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In roter Schrift steht "BodeständiX" über dem schwarzen Text "Der Autorenblog von Hanspeter Gautschin" auf weißem Hintergrund.
Machtbeben unserer Zeit
Aquarell einer chaotischen Szene mit brennenden Gebäuden, Soldaten, Rauch, Polizeiband, einer beschädigten Kirche, einer Jacht, einer Skandalzeitung, Handschellen, Geld und schattenhaften Gestalten - ein Abbild des Machtbebens und der Krise unserer Zeit.

Manchmal häufen sich Ereignisse, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben. Ein Krieg im Nahen Osten. Neue Fragen rund um die Epstein-Affäre. Das sichtbare Schwächeln alter Machtstrukturen. Drei verschiedene Schauplätze, drei verschiedene Geschichten – und trotzdem liegt etwas Gemeinsames in der Luft.

Etwas stimmt nicht mehr.

Vieles, was über Jahrzehnte tragfähig wirkte, bekommt Risse. Institutionen, denen man vertraut hat, wirken müde, abgehoben oder seltsam hilflos. Parteien, Behörden und internationale Gremien verlieren an Überzeugungskraft. Konflikte lassen sich nicht mehr mit den alten Mustern erklären. Und über allem liegt eine Unruhe, die längst nicht mehr nur in den Schlagzeilen steckt.

Es wirkt, als gerate etwas Grundsätzliches ins Wanken.

Krieg in einer Welt ohne feste Mitte

Kriege entstehen nie aus einem einzigen Anlass. Sie wachsen über Jahre. Aus Machtinteressen, Kränkungen, Feindbildern, alten Rechnungen und neuen Ansprüchen. Der Konflikt mit Iran-Bezug ist darum weit mehr als ein regionaler Brandherd. Er zeigt, wie brüchig die Weltordnung geworden ist.

Wer auf eine rasche Beruhigung hofft, klammert sich an Wunschdenken. Es geht um Einfluss, Abschreckung, Prestige, Bündnisse und um die Frage, wer in einer aus dem Tritt geratenen Welt noch den Ton angibt.

Solche Kriege treffen auch jene, die weit weg vom eigentlichen Schauplatz leben. Die Folgen wandern durch Märkte, Lieferketten, Energiepreise und politische Entscheidungen. Unsicherheit frisst sich heute schnell durch alles hindurch. Es braucht keinen totalen Zusammenbruch, damit die Lage kippt. Ein zäher Konflikt genügt, um ganze Systeme nervös zu machen.

Dazu kommt etwas, das viele lange verdrängt haben: Die Hoffnung, wirtschaftliche Vernunft werde am Ende schon für Mässigung sorgen, trägt nicht mehr weit. Menschen und Staaten handeln nicht immer nüchtern. Oft handeln sie gekränkt, ideologisch aufgeladen oder getrieben von einem Sendungsbewusstsein, das jede Zurückhaltung verliert.

Wenn Glaube in Macht umschlägt

Ein heikler Punkt wird oft nur gestreift: In grossen Konflikten spielt Religion oder etwas, das ihr sehr ähnlich ist, wieder stärker mit.

Damit ist nicht der persönliche Glaube gemeint. Der gehört respektiert. Heikel wird es dort, wo Glaubensgewissheit in politische Macht übersetzt wird. Dann taucht plötzlich ein höherer Auftrag auf, ein heiliger Anspruch, ein Geschichtsbild, das keinen Widerspruch duldet.

Ab diesem Punkt verändert sich der Ton. Der Gegner ist dann nicht einfach ein politischer Gegner. Er erscheint als Verkörperung des Falschen, des Verderblichen, des Feindes schlechthin. Wer so denkt, verhandelt nicht mehr mit kühlem Kopf. Er empfindet Härte als Pflicht und Einlenken als Schwäche.

Das betrifft nicht nur den Nahen Osten. Auch im Westen haben sich Denkweisen ausgebreitet, die fast religiöse Züge tragen: moralische Überhöhung, Endzeitrhetorik, der Anspruch, auf der einzig richtigen Seite zu stehen. Das macht die Debatten unerquicklich und hart. Jeder redet von Haltung, aber immer weniger sind bereit, die Wirklichkeit in ihrer Widersprüchlichkeit auszuhalten.

Wenn Systeme vor allem sich selber retten wollen

Viele Entwicklungen unserer Zeit haben etwas Selbstverstärkendes. Staaten, Parteien, Verwaltungen und grosse Organisationen kreisen zunehmend um die eigene Stabilität. Es geht weniger um Erneuerung als darum, das Bestehende noch einmal über die nächste Krise zu retten.

Das hat es immer gegeben. Neu ist, wie deutlich es sichtbar wird.

Strukturen, die einmal Ordnung schaffen sollten, beschäftigen sich irgendwann vor allem mit sich selbst. Apparate wachsen. Zuständigkeiten nehmen zu. Verantwortung wandert von einer Stelle zur anderen. Die Sprache wird glatter, technischer, ungreifbarer. Und draussen spüren die Leute, dass vieles nicht mehr zusammenpasst.

Dann wird Politik zur Verwaltung von Verschleiss. Man beruhigt, verschiebt, beschwichtigt, redet um den Kern herum und hofft, dass es noch einmal gutgeht. Doch unter der Oberfläche staut sich längst etwas an.

Viele Menschen merken das sehr genau. Vielleicht nicht in gelehrten Begriffen. Aber sie merken, dass die Sprache der Verantwortlichen und das eigene Alltagserleben immer weniger übereinstimmen.

Die Epstein-Affäre und der Geruch der Unberührbaren

Die Epstein-Files haben auch deshalb eine solche Sprengkraft, weil sie mehr sichtbar machen als bloss einen Skandal. Es geht um die alte Frage, wie eng Macht, Geld, Einfluss und moralische Verwahrlosung zusammenhängen können.

Solche Affären greifen tief ins Vertrauen ein. Nicht nur wegen der Verbrechen. Auch wegen des Eindrucks, dass gewisse Kreise sich über Jahre hinweg als unantastbar fühlten. Für den gewöhnlichen Bürger bleibt da ein bitterer Nachgeschmack: Für manche gelten offenbar andere Regeln. Vielleicht gar keine.

Ob am Ende jede Vermutung bestätigt wird, ist fast nebensächlich. Entscheidend ist, dass das Misstrauen längst tiefer sitzt. Viele Menschen glauben den geschniegelt auftretenden Eliten, ihren Netzwerken und ihren moralischen Posen immer weniger.

Wenn dieser Punkt erreicht ist, verliert ein System mehr als nur Ansehen. Es verliert seinen inneren Kredit.

Die alten Schubladen taugen nicht mehr viel

Früher liess sich manches grob einordnen. Links oder rechts. Fortschrittlich oder bewahrend. Staat oder Markt. Diese Raster waren zwar immer schon grob, aber sie gaben vielen Leuten eine gewisse Orientierung.

Heute tragen sie immer weniger.

Bei Corona verliefen die Linien anders als früher. Im Ukrainekrieg wieder anders. Bei Klima, Migration, Israel, Meinungsfreiheit oder Krieg und Frieden verschieben sich die Lager erneut. Menschen, die sich beim einen Thema einig sind, geraten beim nächsten frontal aneinander. Das verwirrt viele, weil die vertrauten Schubladen nicht mehr greifen.

Vielleicht zeigt sich gerade darin etwas Wesentliches: Die Wirklichkeit ist widerspenstiger geworden. Sie lässt sich nicht mehr so bequem sortieren.

Gleichzeitig wächst die Versuchung, sich erst recht an einfache Deutungen zu klammern. Dogmatismus gibt Halt. Empörung gibt Energie. Feindbilder machen die Welt übersichtlich. Darum wird der Ton schärfer, obwohl die Lage viel komplizierter geworden ist.

Es genügt heute nicht, einfach reflexhaft dagegen zu sein. Gefragt wäre ein eigenes Urteil, ein gewisses Stehvermögen und die Fähigkeit, Widersprüche auszuhalten. Das ist mühsam. In einer Medienwelt, die vor allem Lautstärke belohnt, ist es zudem unerquicklich.

Alte Machtstrukturen verlieren an Halt

Was sich in vielen Ländern beobachten lässt, folgt oft demselben Muster. Parteien verlieren an Bindekraft. Regierungen wirken müde. Internationale Organisationen büssen Autorität ein. Verwaltungen wachsen weiter, während das Vertrauen in ihre Problemlösungskraft sinkt.

Das Problem liegt selten nur bei einzelnen Köpfen. Wenn Institutionen an Rückhalt verlieren, dann meist deshalb, weil sie die Sprache der Menschen nicht mehr sprechen, ihre Sorgen nicht mehr verstehen und sich in ihrem eigenen Betrieb verfangen.

Viele Bürger gewinnen heute den Eindruck, dass man sie weniger ernst nimmt als verwaltet. Man erklärt ihnen die Welt, versieht sie mit Haltungsparolen und redet auf sie ein – aber man hört ihnen zu wenig zu.

Daraus wächst Wut. Und diese Wut verschwindet nicht, wenn man sie bloss moralisch abwertet.

Apparate werden gross – und zugleich hohl

Unsere Zeit ist von Apparaten geprägt: Verwaltungen, Medienbetriebe, Parteimaschinen, internationale Organisationen, digitale Plattformen, Lobby-Netzwerke. Sie alle entwickeln ihre eigene Sprache, ihre eigenen Interessen und ihre eigene Trägheit. Irgendwann halten sie sich selber für unentbehrlich.

Doch kein Apparat trägt sich aus eigener Kraft. Er lebt davon, dass Menschen ihm noch Sinn zuschreiben, ihn dulden oder ihm vertrauen. Wenn das schwindet, hilft auch die beste Inszenierung nicht mehr lange.

Dann zeigen sich die Folgen. Das Vertrauen sinkt. Die Gereiztheit steigt. Menschen ziehen sich zurück, suchen kleinere Zusammenhänge, wenden sich neuen Parteien oder alternativen Medien zu. Nicht jeder dieser Wege führt an einen guten Ort. Aber sie zeigen, dass die grossen Systeme ihre Selbstverständlichkeit verlieren.

Vielleicht ist das die eigentliche Bewegung unserer Zeit: Was lange als festgefügt galt, wirkt plötzlich fragwürdig. Was unangreifbar erschien, zeigt Risse.

Menschlichkeit fängt nicht oben an

Was folgt daraus?

Sicher kein Heil in der Figur des starken Retters. Auch Dauerzynismus hilft nicht weiter. Wer nur noch spottet, bleibt im Lärm gefangen. Wer sich pausenlos empört, ebenfalls.

Tragfähiger wäre etwas Schlichteres. Eine Rückkehr zu menschlichem Mass.

Vertrauen wächst dort, wo Verlässlichkeit lebt. Gemeinschaft entsteht dort, wo Menschen einander wirklich begegnen. Eine gesunde Gesellschaft braucht Bürger, die urteilsfähig sind, ein Rückgrat haben und sich nicht bei jeder neuen Erregungswelle gegeneinander aufhetzen lassen.

Vielleicht beginnt Erneuerung genau da: wo man sich nicht restlos von Apparaten, Lagern und digitalem Dauerlärm bestimmen lässt. Wo das Menschliche wieder mehr Gewicht bekommt. Wo man nicht jeden Ton, jedes Urteil und jede Angst aus Bildschirmen übernimmt.

Die bequemen Gewissheiten sind dahin

Der Iran-Konflikt, die Epstein-Affäre und das sichtbare Schwächeln alter Machtstrukturen sind keine identischen Vorgänge. Aber sie weisen in dieselbe Richtung: Alte Ordnungen verlieren an Glaubwürdigkeit, an Bindekraft und an innerer Ordnung.

Darum wirkt die Gegenwart so nervös. Etwas geht zu Ende. Nur weiss noch niemand genau, was danach kommt.

Das ist gefährlich. In solchen Zeiten wächst die Sehnsucht nach einfachen Antworten, nach Härte, nach neuen Heilsversprechen. Genau dort lauert die nächste Versuchung.

Es kann darin aber auch eine Chance liegen. Wenn die Fassade brüchig wird, kommt zum Vorschein, was lange verdeckt war. Wenn das Alte nicht mehr reibungslos funktioniert, stellt sich die Frage neu, worauf ein Gemeinwesen überhaupt ruhen soll.

Ein Machtbeben erlöst niemanden. Es erschüttert. Aber manchmal braucht es eine Erschütterung, damit Menschen und Gesellschaften wieder merken, worauf es ankommt.

Vielleicht am Ende auf etwas, das leiser ist als die ganze Dauererregung unserer Zeit: Anstand, Urteilskraft, Mut und Menschlichkeit.

 

3 Kommentare

  1. Sonja Degen

    Wiä immer sehr träffend gschriibä. I läsä dini Briicht immer sehr gärn, will si dr Realität entsprächä!

  2. Hans Schaub

    Herzlichen Dank für deine tiefgründigen Gedanken.

  3. peter staehelin

    wer nur noch spottet bleibt im eigenen lärm gefangen. sehr gut

Über

Ein älterer Mann mit grauem Haar und Brille sitzt in einem Holzstuhl, trägt einen dunklen Pullover, hält ein aufgeschlagenes Buch in der Hand und blickt von den Seiten auf. Der Hintergrund ist eine schlichte, helle Wand.

Ich bin Hanspeter Gautschin, Erzähler und Autor von BodeständiX – Geschichten, die bleiben.

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