Fast jedes Schulkind kannte das rote Rechnungsbüchlein – doch kaum jemand weiss heute noch, wer dahinterstand.
Der Name Justus Stöcklin ist aus dem allgemeinen Gedächtnis weitgehend verschwunden, obwohl Generationen von Schülerinnen und Schülern mit seinen Heften rechneten. Das ist schade. Denn hinter diesem unscheinbaren Lehrmittel stand kein blosser Verfasser von Schulstoff, sondern eine bemerkenswerte Baselbieter Persönlichkeit: Lehrer, Schulmann, Verleger und Literat.
Ein Lehrer mit weiterem Horizont
Justus Stöcklin wurde 1860 in Ettingen geboren. Nach seiner Ausbildung am Seminar Kreuzlingen trat er in den Schuldienst ein und kam 1884 nach Liestal, wo er bis zu seiner Pensionierung als Primarlehrer wirkte. Damit ist das Äussere seines Lebens rasch erzählt. Interessanter ist, was für ein Typ Mensch er war. Er gehörte zu jener Generation von Lehrern, die ihre Aufgabe weit verstanden. Schule war für sie nicht einfach Stundenplan und Stoffvermittlung, sondern eine Sache von Gewicht. Wer Kinder unterrichtete, wollte auch etwas formen: Denken, Haltung, Ordnung, Verständnis.
Stöcklin war einer, der nicht bloss mitlief. Er dachte über Unterricht nach, entwickelte eigene Lehrmittel und beschäftigte sich mit schulischen Fragen über das tägliche Klassenzimmer hinaus. Solche Männer prägten ihre Zeit oft stärker, als man es später noch wahrnimmt. Sie standen nicht immer im Rampenlicht, hinterliessen aber Spuren im Alltag vieler Menschen.
Das rote Rechnungsbüchlein
Seinen festen Platz in der Bildungsgeschichte verdankt Justus Stöcklin dem roten Rechnungsbüchlein. 1887 erschienen die ersten Hefte. Was zunächst für den eigenen Unterricht gedacht war, wurde zu einem Werk mit erstaunlicher Wirkung. In mehreren Kantonen fand es Eingang in den Schulalltag, und um 1912 rechneten in der Deutschschweiz Hunderttausende Kinder mit diesen Büchern. Der rote Umschlag machte sie unverwechselbar. So wurden sie schlicht zu den roten Rechnungsbüchlein.
Wer heute von einem Rechnungsbüchlein hört, denkt vielleicht an trockene Zahlenkolonnen, an Fleissarbeit und an das kleine Einmaleins. Doch bei Stöcklin lag mehr dahinter. Er wollte das Rechnen nicht als blosse Dressur verstanden wissen. Kinder sollten nicht einfach Resultate hinschreiben, sondern begreifen, wie etwas zusammenhängt. Rechnen war für ihn eine Schule des Denkens. Das verrät einen Mann, dem Klarheit und geistige Ordnung wichtig waren.
Eine persönliche Erinnerung
Mit Justus Stöcklin verbindet sich für mich mehr als nur ein historischer Name. Schon in der Primarschule habe ich mit den roten Rechnungsbüchlein gerechnet. Später, während meiner Lehre beim Landschäftler, sind sie mir ein zweites Mal begegnet. Der Landschäftler führte diese Büchlein als Verlag noch in beachtlicher Zahl am Lager, und selbst in den 1970er-Jahren gingen weiterhin Bestellungen ein, die ich dann auszuführen hatte.
Das ist nur eine kleine Erinnerung, gewiss. Aber sie zeigt etwas Erstaunliches: wie lange dieses Lehrmittel wirksam blieb. Manche Schulbücher verschwinden still und leise, kaum dass eine neue Generation nachrückt. Die roten Rechnungsbüchlein dagegen hielten sich. Sie waren zählebig, weil sie offenbar ihren Zweck erfüllten. Auch das sagt etwas über ihren Verfasser.
Der Mann hinter dem Lehrmittel
Justus Stöcklin war kein Mann des schnellen Wurfs. Was er schuf, hatte Bestand. Dahinter stand Beharrlichkeit. Einer musste diese Hefte ja nicht nur schreiben, sondern inhaltlich durchdenken, aufbauen, überarbeiten und verbreiten. Solche Arbeit verrät einen Kopf, der Ordnung liebt und nicht locker lässt. Zeitgenossen beschrieben Stöcklin denn auch als klug, arbeitsam und streitbar. Er war keiner, der sich überall anpasste. Wenn er von einer Sache überzeugt war, trat er dafür ein.
Solche Menschen gelten im Alltag nicht immer als bequem. Im Rückblick zeigt sich aber oft, dass gerade sie etwas Bleibendes hinterlassen. Stöcklin war offenbar kein stiller Verwalter, sondern ein Mann mit Profil. Einer, der Haltung hatte und sie auch zeigte.
Der Rechenmeister und die Poesie
Noch interessanter wird Justus Stöcklin durch eine zweite Seite seines Wesens. Er lebte nicht nur in der Welt der Zahlen. Er hatte auch Sinn für Literatur, Sprache und geistige Kultur. 1922 veröffentlichte er das Buch «Poetennest», in dem er Liestal und mehreren Dichtern und Schriftstellern ein Denkmal setzte. Damit tritt uns ein anderer Stöcklin entgegen: nicht bloss der methodische Lehrer, sondern ein Mann, der sich auch für Poesie, Geschichte und kulturelle Zusammenhänge erwärmen konnte.
Gerade diese Verbindung macht ihn so bemerkenswert. Auf der einen Seite der Rechenmeister, der Ordnung liebt, Stoff gliedert und Kindern beibringen will, wie man sauber denkt. Auf der anderen Seite der Literaturfreund, der offen ist für Sprache, Landschaft und geistiges Leben. Das scheint zunächst nicht recht zusammenzupassen. Und doch ist es gerade darin stimmig.
Denn wer Zahlen ernst nimmt, braucht Sinn für Aufbau, Form und Genauigkeit. Und wer Literatur liebt, lebt ebenfalls nicht im blossen Nebel der Gefühle, sondern spürt Rhythmus, Klang, Struktur und innere Ordnung. Vielleicht war Stöcklin gerade deshalb mehr als ein tüchtiger Pädagoge: weil in ihm zwei Begabungen zusammenfanden, die einander nicht ausschlossen, sondern ergänzten.
Eine Gestalt aus einer anderen Bildungswelt
Aus heutiger Sicht wirkt eine solche Figur fast wie aus einer anderen Zeit. Wir leben in einer Welt der Zuständigkeiten und Aufteilungen. Der eine ist für Zahlen zuständig, der andere für Sprache, der dritte für Verwaltung. Justus Stöcklin entstammt noch einer Bildungswelt, in der das alles weniger scharf getrennt war. Einer konnte Rechenbücher schreiben und sich trotzdem für Dichter begeistern. Einer konnte pädagogisch streng denken und zugleich offen sein für geistige Feinheiten.
Vielleicht liegt gerade darin etwas, das uns heute fehlt. Bildung war damals mehr als der Erwerb von Fertigkeiten. Sie hatte noch mit Haltung, mit Weltzugang und mit innerer Form zu tun. Stöcklin verkörpert etwas davon.
Anerkennung und Nachwirkung
Zu seinem Wirkungskreis gehörte mehr als das Rechnungsbüchlein. Er verfasste auch andere Lehrmittel, wirkte bei Rekrutenprüfungen mit und beschäftigte sich mit allgemeinen Schulfragen. 1937 verlieh ihm die Universität Zürich die Ehrendoktorwürde. Dass ein Primarlehrer aus dem Baselbiet so geehrt wurde, sagt einiges über seine damalige Bedeutung.
Als Justus Stöcklin 1943 starb, war sein Name noch weithin bekannt. Heute ist das anders. Das rote Rechnungsbüchlein lebt höchstens noch als ferne Erinnerung in manchen Köpfen weiter, sein Urheber ist fast verschwunden. Gerade deshalb lohnt sich der Blick zurück.
Warum man sich an ihn erinnern darf
Justus Stöcklin war mehr als eine Fussnote der Schulgeschichte. Er war eine jener stillen Prägekräfte, die über Jahrzehnte hinweg wirken, ohne selber gross im Vordergrund zu stehen. Die Kinder kannten seine Hefte. Den Mann dahinter kannten sie meist nicht. Und doch war er da – in den Schulstuben, in den Köpfen, im Lernen, im Alltag.
Vielleicht ist das am Ende sogar die eigentliche Grösse solcher Menschen: dass sie nicht als Helden auftreten und trotzdem Spuren hinterlassen. Justus Stöcklin hat mit seinen roten Rechnungsbüchlein Generationen begleitet. Und er zeigt, dass ein Mensch der Zahlen keineswegs ohne Sinn für Poesie sein muss.
Für mich ist er darum nicht bloss der Autor eines alten Schulbuchs. In ihm begegnet einem ein Stück Baselbieter Bildungs- und Kulturgeschichte. Einer, der Ordnung liebte, Gedanken hatte und zugleich offen blieb für das Wort, für Literatur und für die feineren Töne des geistigen Lebens. Das allein reicht schon, um ihn nicht ganz dem Vergessen zu überlassen.







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