Wenn am Abend des 1. August in der ganzen Schweiz die Kirchenglocken läuten, wenn auf den Hügeln die Höhenfeuer brennen, in den Gärten das Feuerwerk zischt und es in den Quartieren fröhlich chlöpft und raucht, denkt kaum jemand an den Mann, der all das in dieser Form überhaupt erst möglich gemacht hat.
Rudolf Münger – ein heute weitgehend vergessener Berner Künstler – war es, der dem 1. August als Nationalfeiertag jene feierliche Form gegeben hat, die bis heute Bestand hat.
Ein Künstler mit Heimat im Herzen
Rudolf Münger wurde 1862 in Bern geboren. Er war Sohn eines Malermeisters und erlernte in Neuenburg das Handwerk von Grund auf, bevor er in München, Paris und London Kunst studierte. Trotz internationaler Ausbildung blieb Münger künstlerisch geerdet: Statt sich den damals modernen Strömungen wie dem Expressionismus oder Kubismus anzuschliessen, entwickelte er einen eigenen Stil, der von der Frührenaissance, der Bauernkunst und dem Jugendstil beeinflusst war. Seine Werke – Wandmalereien, Glasfenster, Ex Libris, Buchillustrationen – atmen Heimat, Geschichte und Volksverbundenheit.
Münger war vieles: Porträtist, Heraldiker, Illustrator von Gotthelf-Büchern, Zeichner von Kinderbibeln und Wappenscheiben. Doch sein grösster kultureller Beitrag war nicht gemalt, sondern gedacht – und dann durchgesetzt: die institutionalisierte Bundesfeier am 1. August.
Die Bundesfeier von 1891 – ein einmaliges Fest?
Im Jahr 1891 wurde das 600-jährige Bestehen der Eidgenossenschaft gefeiert. Es war ein imposantes Volksfest mit Fackelzügen, Glockengeläut und Höhenfeuern. Doch trotz des grossen Erfolges war diese Feier als einmaliges Jubiläum gedacht. Niemand dachte daran, daraus ein wiederkehrendes Ritual zu machen.
Niemand – ausser Rudolf Münger.
Der sensible Künstler war tief bewegt vom symbolischen Charakter der Feier. Für ihn lag darin mehr als ein patriotischer Anlass: Es war ein Ausdruck des Zusammenhalts, ein identitätsstiftendes Erlebnis, das die vielfältige Schweiz einen konnte – mit einfachen Mitteln, ohne Pomp und Militär. Deshalb reichte Münger am 10. Juli 1898 im Berner Stadtrat eine Motion ein, die heute als kulturpolitischer Meilenstein gelten darf.
Die Motion Müngers – Geburtsstunde der heutigen Bundesfeier
Münger schlug in seiner Eingabe vor, künftig jedes Jahr am 1. August wenigstens ein zentrales Element der 1891er-Feier zu wiederholen: das gleichzeitige Glockengeläut um 19 Uhr in allen Kirchen der Eidgenossenschaft. Es war eine schlichte, aber wirkungsvolle Idee. Das Glockenläuten, das zur selben Zeit im ganzen Land zu hören sein sollte, war für Münger ein symbolischer Herzschlag der Nation – ein lautloser Bund über Kantons-, Sprach- und Konfessionsgrenzen hinweg.
Die Idee fand Widerhall: Der Regierungsrat des Kantons Bern unterstützte das Anliegen, der Bundesrat ebenfalls. Bald folgten weitere Kantone. So wurde 1899 der erste landesweit koordinierte Bundesfeiertag gefeiert – mit Glockengeläut und Höhenfeuern. Seitdem ist der 1. August ein fester Bestandteil des Schweizer Kalenders – ein Verdienst Rudolf Müngers.
Warum ist Münger heute fast vergessen?
Obwohl Münger zweifellos ein kulturpolitischer Wegbereiter war, ist sein Name heute kaum noch bekannt. Das liegt vermutlich an mehreren Faktoren. Erstens war Münger kein «lauter» Mensch. Er wirkte mehr im Hintergrund, verknüpfte Kunst, Politik und Bildung ohne Selbstdarstellung.
Zweitens passte sein künstlerisches Werk nicht in die kunsthistorische Erzählung des 20. Jahrhunderts. Während die Moderne mit Avantgarde und Abstraktion aufbrach, blieb Münger seiner romantischen, heimatverbundenen Bildsprache treu. Er malte nicht gegen die Zeit, sondern für das, was er bewahren wollte: Tradition, Landschaft, Werte.
Seine konservative Haltung zeigt sich auch in einem späten Schreiben von 1928, als er ein Bild von Alice Bailly als «moderne Verhöhnung der von Gott geschaffenen Natura» bezeichnete. Solche Aussagen machten ihn für die Kunstavantgarde der Nachkriegszeit unattraktiv.
Doch gerade heute, wo Heimat, kulturelle Identität und Rituale wieder an Bedeutung gewinnen, lohnt es sich, Münger neu zu entdecken.
Ein Mann des kulturellen Heimatschutzes
Schon 1905 war Münger Mitbegründer der Schweizerischen Vereinigung für Heimatschutz. Gemeinsam mit Gleichgesinnten wie Otto von Greyerz kämpfte er gegen die Entwurzelung durch die Industrialisierung. Er entwarf Kostüme fürs Heimatschutztheater, illustrierte volkstümliche Bücher und verstand seine Arbeit als Dienst an einer lebendigen Volkskultur.
Dabei war er keineswegs rückwärtsgewandt im dogmatischen Sinn. Vielmehr wollte er das kulturelle Gedächtnis der Schweiz – ihre Trachten, ihre Lieder, ihre Bildsprache – sichern und lebendig halten. Die Bundesfeier am 1. August war in diesem Sinne nicht bloss ein Festtag, sondern Ausdruck eines kulturellen Selbstbewusstseins.
Müngers bleibendes Erbe
Dass heute ganze Dörfer an diesem Sommerabend gemeinsam feiern, Alphörner ertönen und Feuer auf den Höhen brennen – das alles geht auf Müngers stille, aber wirkmächtige Initiative zurück. Er war derjenige, der das Erlebte von 1891 nicht als einmalige Folklore abtun wollte, sondern als etwas sah, das sich jährlich wiederholen, festigen, verwurzeln sollte.
Und so läuten auch heute noch die Glocken um 19 Uhr. Sie läuten auch für Rudolf Münger, ob wir es wissen oder nicht.
Epilog – ein würdiges Gedenken
Vielleicht wäre es an der Zeit, Rudolf Münger wieder einen Platz im kollektiven Bewusstsein zu geben – nicht als steifen Nationalisten, sondern als feinsinnigen Künstler und Kulturinitiator. Einer, der verstand, dass Identität nicht in Stein gemeisselt ist, sondern in wiederkehrenden Symbolen lebt. Die Bundesfeier ist sein Vermächtnis.
Quellen:
Albert Kläger: Der Begründer der 1.-August-Feier
Ulrich Wehrli: Rudolf Münger – Ein Künstler ausserhalb der Kunstströmungen seiner Zeit







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