Der 25. Juli ist heute ein Datum, an dem kaum jemand innehält. Früher war das in manchen ländlichen Gegenden anders. Dort galt der Jakobstag als Wegmarke im Bauernjahr: Der Hochsommer war weit fortgeschritten, die Getreideernte rückte näher.
Der Jakobstag gehörte zu den sogenannten Lostagen. Solche Tage dienten als Orientierungspunkte im Jahreslauf. Aus Wind, Wolken und Regen versuchten die Menschen herauszulesen, wie sich das Wetter und damit auch die Ernte entwickeln würden. Ob die Bauernregeln immer zutrafen, sei dahingestellt. Sie zeigen jedoch, wie aufmerksam man die Natur beobachtete.
Vor allem war der Jakobstag ein Tag des Übergangs. Die Heuernte war vielerorts abgeschlossen, nun wartete die Getreideernte. Von ihr hing ab, ob genügend Korn für Brot und Vorräte vorhanden sein würde. Bevor diese anstrengenden Wochen begannen, gönnte man sich mancherorts einen Moment des Durchatmens.
Ein Tag zum Aufatmen
In verschiedenen Regionen erhielten Mägde und Knechte am Jakobstag frei. Mitunter wurde ihnen ein Teil des Jahreslohns ausbezahlt. Auf Dorfplätzen fanden Märkte, Kirchweihen oder Chilben statt. Man traf Verwandte und Bekannte, tauschte Neuigkeiten aus, ass zusammen und gönnte sich ein Glas Wein oder Most.
Es war eine kurze Pause zwischen zwei arbeitsreichen Zeiten. Die Heuernte lag hinter den Menschen, die Getreideernte stand vor ihnen. Schon bald würden Sense und Sichel wieder den Tageslauf bestimmen.
Mit dem Jakobstag verbindet sich auch die Verehrung des Apostels Jakobus des Älteren. Gottesdienste, Prozessionen und Wallfahrten gehörten vielerorts ebenso zum Tag wie das weltliche Feiern. Im bäuerlichen Brauchtum lagen Glaube und Alltag nahe beieinander. Man bat um eine gute Ernte, dankte für das bereits Gewachsene und feierte zugleich das Zusammensein.
Märkte, Chilben und der «billige Jakob»
Rund um den Jakobstag entstanden vielerorts Märkte und Volksfeste. Händler boten Stoffe, Werkzeuge, Haushaltswaren und Lebensmittel an. Musikanten spielten auf, Schausteller sorgten für Unterhaltung, und die Wirte hatten alle Hände voll zu tun.
Auch der Ausdruck «billiger Jakob» soll mit solchen Jahrmärkten zusammenhängen. So wurden Marktschreier und Händler bezeichnet, die ihre Waren lautstark und zu besonders günstigen Preisen anpriesen. Der Name hat sich bis heute erhalten, obwohl der Jakobstag selbst weitgehend aus dem Bewusstsein verschwunden ist.
Wenn die Älpler ins Tal kommen
Während der Jakobstag als Lostag vielerorts in Vergessenheit geraten ist, lebt etwas von seinem Geist in den Älplerchilben der Innerschweiz weiter. Dort verbinden sich Erntedank, gelebter Glaube und fröhliches Beisammensein zu einem Brauchtum, das seit Jahrhunderten gepflegt wird.
Die Älplerchilbi findet meist gegen Ende des Alpsommers statt. Die Älpler kehren von den Höhen ins Tal zurück und bringen Käse, Geschichten und Erinnerungen mit. Hinter ihnen liegen Monate harter Arbeit, wechselhaftes Wetter und die Verantwortung für das Vieh.
Wenn Mensch und Tier gesund zurückkehren, ist das ein Grund zur Dankbarkeit. Das Dorf empfängt die Älpler mit Musik, Fahnen und festlicher Stimmung. Was während des Sommers auf den Alpen entstanden ist, wird an diesem Tag sichtbar: Käse, Butter und andere Erzeugnisse, aber auch Zusammenhalt und gegenseitige Hilfe.
Der Dank für einen gelungenen Alpsommer
Im Mittelpunkt vieler Älplerchilben steht ein festlicher Gottesdienst. Käse, Brot, Früchte, Gemüse und Blumen schmücken den Altarraum. Sie stehen für die Arbeit eines ganzen Sommers und für die Hoffnung, dass Mensch und Tier vor Unglück bewahrt bleiben.
Jodellieder, Alphornklänge und Fahnenschwingen verbinden den Gottesdienst mit der Kultur der jeweiligen Region. Das Religiöse wirkt dabei nicht wie ein angefügter Programmpunkt. Es gehört zum Fest und gibt ihm seinen ursprünglichen Sinn.
Die Menschen danken für das Gelungene, erinnern sich an Gefahren und Verluste und bitten um Schutz für das kommende Jahr. Freude und Ernst liegen nahe beieinander.
Bruderschaften und Älplerämter
Viele Älplerchilben werden von Älpler-, Sennen- oder Bauernbruderschaften getragen. Einige dieser Gemeinschaften reichen bis ins 16. oder 17. Jahrhundert zurück. Sie pflegen die überlieferten Bräuche und sorgen dafür, dass Gottesdienst, Festzug und Feier jedes Jahr nach einer festen Ordnung stattfinden.
Innerhalb dieser Gesellschaften gibt es verschiedene Ämter. Präsidenten, Pfleger, Fähnriche und weitere Amtsträger übernehmen ihre Aufgaben oft über viele Jahre. An der Chilbi treten sie in Tracht auf und vertreten die Älplerschaft gegenüber dem Dorf.
Diese Ämter mögen Aussenstehenden feierlich oder gar etwas altertümlich erscheinen. Für die Beteiligten bedeuten sie jedoch Verantwortung. Sie zeigen, dass das Fest von der Gemeinschaft getragen wird und nicht bloss für Besucher veranstaltet wird.
Trachten, Fahnen und Festzüge
Zum Bild einer Älplerchilbi gehören die regionalen Trachten. Farben, Stickereien und Schnitte weisen auf die Herkunft hin und erzählen von lokalen Eigenheiten. Auch die Begleiterinnen der Älplerbeamten erscheinen in Festtagstracht.
Bei Prozessionen und Festzügen ziehen Fahnen, Musikanten und Trachtengruppen durch das Dorf. Je nach Ort kommen Alphornbläser, Jodler, Viehgespanne oder Wagen hinzu, auf denen bäuerliche Arbeit dargestellt wird.
So wird das Leben auf der Alp für einige Stunden ins Tal geholt. Was sonst fernab der Dörfer geschieht, rückt in den Mittelpunkt. Kinder sehen, wie Käse hergestellt oder Heu eingebracht wurde. Ältere erinnern sich an Arbeiten, die sie selbst noch ausgeführt haben.
Die Wilden bringen Unordnung ins Fest
Zu den auffälligsten Figuren mancher Älplerchilben gehören die sogenannten Wilden. Je nach Region heissen sie Wildmann, Wildweib, Butzi, Läsi oder Hudee. Sie tragen Masken, Fellgewänder oder zerlumpte Kleider und ziehen lärmend durch die Gassen.
Sie erschrecken Kinder, necken Erwachsene und bringen Unordnung in den feierlichen Ablauf. Gerade darin liegt ihre Aufgabe. Wo Ämter, Trachten und Prozessionen für Ordnung stehen, verkörpern die Wilden das Ungebändigte.
Am Vormittag verteilen sie manchenorts Trockenfrüchte oder Süssigkeiten an Kinder, sofern diese laut einen überlieferten Spruch aufsagen. Später treten sie bei Possenspielen oder während der Älpersprüche auf.
Hinter ihrem Schabernack lassen sich alte Vorstellungen von Naturkräften erkennen. Die Wilden erinnern an eine Zeit, in der die Berge als geheimnisvolle und gefährliche Welt galten. Der Mensch lebte von ihnen, blieb ihnen aber auch ausgeliefert.
Wenn das Dorf über sich selbst lacht
Zu den Höhepunkten gehören vielerorts die Älpersprüche. Darin werden Ereignisse des vergangenen Jahres aufgegriffen und humorvoll kommentiert. Ein Missgeschick im Gemeinderat, ein verunglückter Umbau, eine ungewöhnliche Hochzeit oder ein allzu selbstbewusstes Auftreten können zum Stoff für Verse und kleine Reden werden.
Die Älpersprüche erinnern an die Schnitzelbänke der Fasnacht. Sie dürfen spitz sein, sollen aber nicht verletzen. Wer sich darin wiedererkennt, nimmt es im besten Fall mit Humor. Für einige Augenblicke darf das Dorf über seine eigenen Schwächen lachen.
Nach dem Fahnenschwingen oder einem Trachtentanz wird dem Festprediger mancherorts ein Käse überreicht. Die Gabe dient als symbolischer Lohn für die Predigt. Auch diese Übergabe wird von Sprüchen begleitet und verbindet Dankbarkeit mit einem Augenzwinkern.
Ein Fest, das die Menschen zusammenbringt
Nach Gottesdienst, Prozession und Älpersprüchen folgt das gemeinsame Essen. In Gasthäusern, Mehrzweckhallen oder auf Festplätzen wird aufgetragen, musiziert und getanzt. Verwandte treffen sich, ehemalige Älpler erzählen von früher, und Besucher reisen aus anderen Regionen an.
Die Älplerchilbi ist deshalb weit mehr als eine Vorführung alter Bräuche. Sie ist ein gesellschaftlicher Treffpunkt. Bauernfamilien, Dorfbewohner und Gäste kommen miteinander ins Gespräch. Beziehungen werden gepflegt, Erinnerungen ausgetauscht und Streitigkeiten für einen Tag beiseitegelegt.
Solche Feste erinnern daran, dass Landwirtschaft nie allein aus Arbeit bestand. Sie lebte ebenso von gegenseitiger Hilfe, gemeinsamen Mahlzeiten und dem Wissen, Teil einer Gemeinschaft zu sein.
Was vom Jakobstag geblieben ist
Heute richtet sich kaum noch jemand nach einem Lostag. Wetterprognosen entstehen am Computer, Maschinen bestimmen den Arbeitsrhythmus, und die Getreideernte beginnt dann, wenn Reifegrad und Witterung es erlauben.
Der Jakobstag hat seinen festen Platz im Alltag verloren. Auch viele Bauernregeln sind nur noch wenigen bekannt. Geblieben ist der Gedanke, dass der Jahreslauf Übergänge kennt. Es gibt Zeiten der Arbeit, Zeiten des Wartens und Zeiten, in denen man innehält.
Die Älplerchilben machen einen solchen Übergang sichtbar. Sie danken für einen überstandenen Sommer und führen Menschen zusammen, bevor der Herbst beginnt. Alte Formen haben sich verändert, ihr Sinn ist aber noch immer zu erkennen.
Ein Fest kann mehr sein als Unterhaltung. Es kann daran erinnern, dass eine gute Ernte nicht selbstverständlich ist, dass Arbeit Anerkennung verdient und dass Freude grösser wird, wenn man sie miteinander teilt.







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