Please Enable JavaScript in your Browser to visit this site

In roter Schrift steht "BodeständiX" über dem schwarzen Text "Der Autorenblog von Hanspeter Gautschin" auf weißem Hintergrund.
Nikolaus – ein Heiliger, der älter ist als sein roter Mantel
Ein älterer Mann mit rotem Mantel und Bischofsmütze steht als Nikolaus mit einem Sack voller Früchte und Nüsse auf einer verschneiten Dorfstraße mit warm beleuchteten Häusern im Hintergrund.

Der heilige Nikolaus gehört zu jenen Figuren, die fast jeder kennt und doch kaum jemand wirklich einordnen kann.

Man begegnet ihm an Ladentheken, in Schaufenstern und ein paar Wochen im Jahr auch in Kindergärten, dort meist als etwas tapsiger Mann im roten Mantel. Vieles von dem, was heute «Nikolaus» (oder auch «Samichlaus») heisst, ist zur Kulisse geworden. Der eigentliche Bischof von Myra ist hinter einer freundlichen Maskerade verschwunden. Zurückgeblieben ist ein Bild, das kaum mehr weiss, wofür es steht.

Dabei ist Nikolaus in der europäischen Volkskultur tief verwurzelt. Kaum eine Heiligengestalt ist so flächendeckend präsent, so dauerhaft in Hausbräuchen, Gebäckformen, Liedern und Kindheitserinnerungen verankert. Nikolaus blieb nie auf die Kirche beschränkt. Er gehörte bald zur Stube, zur Küche, zum Haus.

Historisch begegnet man ihm im 4. Jahrhundert als Bischof der Hafenstadt Myra an der kleinasiatischen Küste. Über sein Leben weiss man wenig Gesichertes. Überliefert ist dagegen vieles – und diese Überlieferungen erzählen mehr über die Bedeutung der Figur als jede Aktennotiz es könnte. Nikolaus erscheint darin als Helfer in ausweglosen Lagen. Er begleicht Schulden, verhindert Hinrichtungen, sorgt für Essen, befreit Gefangene, schützt Kinder. Er spricht nicht viel, er handelt. Theologische Spitzfindigkeiten interessieren ihn wenig. Es geht um das, was konkret hilft.

Auffällig ist, dass seine Bedeutung nicht im Westen begann. In der byzantinischen Kirche wurde Nikolaus früh zu einer zentralen Heiligenfigur. Von Konstantinopel aus gelangte seine Verehrung in den slawischen Raum. In Russland, Serbien und Kroatien wuchs er zum Schutzpatron ganzer Völker.

Mitteleuropa dagegen fand erst spät zu ihm. Im rheinischen Raum taucht er im 10. Jahrhundert verstärkt auf. Dahinter steht eine historische Verbindung: Die byzantinische Kaiserin Theophanu, Gemahlin von Otto II., brachte den Nikolauskult aus ihrer Heimat ins Reich. Von Köln aus breitete sich seine Verehrung allmählich über grosse Teile Mitteleuropas aus.

Nikolaus traf hier allerdings nicht auf leeren Boden. In ihm verband sich Christliches mit weit älteren Vorstellungen. Er fügte sich in eine Bildwelt ein, die es lange vor Klöstern und Bischöfen schon gegeben hatte.

Denn Nikolaus ist vor allem eine Gestalt des Winters. Und der Winter war für frühere Zeiten weit mehr als eine Jahreszeit mit kaltem Wetter. Er bedeutete Mangel, Dunkelheit, Krankheit, Unsicherheit. Über Jahrtausende entstanden gerade in dieser Phase des Jahres Gestalten, die trösteten, schützten, Hoffnung gaben.

Der alte Mann, der im Winter erscheint, gehört zu den ältesten Symbolfiguren der Menschheit. Man begegnet ihm in Indien bei den Rishis, in Nord- und Mitteleuropa in Gestalten wie Odin, im keltischen Raum als Merlin, in China als Laotse. Überall taucht derselbe Typus auf: ein Alter, der weiss, der Nähe und Distanz zugleich verkörpert, der Orientierung gibt.

Auch das Christentum kannte diese Figur. Es erkannte sie wieder – und gab ihr ein Bischofsgewand.

Nikolaus steht in dieser langen Reihe der Winterweisen. Er trägt eine christliche Form, doch sein Kern ist älter als jede Kirchenordnung. Er verkörpert die Hoffnung, dass selbst in der kargsten Zeit etwas auftritt, das Ordnung in die Welt bringt.

Was er bringt, ist auffallend schlicht. Nüsse, Äpfel, Gebäck. Dinge, die nähren. Kleine Vorräte gegen grosse Unsicherheit.

Nikolaus bringt Lebensmittel. Und damit Sinnbilder des Lebens selbst.

Diese Symbolik zeigt sich besonders deutlich im Gebäckbrauch. Grittibänz, Weckmann, Stutenkerl oder Manele gehören zu einer alten Form des Brauchtums, den sogenannten Gebildbroten. Lange vor dem Christentum formte man Brote als Tiere, Menschen oder Göttergestalten. Man ass sie, um Verbindung herzustellen – zwischen Mensch und Welt, zwischen Alltag und Heiligem.

Das Christentum nahm diese Praxis auf und füllte sie mit neuer Bedeutung. Der Grittibänz blieb eine Figur aus Brot. Er wurde kein Spielzeug, sondern ein stilles Zeichen: Das Heilige gehört nicht auf Distanz, sondern in den Menschen hinein.

Wer Nikolaus isst, ahnt mehr, als er weiss.

Nikolaus ohne Heiligen – die reformierte Spielart

Im reformierten Raum geriet Nikolaus früh unter theologischen Verdacht. Die Reformation schuf einen klaren Schnitt. Heiligenverehrung galt als Irrweg, Reliquien als Aberglaube, Bilder als Verführung. Nikolaus verlor seinen Platz in der Kirche.

Doch im Haus blieb er.

In reformierten Gegenden wurde Nikolaus umgeformt. Aus dem Bischof wurde eine moralische Figur. Der alte Mann kam ohne Mitra und Stab. Geblieben war sein Ernst.

Im reformierten Verständnis wurde aus dem Helfer ein Mahner. Der Nikolaus segnete weniger, er prüfte mehr. Er verkörperte Verantwortung und Mass. Sakrales trat zurück, Gewissen rückte vor.

Der reformierte Nikolaus wirkte nüchterner. Kein Goldrand, kein Weihrauch. Stattdessen ein Buch, manchmal eine Rute. Er stellte Ordnung her.

Auch hier erfüllte er eine alte Aufgabe: Er markierte eine Schwelle. Der Winter rückte vor, das Jahr neigte sich, das Leben verlangte nach Rückschau. Nikolaus wurde zur Figur der Bilanz.

Seine Heiligkeit verflüchtigte sich, sein Gewicht blieb.

Nikolaus im Heute

Was lässt sich mit dieser Figur anfangen in einer Zeit, die weder Heilige verehrt noch Wintergeister fürchtet?

Erstaunlich viel.

Denn Nikolaus lebt weiter – leiser, unauffälliger, kaum sichtbar.

Er ist weniger Kostüm als Gedanke. Weniger Ritual als innere Bewegung.

In einer Epoche, die Dauerablenkung perfekt organisiert hat, wirkt eine Gestalt, die zum Innehalten zwingt, fast anachronistisch. Und gerade darin liegt ihre Kraft. Nikolaus mahnt zur Selbstprüfung, ohne zu predigen.

Wie lebt einer, wenn niemand zusieht?
Worauf verlässt einer sich, wenn es eng wird?

Nikolaus gibt darauf keine Antworten. Er sorgt dafür, dass die Fragen bleiben.

Vielleicht ist das die zeitgemässeste Form, in der er heute erscheinen kann: als innere Figur, die nicht beruhigt, sondern wach hält.

Nikolaus ist kein Unterhalter.

Er ist eine stille Zumutung.

Und womöglich ist genau das der Grund, weshalb er uns bis heute nicht loslässt.

 

0 Kommentare

Über

Ein älterer Mann mit grauem Haar und Brille sitzt in einem Holzstuhl, trägt einen dunklen Pullover, hält ein aufgeschlagenes Buch in der Hand und blickt von den Seiten auf. Der Hintergrund ist eine schlichte, helle Wand.

Ich bin Hanspeter Gautschin, Erzähler und Autor von BodeständiX – Geschichten, die bleiben.

FOLGEN

NEWSLETTER