Handwerker, der einen Fehler eingestand, obwohl niemand ihn bemerkt hätte. Ein Mann, der sich nach einer ungerechten Behandlung nicht mit Bitterkeit rächte, sondern seinen Weg ruhig weiterging.

Damals begann ich zu ahnen, dass Würde nichts mit der Rolle zu tun hat, die wir im Leben spielen.

Sie zeigt sich dort, wo niemand hinsieht.

Vielleicht erkennt man den Charakter eines Menschen nicht daran, wie er mit Vorgesetzten spricht, sondern wie er einer Serviertochter begegnet. Nicht daran, wie grosszügig er vor Publikum spendet, sondern wie aufmerksam er einem Einsamen zuhört. Nicht daran, wie laut er seine Überzeugungen verkündet, sondern wie er sich verhält, wenn ihm widersprochen wird.

Würde braucht keine Zeugen.

Sie wohnt in den kleinen Entscheidungen des Alltags.

In einer Zeit, in der fast alles bewertet wird, scheint der Wert eines Menschen immer häufiger von seiner Reichweite, seinem Konto oder seinem Einfluss abzuhängen. Doch das sind äussere Gewänder. Sie können Eindruck machen. Sie sagen wenig darüber aus, wer den Mantel trägt.

Es gibt Menschen, die besitzen fast nichts und hinterlassen dennoch überall eine Spur von Wärme. Andere besitzen beinahe alles und hinterlassen eine Kälte, die selbst prächtige Räume nicht zu erwärmen vermag.

Würde lässt sich nicht kaufen. Sie lässt sich auch nicht spielen.

Sie wächst langsam. Oft dort, wo das Leben einen Menschen geprüft hat. Wer Leid erfahren hat, ohne daran hart zu werden, trägt bisweilen eine stille Grösse in sich. Wer Macht besitzt und sie nicht missbraucht, verdient Achtung. Wer einen Fehler eingesteht, verliert vielleicht sein Gesicht – aber gewinnt an Würde.

Vielleicht beginnt Würde dort, wo das Bedürfnis endet, grösser erscheinen zu wollen als man ist.

Denn Eitelkeit lebt vom Vergleich.

Würde lebt von der Echtheit.

Sie muss sich nicht über andere erheben. Sie muss niemanden klein machen, um selbst zu wachsen. Sie kennt den Wert des Schweigens ebenso wie den Mut des richtigen Wortes. Sie verzichtet auf den schnellen Triumph, wenn dieser auf Kosten eines anderen geht.

Je älter ich werde, desto mehr bewundere ich Menschen, die nicht ständig von sich erzählen müssen. Menschen, die zuhören können. Menschen, die freundlich bleiben, obwohl das Leben ihnen Grund genug gegeben hätte, bitter zu werden.

Vielleicht ist das die schönste Form der Würde.

Sie fällt nicht auf.

Aber sie fällt ins Herz.

Und vielleicht ist das der Grund, weshalb wir uns an solche Menschen oft noch lange erinnern, wenn wir ihren Namen längst vergessen haben.

 

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Über

Ein älterer Mann mit grauem Haar und Brille sitzt in einem Holzstuhl, trägt einen dunklen Pullover, hält ein aufgeschlagenes Buch in der Hand und blickt von den Seiten auf. Der Hintergrund ist eine schlichte, helle Wand.

Ich bin Hanspeter Gautschin, Erzähler und Autor von BodeständiX – Geschichten, die bleiben.

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