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In roter Schrift steht "BodeständiX" über dem schwarzen Text "Der Autorenblog von Hanspeter Gautschin" auf weißem Hintergrund.
Über Pressevielfalt und Propaganda
Ein ernster Mann sitzt an einem Schreibtisch mit einer Schreibmaschine und liest inmitten von Papierstapeln und einem Aschenbecher einen FRAGEBOGEN. In dem verrauchten, überfüllten Büro - wie es sich für eine echte Pressevielfalt gehört - verrichten andere Arbeiter im Hintergrund ihre Arbeit.

Heute blättern die meisten Leute auf einem Bildschirm herum. Sie lesen Schlagzeilen, die sich gleichen wie ein Ei dem anderen. Einheitsbrei mit bunten Bildern.

Ob Basler Zeitung, Tagesanzeiger, NZZ online oder 20 Minuten: Wenn man die Titel wechselt, merkt man’s kaum. Dieselben Nachrichten, dieselben Formulierungen, dieselbe Langeweile.

Früher war das anders. Viel anders.
Im Waldenburgertal, wo ich aufgewachsen bin, reichte die Welt zwar selten weiter als bis Liestal. Aber in Sachen Zeitungen gab es Auswahl. Und Auswahl macht wach.

Die Basellandschaftliche Zeitung war stramm bürgerlich. Der Landschäftler moderat links. Die Basler Nationalzeitung linksliberal. Das Volksblatt katholisch. Die Basler Nachrichten berichteten zwar, aber nicht über uns. Und wer ganz links stand, las die Basler AZ.

Dazu der Waldenburger Bezirksanzeiger, das Gelbe Heft, Meyer’s Modeblatt und der Alphorn-Kalender.

Ein ganzes Sammelsurium. Jeder wusste, was er bekam. Und man las das, was ins eigene Weltbild passte.

Ich gestehe: Schon als kleiner Bub war ich ein Zeitungs-Junkie. Andere Kinder lernten lesen, weil sie mussten. Ich, weil ich es nicht ertrug, dass sich die Erwachsenen jeden Tag in Berge von Papier vertieften und ich hintenanstehen musste. Mich faszinierte alles, was mit dem gedruckten Wort zu tun hatte. Zeitungen, Zeitschriften, selbst Reklameblätter – ich verschlang sie, als ginge es um Romane. Und vielleicht war es gerade dieser Kontrast, der mich so fesselte: die grosse Welt, die in den Zeitungen beschrieben wurde, und die kleine Welt daheim, die kaum über die Fabrik meines Vaters hinausreichte.

Mein Vater arbeitete in einer Uhrenfabrik in Waldenburg. Jahrzehntelang. Er war Fabrikschreiner. Jeden Mittag sass er am Tisch, ass seine Suppe und schimpfte über die «verd… Bude».

Seiner Meinung nach waren alle Vorgesetzten unfähig. Und nur dafür bezahlt, die Fabrik in den Konkurs zu treiben.

Manche Dinge ändern sich nie:

Oben regieren die Bosse.
Unten fluchen die Leute.

So war es.

Eines Mittags schlugen die Wellen hoch. Vater wetterte ununterbrochen. Was war geschehen?

Der neue kaufmännische Direktor – Sohn des übermächtigen Verwaltungsratspräsidenten – hatte einen Fragebogen entworfen. Den sollten alle Mitarbeitenden ausfüllen. Wer sich weigerte, würde subito entlassen.

«Dieser Fötzelcheib! Dieser elende Leuteschinder!», polterte mein Vater. «Was meint der eigentlich? Diese Fragen beantworte ich nie und nimmer! Der kann mich am A… lecken!»

Natürlich wusste ich, dass er das nie tun würde. Die Büezer waren ängstlich. Damals wie heute. Wer den Job verlor, verlor alles.

Ich las mir den Fragebogen durch. Delikat, das ist noch milde gesagt. Er verletzte die Privatsphäre der Büezer. Für mich war klar: Diese Aktion muss kippen.

Die Lösung kam mir eines Morgens, als ich mit der Waldenburgerbahn nach Liestal fuhr.

Und da fiel es mir ein: Ich musste den Personalbogen der Presse stecken.
So viel politisches Gespür hatte ich schon: Die bürgerlichen Blätter würde das nicht interessieren. Also wählte ich andere.

Ich schickte eine Kopie an die Chefredaktorin der Basler AZ: Toya Maissen. Eine Frau, vor deren Feder viele Respekt hatten. Unerschrocken, kämpferisch, auf Seiten der Schwachen. Keine «Cüpli-Sozialistin», sondern eine Genossin alter Schule.

Eine zweite Kopie ging an die Tat – das Boulevardblatt der Migros. Damals war Roger Schawinski Chefredaktor. Er liebte Skandale. Und Konsumentenschutz. Und Aufmerksamkeit sowieso.

So landete mein Brief in zwei Redaktionen.

Und siehe da: Es wirkte.
Die Toya und der Roger griffen die Sache auf. Beide schrieben von Leibeigenschaft der Uhren-Büezer. Beide machten Druck.

Und beide riefen zu einer Protestkundgebung auf.

Und tatsächlich: Vor den Toren der Fabrik standen viele Menschen mit Transparenten. Es war die Zeit der AKW-Bewegung. Demonstrieren war Volkssport. Und wir waren Profis.

Die Zeitungen nützten die Demo auch für sich. Neue Abos im Waldenburgertal? Kein Problem. Der Skandal brachte Leser.

Der kaufmännische Direktor keifte noch eine Weile. Dann strich er die Segel. Aber nicht ohne Drohung: Er wolle den Urheber dieser Aktion finden und «an den Galgen» bringen.

Ich lächelte in mich hinein. Denn die Sache war gelaufen.

Zwei Briefe.
Zwei Zeitungen.
Und ein Skandal war perfekt.

So einfach konnte Öffentlichkeit sein.

Viele Jahre später sass ich mit eben diesem Direktor zusammen. Er war pensioniert. Wir tranken ein paar Flaschen Wein. Ich lenkte das Gespräch vorsichtig auf die alte Geschichte.

Er seufzte. «Da habe ich wohl den Bogen überspannt», sagte er. «Ich wollte meinem Vater beweisen, dass ich Pfeffer im Arsch habe.» Dann fügte er hinzu: «Es würde mich immer noch interessieren, wer der Urheber dieser Aktion war. Der verstand etwas von Propaganda.»

Ich trank mein Glas aus.
Und schwieg.

Heute, im Zeitalter des Medien-Einheitsbreis, wäre eine solche Aktion kaum mehr denkbar.
Die vierte Gewalt, die einmal scharf zubiss, hat längst abgedankt.

 

 

 

4 Kommentare

  1. Peter Staehelin

    Guten Morgen Hanspeter.
    In der Familie hatte er gegen den übermächtigen Vater nichts auszurichten. Eigentlich eine tragische Geschichte auf Kosten der Allgemeinheit.
    Finde die neue Aufmachung gut.
    Grüsse aus Europa. Peter.

  2. Hanspeter Gautschin

    Danke Peter.

  3. Fritz Hefti

    Hallo Hanspeter. Beschte Dank fpr die drei toll Gschichte. Ich finds immer wieder interessant wie du die alte Ziite wieder zum Lebe erwecksch. Vieles cha me 1 zu 1 au hüt erlebe.

  4. Hanspeter Gautschin

    Danke Fritz!

Über

Ein älterer Mann mit grauem Haar und Brille sitzt in einem Holzstuhl, trägt einen dunklen Pullover, hält ein aufgeschlagenes Buch in der Hand und blickt von den Seiten auf. Der Hintergrund ist eine schlichte, helle Wand.

Ich bin Hanspeter Gautschin, Erzähler und Autor von BodeständiX – Geschichten, die bleiben.

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