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In roter Schrift steht "BodeständiX" über dem schwarzen Text "Der Autorenblog von Hanspeter Gautschin" auf weißem Hintergrund.
Das Märchen von der klugen Faulenzerin
Ein wildhaariger, zerlumpter Mann tanzt bedrohlich um ein Feuer in einem steinernen Raum, während koboldartige Wesen Wolle spinnen - eine echte Märchenszene. Eine besorgte Frau, die kluge Faulenzerin, steht an der Tür und beobachtet das Geschehen.

Ein altes Mütterchen hatte eine Tochter, die schön war wie ein Sonntagmorgen im Mai — aber leider auch ungefähr so arbeitsam wie eine Katze am Ofen.

Die Mutter sass Tag für Tag am Spinnrad, zog den Faden, spann den Hanf und seufzte dabei regelmässig:
«Kind, du musst endlich etwas lernen!»

Das Mädchen nickte freundlich, setzte sich ans Spinnrad und schaute dann eine halbe Stunde lang aus dem Fenster. Arbeiten konnte man schliesslich auch morgen noch. Oder übermorgen. Oder vielleicht nach Weihnachten.

Eines Tages verlor die Mutter endgültig die Geduld. Sie packte den Besenstiel, jagte die Tochter aus dem Haus und schimpfte hinter ihr her:
«Ich will diese Nichtstuerin nicht mehr sehen!»

Gerade in diesem Augenblick kam ein junger Mann vorbeigewandert. Er sah das hübsche Mädchen weinen und fragte erschrocken:
«Was hat sie denn getan?»

Die Mutter verdrehte die Augen.
«Ach, sie spinnt den ganzen Tag! Immer nur spinnen! Jetzt ist kein Hanf mehr im Haus!»

Der junge Mann staunte. So fleissige Frauen waren selten geworden. Er betrachtete das Mädchen mit Bewunderung und sagte:
«Dann soll sie meine Frau werden. Bei mir bekommt sie Hanf genug.»

Das Mädchen hätte vermutlich lieber einen gemütlichen Bäcker geheiratet oder einen reichen Käsehändler, aber ehe sie sich versah, stand sie schon vor dem Traualtar.

Nach der Hochzeit kaufte ihr der Ehemann mehrere grosse Säcke voll Hanf.
«Nun kannst du nach Herzenslust spinnen», sagte er glücklich.

Die junge Frau bekam beinahe einen Schwächeanfall.

Der Hanf lag da wie ein drohendes Gebirge. Jeden Morgen betrachtete sie ihn kurz und dachte:
Heute beginne ich bestimmt.

Und dann begann sie lieber mit etwas anderem. Zum Beispiel mit Nichtstun.

Die Monate vergingen erstaunlich rasch. Das tun sie immer, wenn man Arbeit vermeidet. Eines Tages erklärte der Mann:
«Ich reise fort. Wenn ich in einem Jahr zurückkomme, muss alles versponnen sein.»

«Natürlich», sagte sie tapfer.

Kaum war er weg, setzte sie sich erleichtert auf die Bank vor dem Haus und genoss die Sonne.

Sechs Monate später war noch kein einziger Faden gesponnen.
Nach neun Monaten ebenfalls nicht.
Nach elf Monaten betrachtete sie die Säcke nur noch mit einer Mischung aus Angst und schlechtem Gewissen.

Dann kam ein Brief:
Der Mann werde bald heimkehren.

Jetzt bekam sie es mit der Panik zu tun.

Am selben Abend hörte sie draussen auf der Gasse eine raue Stimme rufen:
«Holla, holla! Der Spinnermann ist da!»

Neugierig holte sie den sonderbaren Kerl herein. Er war dürr, schmutzig und sah aus, als hätte er seit Jahren mit dem Wind um Schlafplätze gestritten.

«Kannst du diesen Hanf spinnen?», fragte sie.

Der Fremde grinste.
«Natürlich.»

«Und was verlangst du dafür?»

«Fast nichts. Du musst nur meinen Namen erraten. Drei Versuche. Schaffst du es nicht, nehme ich dich mit.»

Eigentlich hätte sie spätestens jetzt misstrauisch werden sollen. Aber Verzweiflung macht erfinderisch — und manchmal auch leichtsinnig.

Der Spinnermann lud die Säcke auf seinen Karren und verschwand.

Nun sass die Frau erst recht zitternd zuhause. Wie sollte sie bloss den Namen erraten?

Am nächsten Abend musste sie Öl holen und wanderte durchs dunkle Tal. Da sah sie in der Ferne ein Feuer lodern. Rundherum sassen seltsame Gestalten und spannen. Mitten darin tanzte der Spinnermann wie verrückt um die Flammen und sang:

«Holla, holla, ich heiss Beelzebub,
morgen hol ich die Frau im Flug!»

Die junge Frau blieb hinter einem Busch stehen und lachte plötzlich über das ganze Gesicht.
«Aha», dachte sie. «Jetzt hab ich dich.»

Am Samstag erschien der Spinnermann tatsächlich wieder mit wunderschön gesponnenem Garn.

«Nun denn», sagte er selbstzufrieden. «Kennst du meinen Namen?»

«Heisst du Peter?»

«Nein.»

«Paul?»

«Nein.»

Jetzt rieb sich der Fremde bereits die Hände.

Da lächelte die Frau gemütlich und sagte:
«Dann heisst du wohl Beelzebub.»

In diesem Moment wurde der Spinnermann kreidebleich. Er stampfte vor Wut auf, schleuderte die Garnrollen durch die Küche und verschwand mit einem Heulen, dass sogar die Hühner erschrocken vom Stall flatterten.

Zwei Tage später kam der Ehemann heim.

Damit er nie wieder auf die Idee kam, ihr grosse Mengen Hanf zu kaufen, band sich die Frau leere Schneckenhäuser auf den Rücken. Als der Mann sie umarmte, knackte und krachte es bedenklich.

«Um Himmels willen! Was ist mit dir passiert?»

Die Frau seufzte tief.
«Das viele Spinnen hat mir fast alle Knochen zerbrochen.»

Der Mann erschrak gewaltig.
«Nein! Das kommt nicht mehr in Frage! Lieber zerrissene Leintücher als eine kaputte Frau!»

Und so musste die Nichtstuerin ihres Lebens nie wieder an ein Spinnrad sitzen.

Manchmal gewinnt im Märchen eben nicht die Fleissigste.
Sondern die Schlaueste.

Wer beim Lesen an «Rumpelstilzchen» denkt, liegt nicht ganz falsch. Solche Motive wanderten früher durch ganz Europa und tauchten in vielen regionalen Varianten auf. «Die kluge Faulenzerin» ist ein altes Tessiner Märchen, das ich aufgenommen und neu erzählt habe. Der Grundgedanke ist ähnlich: Eine geheimnisvolle Gestalt übernimmt eine unmögliche Arbeit, und ihr Name wird zum Schlüssel der Rettung. Doch hier wird keine fleissige Heldin belohnt. Hier kommt eine Frau davon, die das Arbeiten meisterhaft vermeidet und sich mit Schlauheit aus der Affäre zieht. Gerade das macht den besonderen Reiz dieser Geschichte aus.

 

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Ein älterer Mann mit grauem Haar und Brille sitzt in einem Holzstuhl, trägt einen dunklen Pullover, hält ein aufgeschlagenes Buch in der Hand und blickt von den Seiten auf. Der Hintergrund ist eine schlichte, helle Wand.

Ich bin Hanspeter Gautschin, Erzähler und Autor von BodeständiX – Geschichten, die bleiben.

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