Es gibt Begebenheiten, die kommen still daher und bleiben einem doch lange im Gedächtnis. Man könnte sie fast übersehen, wenn man hastig lebt und immer schon mit dem Nächsten beschäftigt ist. Wer aber allein unterwegs ist, Schritt für Schritt, mit offenen Augen und ohne inneres Gedränge, dem fällt manchmal etwas zu, das mehr sagt als manche gelehrte Rede.
So ging es mir an einem Samstag im Emmental.
Ich war auf einer schönen Wanderung unterwegs. Es war kein Marsch mit Ehrgeiz, kein Vorhaben, bei dem man sich selber etwas beweisen muss. Ich ging einfach. Die Hügel lagen weich in der Landschaft, die Matten zogen sich ruhig hin, da und dort stand ein Hof, als gehöre er seit Menschengedenken an genau diesen Platz. Über allem lag jenes späte Licht, das dem Emmental gut steht und selbst einem gewöhnlichen Tag etwas Feierliches gibt.
Gegen Abend kam ich nach Ferrenberg, diesem kleinen Weiler mit seinen wenigen Häusern. Wer dort vorbeikommt, merkt sofort, dass die Welt hier nicht im grossen Takt schlägt. Es ist ein stiller Fleck, einer von denen, die nicht auftrumpfen und gerade darum ihren eigenen Zauber haben. Dort kehrte ich in ein uriges Wirtshaus ein, wie man es heute nicht mehr oft findet.
Schon beim Eintreten spürte ich, dass dies ein Haus mit Vergangenheit war. Der Boden hatte viele Schritte getragen, die Tische brauchten kein neues Kleid, und die Luft roch nach Holz, Küche und den Jahren. Nichts war geschniegelt. Nichts wollte etwas darstellen. Es war einfach ein Wirtshaus, und das genügte vollauf.
Drinnen war es still.
Die Wirtin sass beim Stricken. Als ich hereinkam, legte sie ihre Arbeit weg und grüsste freundlich, ohne viel Umstände zu machen. So, wie man es auf dem Land kennt, wenn einer zur Tür hereinkommt und willkommen ist, ohne dass ein grosses Aufheben darum gemacht wird.
Ich setzte mich hin und bestellte einen Schoppen.
In der Stube waren ausser mir nur zwei alte Männer. Sie sassen unter der Lampe an einem kleinen Tisch, vor sich die Karten und daneben die Tafel für die Striche. Beide hatten weisses Haar. Beide wirkten so, als gehörten sie seit Jahren an diesen Platz. Es war keine Pose an ihnen, kein künstliches Altsein. Sie waren einfach da, still und ganz bei sich.
Zuerst achtete ich wenig auf sie. Zwei alte Männer beim Kartenspiel, das ist in einem Wirtshaus noch nichts Besonderes. Doch mit der Zeit merkte ich, dass da etwas Eigenartiges vorging. Etwas, das mich von meiner stillen Betrachtung der Stube weg und ganz zu ihnen hinzog.
Die Wirtin zog die alte Standuhr auf. Das Pendel setzte sich wieder in Bewegung und schlug seinen Takt so deutlich in den Raum, dass das Schweigen fast etwas Selbstverständliches bekam. Es passte alles zusammen: das matte Licht, die dunkle Decke, der Wein im Glas, der Abend draussen und diese beiden alten Männer am Tisch.
Sie nahmen die Karten in die Hand und ordneten sie zu einem Fächer. Dann sah der eine den andern an. Kein langes Forschen, kein grosses Zeichen. Ein Blick genügte. Der andere verstand, nickte leicht, und einer von beiden griff zur Kreide und setzte einen Strich auf die Tafel. Danach legten sie ihre Karten offen auf den Tisch.
Die Runde war entschieden.
Gespielt wurde sie gar nicht.
Ich meinte erst, ich hätte mich geirrt. Doch beim nächsten Mal geschah genau dasselbe. Karten aufnehmen. Kurz prüfen. Ein Blick hinüber. Ein stilles Einverständnis. Ein Strich. Ende. Dann wieder mischen, austeilen und von vorn.
Nun schaute ich offen zu.
Je länger ich die beiden beobachtete, desto stärker packte mich das, was da vor sich ging. Diese alten Männer konnten offenbar schon beim Aufnehmen der Karten erkennen, wie die Sache stand. Sie wussten, wer die stärkere Hand hatte. Sie wussten, wann eine Runde entschieden war. Und wenn sie entschieden war, dann brauchte man sie nicht erst noch mit grossem Aufwand auszuspielen.
Da sass also einer mit den besseren Karten. Der andere sah es auch. Beide erkannten die Lage. Keiner tat überrascht. Keiner versuchte noch, mit Trotz oder Eigensinn etwas herauszuzwingen, das doch nicht mehr zu holen war. Man akzeptierte, was vor einem lag. Dann ging es weiter.
Mich beeindruckte daran weniger die Kunst des Kartenspiels als die Haltung, die darin sichtbar wurde.
Da war kein Murren. Keine gekränkte Eitelkeit. Kein Ehrgeiz, der selbst in einer verlorenen Sache noch einen kleinen Triumph erzwingen will. Diese beiden Alten hatten sich offenbar eine Ruhe bewahrt oder errungen, die selten geworden ist. Sie wussten wohl, dass man sich vieles ersparen kann, wenn man das Offensichtliche erkennt und anerkennt.
Es ging ihnen auch nicht darum, einander etwas zu beweisen. Das war das Schönste an der ganzen Sache. Keiner musste dem andern zeigen, wie klug, wie listig oder wie überlegen er sei. Sie sassen zusammen am Tisch, spielten Karten und liessen den Dingen ihren Lauf. Das Spiel war wichtig, gewiss. Aber noch wichtiger war das Einverständnis zwischen ihnen.
Ich erinnere mich, dass ich damals dachte: Vielleicht haben diese beiden in ihrem Leben genug Gezänk gesehen. Vielleicht genug Rechthaberei, genug vergebliche Kämpfe, genug Stolz, der am Ende nur Scherben hinterlässt. Vielleicht waren sie an einen Punkt gelangt, an dem man die Dinge einfacher nimmt, ohne flach zu werden. Klarer. Gelassener.
Schliesslich fragte ich die Wirtin leise, ob ich mich wohl an ihren Tisch setzen dürfe. Sie gab mir keine grosse Antwort. Sie nahm mein Glas, trug es hinüber und stellte es an den freien Platz. Damit war alles gesagt.
Die beiden alten Männer drehten ihre weissen Köpfe kurz zu mir, nahmen mich zur Kenntnis und spielten weiter. Ohne besondere Begrüssung, ohne Misstrauen, ohne irgendein Theater.
Ich sass nun bei ihnen und schwieg.
Mehr als einmal kam es mir in den Sinn, etwas zu sagen. Eine Frage vielleicht. Eine Bemerkung. Ein staunendes Wort. Aber ich brachte es nicht über mich. Es wäre mir vorgekommen, als würde ich etwas Stilles und Kostbares mit meiner Stimme grob anfassen. So liess ich es bleiben und schaute einfach zu.
Inzwischen hatte sich die Stube langsam gefüllt. Andere Gäste kamen herein, man hörte Stimmen, Gläser, ein paar Stühle wurden gerückt. Das Wirtshaus lebte auf. Und doch blieb um diesen Tisch eine eigentümliche Ruhe. Fast so, als hätte der Lärm des Abends dort keinen Zutritt.
Später machte ich mich wieder auf den Heimweg.
Draussen lag die Nacht über den emmentalischen Hügeln. Ferrenberg blieb hinter mir zurück, dieser kleine Weiler mit seinen paar Häusern, still und unscheinbar in der Dunkelheit. Ich ging langsam und hatte Zeit zum Nachdenken.
Es war, wenn man es nüchtern betrachtet, nur ein Kartenspiel gewesen.
Und doch war es mehr.
Was mich getroffen hatte, war diese stille Übereinkunft zweier alter Männer. Ihr gegenseitiges Vertrauen. Ihre Fähigkeit, eine Lage zu erkennen, ohne sie künstlich zu verlängern. Ihre Art, etwas hinzunehmen, ohne sich dabei kleinzumachen. Darin lag eine Form von Weisheit, die man heute selten antrifft.
Auf dem Heimweg dachte ich an die grossen Streitereien dieser Welt, an die Mächtigen, die nie aufhören können, an die Kleinen, die sich an Kleinigkeiten verbeissen, an all das unnötige Gerangel, das nur darum weitergeht, weil keiner loslassen will. Und da stiegen mir diese beiden Alten wieder vor Augen, unter der Lampe in der Wirtsstube von Ferrenberg, mit ihren Karten in der Hand und ihrer stillen Gewissheit.
Wie viel würde sich im Leben ersparen lassen, wenn mehr Menschen wüssten, wann etwas entschieden ist. Wie viel Lärm könnte verstummen, wenn man nicht jede Sache bis zur bittersten Spitze treiben müsste. Wie viel menschlicher wäre vieles, wenn weniger Ehrgeiz und mehr Einvernehmen am Tisch sässen.
Vielleicht, dachte ich, braucht es ein langes Leben, bis einer begreift, dass nicht jeder Kampf ausgefochten werden muss. Dass Würde auch darin liegen kann, eine Sache klar zu sehen. Dass Vertrauen mehr trägt als Rechthaberei. Und dass man dem Mitmenschen näherkommt, wenn man ihm nicht dauernd überlegen sein will.
So blieb mir dieser Abend in Ferrenberg in Erinnerung.
Ein kleines Wirtshaus. Zwei alte Männer. Ein Kartenspiel. Mehr brauchte es nicht.
Es war kein grosses Ereignis. Keine grosse Geschichte. Aber es war ein Bild, das etwas Wesentliches zeigte: Ruhe. Einverständnis. Gelassenheit. Und eine stille Form von Weisheit, die ohne viele Worte auskommt.







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