Jeremias Gotthelf und das Oberbaselbiet? Wer den Namen des berühmten Berner Schriftstellers hört, denkt wohl zuerst ans Emmental, an Bauernhöfe, Knechte, Mägde und jene eigensinnigen Menschen, denen der Pfarrer Albert Bitzius mit Vorliebe ins Gewissen redete.
Er kannte ihre Schwächen, ihre Eitelkeiten und vor allem ihre Ausreden. Wenn einer sein Geld versoff, die Familie vernachlässigte oder sich für gescheiter hielt als alle anderen, konnte er ziemlich sicher sein, dass Gotthelf früher oder später literarisch über ihn herfallen würde.
Weniger bekannt ist, dass Gotthelf auch eine Erzählung über die Seidenweber im Oberbaselbiet geschrieben hat. Und das aus einem bemerkenswerten Grund: Man hatte ihn gewissermassen als Werbetexter engagiert.
Der Auftrag kam aus dem Umfeld der Ersparniskasse Langenbruck. Diese wollte die Bevölkerung zum Sparen ermuntern. Heute würde man dafür eine Werbeagentur beauftragen, eine Kampagne entwickeln und glückliche Familien vor einem schmucken Eigenheim fotografieren. Um 1850 wandte man sich an einen Pfarrer, der schreiben konnte und dessen Bücher weit über die Schweiz hinaus gelesen wurden.
Das Ergebnis erschien 1851 unter dem Titel «Hans Jacob und Heiri oder Die beiden Seidenweber». Ein kleines Buch von 139 Seiten, das einen ausgesprochen praktischen Zweck erfüllen sollte.
Eine Ersparniskasse für die kleinen Leute
Die Langenbrucker Ersparniskasse hatte ihre Wurzeln in den gemeinnützigen Bestrebungen des frühen 19. Jahrhunderts. Solche Einrichtungen sollten auch Menschen mit bescheidenem Einkommen ermöglichen, kleine Geldbeträge sicher anzulegen und dafür Zinsen zu erhalten.
Das war durchaus fortschrittlich. Viele Familien lebten von einem Verdienst, der gerade für das Nötigste reichte. Eine Krankheit, ein schlechter Geschäftsgang oder der Ausfall des Ernährers konnten genügen, um einen Haushalt in ernsthafte Schwierigkeiten zu bringen. Wer für solche Fälle einige Münzen zurückgelegt hatte, war immerhin etwas besser gerüstet.
Nur musste man die Leute erst davon überzeugen, dass ihr Geld bei einer Ersparniskasse gut aufgehoben war.
Wer einem Nachbarn Geld lieh, wusste wenigstens, wo dieser wohnte. Bei einer Kasse erhielt man einen Papierschein und das Versprechen, sein Geld später samt Zinsen wiederzubekommen. Und wenn die Herren, die dieses Papier ausgestellt hatten, eines Tages ihre Versprechen vergassen?
Das Misstrauen war verständlich. Schliesslich konnte sich gerade derjenige, der wenig besass, einen Verlust am schlechtesten leisten.
Ein Basler Fabrikant und ein Berner Pfarrer
Zu den Auftraggebern Gotthelfs gehörte Johann Conrad Burckhardt-Gemuseus (1803–1860). Der Basler Kaufmann hatte bis 1844 eine Bandfabrik in Langenbruck geleitet. Er gehörte zu den Gründungsmitgliedern der 1838 entstandenen Gemeinnützigen Gesellschaft Langenbruck und engagierte sich für das dortige Sparkassenwesen.
Burckhardt-Gemuseus war ein Vertreter jener Basler Oberschicht, die wirtschaftliche Tätigkeit mit gemeinnützigem Engagement verband. Solche Männer unterstützten Schulen, gründeten Vereine, förderten die Armenfürsorge und machten sich Gedanken darüber, wie sich die Lebensverhältnisse der Landbevölkerung verbessern liessen.
Sie hatten dabei ziemlich genaue Vorstellungen, wie ein ordentlich geführter Haushalt auszusehen hatte. Fleiss, Sparsamkeit, Mässigung und eine gewisse Bereitschaft, sich von wohlmeinenden Herren belehren zu lassen, gehörten unbedingt dazu.
Burckhardt-Gemuseus besass auf dem Vorderen Bilstein oberhalb von Langenbruck einen Landsitz, auf dem auch Bekannte aus der Basler Gesellschaft verkehrten. Er kannte die örtlichen Verhältnisse somit aus eigener Anschauung. Allerdings dürfte der Blick von einem herrschaftlichen Landsitz auf die Sorgen einer Posamenterfamilie etwas anders ausgefallen sein als jener aus deren Wohnstube.
Für die beabsichtigte Werbung bot sich Gotthelf geradezu an. Der Berner Pfarrer beschäftigte sich seit Jahren mit Armut, Schulden, Trunksucht und den Schwierigkeiten, einen Haushalt über Wasser zu halten. Er besass ausserdem die seltene Gabe, seinen Lesern die eigenen Schwächen so anschaulich vorzuführen, dass diese gelegentlich sogar darüber lachen mussten.
Wenn der Webstuhl den Alltag bestimmte
Für seine Geschichte wählte Gotthelf die Welt der Posamenter. Im Oberbaselbiet gehörte die Seidenbandweberei während Generationen zu den wichtigsten Erwerbszweigen. In zahlreichen Häusern standen Webstühle, an denen Männer und Frauen arbeiteten, häufig unterstützt von weiteren Familienmitgliedern.
Die Rohstoffe und Aufträge kamen von Basler Handelshäusern. Dort wurde weitgehend bestimmt, was hergestellt werden sollte und welcher Verdienst dafür bezahlt wurde. Die fertigen Bänder gelangten anschliessend wieder nach Basel, von wo aus man sie in verschiedene Länder verkaufte.
Für den Transport sorgten die Seidenboten. Ursprünglich waren sie zu Fuss unterwegs. Als das Geschäft zunahm, kamen vermehrt Pferdefuhrwerke zum Einsatz. Der Bote verband die Dörfer mit den Bändelherren in der Stadt und brachte neben den Waren wohl auch allerlei Neuigkeiten mit. In einer Zeit ohne Telefon und Internet dürfte manchem Dorfgespräch eine besondere Bedeutung zugekommen sein, wenn der Bote wieder einmal aus Basel zurückkehrte.
Der Webstuhl stand gewöhnlich im Haus. Arbeit und Familienleben teilten sich denselben Raum. War viel zu tun, wurde lange gearbeitet. Blieben die Aufträge aus, fehlte bald der Verdienst.
Die Heimarbeiter waren damit von wirtschaftlichen Entwicklungen abhängig, auf die sie selbst wenig Einfluss hatten. Ein Absatzrückgang auf fernen Märkten konnte sich wenige Wochen später in einer Stube in Bennwil, Reigoldswil oder Langenbruck bemerkbar machen.
In dieser Arbeitswelt liess Gotthelf seine beiden Seidenweber auftreten.
Heiri macht grosse Worte
Hans Jacob und Heiri kennen einander. Sie arbeiten im gleichen Gewerbe, doch ihre Vorstellungen von einem guten Leben unterscheiden sich beträchtlich.
Heiri versteht es, sich in Szene zu setzen. Er spricht von guten Geschäften und einem Verdienst, der angeblich viel höher ausfällt als früher. Hans Jacob hört zu und beginnt sich zu fragen, weshalb das Glück ausgerechnet beim anderen so freigebig eingekehrt ist.
Gotthelf lässt dabei früh erkennen, was er von Heiris Prahlerei hält. Der Mann macht vor allem mit Worten grossen Staat. Geld bekommt Hans Jacob bei ihm jedenfalls keines zu sehen.
Trotzdem zeigt die Wirkung nicht lange auf sich. Hans Jacob kehrt unzufrieden nach Hause zurück und beschliesst, seiner Frau Anne Marei einmal gründlich die Meinung zu sagen. Sie soll aufhören, ihn mit ihren Bedenken zurückzuhalten.
Gotthelf schildert diesen Auftritt mit sichtlichem Vergnügen. Hans Jacob baut sich vor seiner Frau auf und hält seine Rede. Anne Marei lässt ihn reden. Das ist vermutlich das Vernünftigste, was sie in diesem Augenblick tun kann.
Besonders hübsch ist Gotthelfs Seitenhieb auf die Politiker seiner Zeit. Hans Jacob sei nämlich kein grosser Redner gewesen, im Gegensatz zu den Radikalen in Frankfurt oder Bern, denen die Worte aus dem Mund liefen wie das Wasser aus einer Brunnenröhre.
Man sieht: Über die politischen Redekünstler wurde schon vor 175 Jahren gespottet. Und die Brunnenröhre hat seither kaum an Aktualität verloren.
Anne Marei gehört zu jenen Gotthelf-Figuren, die mit gesundem Menschenverstand mehr erreichen als andere mit grossen Reden. Sie lässt sich von den hochfliegenden Plänen ihres Mannes weniger beeindrucken. Ihr Blick richtet sich auf das, was tatsächlich vorhanden ist und womit die Familie auskommen muss.
Die beiden Familien entwickeln sich im weiteren Verlauf der Erzählung unterschiedlich. Heiris Leichtsinn und seine Neigung zum grossen Auftritt haben Folgen. Bei Hans Jacob und Anne Marei gewinnen sorgfältige Haushaltsführung und der vernünftige Umgang mit dem Verdienst zunehmend an Bedeutung.
Gotthelf wäre freilich ein schlechter Volkserzieher gewesen, wenn er seine Leser bei der Beurteilung dieser Lebenswege völlig sich selbst überlassen hätte. Seine Sympathien sind deutlich verteilt. Und wo der Leser eine Schlussfolgerung übersehen könnte, hilft der Autor gerne etwas nach.
Ein Taufgeschenk aus Papier
Eine aufschlussreiche Episode handelt von einem Taufgeschenk. Die Frau Doktorin überreicht der Familie einen Schein der Ersparniskasse Langenbruck.
Ein Papierschein als Taufgeschenk war damals eine ungewöhnliche Angelegenheit. Hans Jacob begegnet ihm mit Misstrauen. Er hat beim Ausleihen von Geld schon schlechte Erfahrungen gemacht. Weshalb sollte es bei einer Kasse besser funktionieren?
Die Frau Doktorin erklärt ihm die Vorteile. Wer sein Geld zuhause aufbewahrt, hat nach zehn Jahren noch immer denselben Betrag. Bei der Ersparniskasse erhält er dagegen Zinsen. Diese werden dem Guthaben zugeschlagen und tragen ihrerseits wieder Zinsen.
Gotthelf erklärt das am Beispiel eines Louisdors, einer damals gebräuchlichen Goldmünze. Bei entsprechender Verzinsung kann aus dem ursprünglichen Betrag innerhalb von ungefähr zwanzig Jahren mehr als das Doppelte werden.
Damit erhält der Leser mitten in der Erzählung eine kleine Lektion über den Zinseszins. Und weil die Erklärung von einer angesehenen Frau Doktorin kommt, soll zugleich das Vertrauen in die Einrichtung wachsen.
Die Szene ist geschickt aufgebaut. Zunächst das Misstrauen des einfachen Mannes, dann die geduldige Erklärung und schliesslich die Aussicht, mit bescheidenen Mitteln etwas für die Zukunft aufzubauen.
Ein Werbefachmann hätte wohl seine Freude daran gehabt. Gotthelf verstand es, ein ziemlich trockenes Finanzprodukt in eine Familiengeschichte einzubauen, ohne dass dazu eine Tabelle mit Zinssätzen und Gebühren nötig gewesen wäre.
Was Sparsamkeit allein nicht ausrichten konnte
Gotthelf war überzeugt, dass der Mensch durch Fleiss, Bescheidenheit und verantwortungsbewusstes Handeln viel zu seinem eigenen Wohlergehen beitragen könne. Wer seinen Verdienst zusammenhielt, war besser auf schlechte Zeiten vorbereitet. Wer über seine Verhältnisse lebte, brachte sich und seine Angehörigen in Gefahr.
Daran ist wenig auszusetzen. Allerdings hatte die Sache einen Haken.
Die Posamenter konnten noch so fleissig arbeiten und noch so sorgfältig haushalten. Über die Menge der Aufträge und die Höhe ihrer Entschädigung entschieden weitgehend andere. Wenn die Basler Handelshäuser weniger Bänder bestellten, half auch die vernünftigste Haushaltsführung nur begrenzt weiter.
Bei Gotthelf liegt die Verantwortung vor allem beim einzelnen Menschen. Seine Erzählung zeigt, wie gefährlich Verschwendung und Leichtsinn werden können. Die wirtschaftlichen Abhängigkeiten der Heimarbeiter bleiben dagegen eher im Hintergrund.
Gerade darin liegt aus heutiger Sicht eine interessante Spannung.
Ein Basler Fabrikant, der selbst zum wirtschaftlich einflussreichen Bürgertum gehörte, unterstützte ein literarisches Unternehmen, das den einfachen Weberfamilien die Vorzüge des Sparens vermitteln sollte. Die Absicht war gewiss gut gemeint. Wer aber Woche für Woche kaum genug verdiente, um seine Familie zu ernähren, dürfte die Aufforderung zum Sparen mit gemischten Gefühlen aufgenommen haben.
Man kann einen Batzen schliesslich erst zurücklegen, wenn man ihn zuvor verdient hat.
Von der Ersparniskasse zur Waldenburgerbahn
Die Geschichte der Langenbrucker Ersparniskasse ist auch unabhängig von Gotthelf bemerkenswert. Sie zeigt, wie eng das Sparkassenwesen im 19. Jahrhundert mit gemeinnützigen Bestrebungen verbunden war.
Im Jahr 1912 entstand ein Verein zur Verwaltung des Vermögens der ehemaligen Ersparniskasse. Dafür stand eine Dotation von 160’000 Franken zur Verfügung, damals eine stattliche Summe.
Das Geld war für gemeinnützige und verkehrspolitische Zwecke bestimmt. In den entsprechenden Unterlagen wird ausdrücklich auch die Förderung des Ausbaus der Waldenburgerbahn erwähnt.
Die Akten der Ersparniskasse werden heute im Staatsarchiv Basel-Landschaft aufbewahrt. Sie enthalten unter anderem Statuten, Kassabücher, Belege und Unterlagen zu Rechtsstreitigkeiten. Letztere erinnern daran, dass selbst gemeinnützige Einrichtungen gelegentlich Anlass zu handfesten Auseinandersetzungen geben konnten.
Ob Gotthelfs Buch tatsächlich dazu führte, dass mehr Posamenter ihr Geld bei der Ersparniskasse anlegten, lässt sich aus den bisher bekannten Angaben nicht zuverlässig beziffern. Der Auftrag und die Absicht hinter der Erzählung sind jedoch dokumentiert.
Als die Nationalbank Gotthelf wiederentdeckte
Eine hübsche Nachgeschichte ereignete sich 1993. Damals sprach Markus Lusser, Präsident des Direktoriums der Schweizerischen Nationalbank, über die Zukunft der Schweizer Regionalbanken.
Die Bankenwelt war in Bewegung geraten. Die Schliessung der Spar- und Leihkasse Thun im Herbst 1991 hatte gezeigt, dass auch vertraute Finanzinstitute in Schwierigkeiten geraten konnten. Das Vertrauen der Kundschaft war erschüttert.
In seinem Vortrag vom 16. Februar 1993 erinnerte Lusser an Gotthelfs Erzählung über die beiden Seidenweber. Er zog Parallelen zwischen den Schwierigkeiten der damaligen Regionalbanken und dem Misstrauen, dem die Langenbrucker Ersparniskasse im 19. Jahrhundert begegnet war.
Dass eine kleine Werbegeschichte aus dem Oberbaselbiet nach mehr als 140 Jahren in einem Vortrag des Schweizerischen Nationalbankpräsidenten auftauchte, ist schon bemerkenswert.
Gotthelf hätte daran wohl seine Freude gehabt. Vermutlich hätte er den Bankiers aber auch einige Fragen gestellt. Etwa, weshalb sie den Leuten so gerne das Sparen empfehlen und gelegentlich selber Schwierigkeiten bekunden, mit dem anvertrauten Geld vernünftig umzugehen.
Eine alte Geschichte mit erstaunlich jungen Fragen
Heute sind die Webstühle aus den Wohnstuben verschwunden. Wo einst Seidenbänder entstanden, stehen längst andere Möbel. Die meisten Menschen erhalten ihren Lohn auf ein Bankkonto und können ihr Geld mit wenigen Handgriffen verschieben.
Die menschlichen Eigenheiten haben sich dagegen erstaunlich gut gehalten.
Noch immer gibt es Leute, die mit ihrem Wohlstand prahlen und dabei mehr ausgeben, als sie besitzen. Andere lassen sich davon beeindrucken und fragen sich, weshalb sie selbst mit weniger auskommen müssen. Und in manchen Familien dürfte es auch heute eine Anne Marei geben, die sich von hochfliegenden Plänen ihres Mannes wenig beeindrucken lässt und zuerst wissen möchte, wer das alles bezahlen soll.
Gotthelfs moralischer Zeigefinger erscheint uns gelegentlich etwas streng. Manchmal hätte man den Eindruck, der Pfarrer traue den Menschen nur dann über den Weg, wenn sie fleissig arbeiteten, regelmässig sparten und seinen Vorstellungen von einem anständigen Leben folgten.
Aber er besass einen scharfen Blick für menschliche Schwächen. Seine Figuren sind eitel, bequem, neidisch, leichtgläubig und gelegentlich von einer Dummheit, die uns heute noch vertraut vorkommt. Gerade deshalb lohnt es sich, ihn zu lesen.
Mir gefällt an dieser Geschichte besonders, dass sie ein Stück Oberbaselbieter Alltag des 19. Jahrhunderts lebendig werden lässt. Die Posamenter, ihre Familien, die Abhängigkeit von den Basler Bändelherren und die Sorge um das tägliche Auskommen gehören zur Geschichte unserer Dörfer. Gotthelf hat ihnen mit seiner Erzählung einen Platz in der Literatur verschafft.
Und ganz nebenbei beweist das Buch, dass die Verbindung von Literatur und Werbung eine beachtliche Vergangenheit besitzt.
1851 brauchte es dafür immerhin noch einen Jeremias Gotthelf.







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