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In roter Schrift steht "BodeständiX" über dem schwarzen Text "Der Autorenblog von Hanspeter Gautschin" auf weißem Hintergrund.
Imbolc und die Kunst des leisen Neubeginns
Eine brennende Kerze und ein geflochtenes Strohkreuz, Symbole von Imbolc, stehen auf einem Holztisch neben einem verschneiten Weg. Zwei Menschen gehen bei Sonnenuntergang auf ein entferntes Dorf zu, in dessen Nähe kahle Bäume und hängende Wäsche den Geist von Neubeginn widerspiegeln.

Anfang Februar hat eine besondere Art von Winter. Er ist noch da, manchmal hartnäckig, manchmal nasskalt, manchmal wie ein grauer Deckel über allem.

Und doch gibt es Tage, an denen man merkt: Etwas im Jahr bewegt sich. Das Licht steht morgens einen Hauch länger am Fenster. Am späten Nachmittag bleibt ein Streifen Helligkeit, wo vor wenigen Wochen schon Dämmerung war. In der Erde passiert noch kaum Sichtbares, und trotzdem wirkt die Welt draussen weniger «stillgelegt». Sie steht wie ein Pferd, das im Stall scharrt: bereit, aber noch zurückgehalten.

Für diese Schwelle gibt es in der gälischen Tradition einen Namen: Imbolc (auch Imbolg). Es fällt auf den 1. Februar und gilt als Beginn des Frühlings im alten Festkalender.  Frühling meint hier keinen Blütenteppich. Frühling meint: etwas setzt wieder an. In der Natur, im Stall, im Haus, im Kopf.

Milch, Bauch, Reinigung – und die Logik des bäuerlichen Jahres

Der Name Imbolc wird oft mit der Zeit verbunden, in der die Schafe trächtig sind und rund um diese Wochen wieder Milch ein Thema wird. In frühen irischen Quellen taucht die Deutung «ewe milk» auf, und in der Forschung werden weitere Herleitungen diskutiert.

Das passt zur Erfahrung von Menschen, die vom Jahreslauf lebten: Um diese Zeit beginnt etwas zu laufen, das den Winter über still war. Wer Tiere hielt, wusste: Jetzt zählt Vorsorge. Wer Vorräte hatte, wusste: Jetzt entscheidet sich, ob sie reichen. Wer einen Hof führte, wusste: Jetzt braucht es Ordnung.

In alten Beschreibungen wird Imbolc auch als Reinigungsfest erwähnt.
Reinigung heisst in dieser Jahreszeit: lüften, ausmisten, prüfen, richten. Es heisst auch: im Inneren Platz machen. Der Winter sammelt gern alles an, was liegen bleibt. Imbolc ist ein Datum, das leise sagt: Räumen Sie auf, bevor das Jahr schneller wird.

Brigid – Schutz am Herd, Feuer in der Hand

Imbolc ist eng mit Brigid verbunden. Bei Encyclopaedia Britannica wird sie als Göttin der poetischen Künste und des Handwerks beschrieben, verbunden mit Weissagung; in der irischen Tradition gibt es die bekannte Dreiergestalt, in deren Umfeld auch Heilung und Schmiedekunst mitschwingen.

Brigid ist für mich keine Figur aus einem Museum. Sie ist ein Bild für etwas sehr Praktisches: für die Kraft, die aus Können entsteht.

  • Die Dichtung: Wörter finden, die einen Gedanken geradeziehen.
  • Das Handwerk: etwas bauen, flicken, schmieden, reparieren.
  • Die Heilung: pflegen, schützen, stärken, begleiten.

Brigid wurde später als Heilige weitergetragen, und ihr Tag bleibt der 1. Februar.
Ob man das als Verschmelzung der Kalender sieht oder als kluge Anpassung, spielt im Alltag eine Nebenrolle. Entscheidend ist: Der Tag blieb wichtig. Und er blieb nah bei Haus, Hof und Herd.

Volksglauben an der Türschwelle

Volksglauben wohnt gern an Übergängen. Türschwellen, Fensterbänke, Brunnen, Kreuzwege. Dort, wo man hinein- und hinausgeht, dort, wo es zieht, dort, wo das Ungewisse sitzt. Imbolc ist so ein Übergang, und genau dort entfalten sich die Bräuche.

In Irland werden rund um St. Brigid’s Day Brigid-Kreuze aus Binsen oder Stroh geflochten und im Haus aufgehängt, oft über Türen oder in der Küche, als Schutzzeichen für das kommende Jahr.  Das ist ein schöner Gedanke: Man hängt nicht irgendein Symbol auf. Man hängt ein Zeichen dahin, wo das Leben täglich vorbeigeht. Tür, Küche, Feuerstelle.

Ein weiterer Brauch ist das Brat Bríde: ein Stück Stoff, Schal oder Band, das am Vorabend draussen hingelegt oder aufgehängt wird – auf der Fensterbank, am Busch, am Zaun. Der Volksglaube sagt: Brigid zieht in dieser Nacht durchs Land und gibt dem Tuch Segen und Heilkraft.

So ein Tuch hat keine Magie im Hollywood-Sinn. Es ist ein Erinnerungsstück. Man nimmt es später ins Haus, bewahrt es auf, legt es bei Beschwerden auf oder behält es als Schutz. Der Mensch bindet Hoffnung an Dinge, die er anfassen kann. Das ist alt, und es ist sehr menschlich.

Auch heilige Brunnen gehören in diese Welt. Wasser als Übergang, Wasser als Reinigung, Wasser als Schutz. In der Volksüberlieferung werden solche Orte besucht, man geht «auf den Brunnen», bittet um Gesundheit, um eine gute Zeit, um Bewahrung.

Ich mag diese Logik: Der Segen wird nicht im Kopf gesucht, er wird im Gehen gesucht. Schritt für Schritt, hinaus in die Kälte, hin zu einem Ort, der älter wirkt als das eigene Gerede.

Lichtmess: der Nachbar im Kalender, die Schwester im Gefühl

Gleich nach Imbolc folgt bei uns im christlichen Kalender Lichtmess am 2. Februar – «Darstellung des Herrn», vierzig Tage nach Weihnachten. In der Liturgie wird die Reinigung Marias und die Darstellung Jesu im Tempel erinnert.

Und dann gibt es die Volksseite: Kerzen, Lichter, Segen. Die Kerzensegnung ist ein Brauch, der vielerorts geblieben ist, auch wenn das Fest im Alltag leiser geworden ist.

Hier läuft bei mir alles zusammen: Imbolc als «erstes Licht» in der gälischen Vorstellung, Lichtmess als Kerzenfest in der christlichen. Zwei Nachbarn, die an derselben Schwelle wohnen. Zwei Sprachen für denselben Eindruck: Das Jahr wird heller.

Bauernregeln: der Winter wird befragt

An solchen Schwellentagen will der Mensch wissen, wie es weitergeht. Und weil niemand den Himmel befehlen kann, hat man ihn gedeutet. Lichtmess ist ein klassischer Lostag im bäuerlichen Wetterkalender.

Eine Regel lautet zum Beispiel: «Ist’s an Lichtmess hell und rein, wird’s ein langer Winter sein.»

Eine andere sagt sinngemäss: Wenn die Sonne zu Lichtmess so klar scheint, dass sie «dem Pfaffen auf den Altar» fällt, folgen nochmals Wochen Winter.

Man kann darüber lächeln. Man kann auch anerkennen: Das sind Erfahrungsformeln aus Jahrhunderten, entstanden aus Beobachtung und Notwendigkeit. Sie sind keine Wetter-App. Sie sind Volksweisheit, in Reimform gepackt, damit man sie behält.

Und dann gibt es noch die sehr handfeste Bauernlogik, die ganz ohne Reim auskommt: Zu Lichtmess soll noch etwa die Hälfte Heu da sein.

Was Imbolc im Haus kann

Imbolc eignet sich für kleine Handlungen, die nicht nach Show wirken:

Fenster auf.
Ein kurzer Luftwechsel. Der Winter darf in die Stube schauen. Danach ist der Raum wach.

Eine Ecke klären.
Eine Schublade, ein Regal, ein Stapel Papier. Es braucht kein Grossreinemachen. Eine sichtbare Fläche genügt. Ordnung ist in diesen Wochen ein stiller Mutmacher.

Eine Kerze.
Eine einzige reicht. Am Abend, wenn draussen die Dunkelheit wieder gewinnt. Eine Kerze sagt: Das Licht kommt zurück, und ich nehme es ernst.

Etwas Handwerkliches.
Ein Knopf annähen. Einen Wackelgriff festziehen. Einen Textabschnitt schreiben. Brigid steht für das Tätige, und das Tätige ist oft das Heilende.

Ein kleines Schutzzeichen.
Wer mag, kann ein schlichtes Kreuz aus Stroh oder Binsen flechten und an eine Tür hängen. Ein Zeichen am Übergang, so wie es in der Brigid-Tradition überliefert ist.

Oder ein Stück Stoff am Vorabend kurz nach draussen legen, als persönliches «Brat Bríde». Der Volksglaube muss dabei niemandem beweisen, dass er recht hat. Er wirkt als Erinnerung: Es gibt Dinge, die man nicht machen kann, nur empfangen.

Das Fest der Geduld

Imbolc ist kein Fest, das laut wird. Es ist das Fest der Geduld. Es behauptet keinen Frühling, es zeigt eine Richtung. Wer um diese Zeit draussen unterwegs ist, merkt es an Kleinigkeiten: am helleren Rand des Tages, an den ersten Tropfen, die an der Dachkante hängen, am Vogel, der sich zu früh zu Wort meldet. Es sind Vorzeichen, keine Garantien.

Und vielleicht ist genau das der Sinn: Vorzeichen wahrnehmen. Das Jahr lässt sich nicht antreiben. Doch man kann sich innerlich bereit machen. Man kann ein wenig reinigen, ein wenig Licht setzen, ein wenig Schutz an die Schwelle hängen. Mehr verlangt Imbolc nicht.

 

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Ein älterer Mann mit grauem Haar und Brille sitzt in einem Holzstuhl, trägt einen dunklen Pullover, hält ein aufgeschlagenes Buch in der Hand und blickt von den Seiten auf. Der Hintergrund ist eine schlichte, helle Wand.

Ich bin Hanspeter Gautschin, Erzähler und Autor von BodeständiX – Geschichten, die bleiben.

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