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In roter Schrift steht "BodeständiX" über dem schwarzen Text "Der Autorenblog von Hanspeter Gautschin" auf weißem Hintergrund.
Die unsichtbaren Redaktoren – Wie Algorithmen unsere Welt ordnen
Die Silhouette einer Person steht vor einem farbenfrohen, abstrakten Hintergrund mit schwebenden Social-Media-Symbolen, die durch Linien miteinander verbunden sind, um darzustellen, wie Algorithmen und unsichtbare Redaktoren unsere digitale Konnektivität und Online-Interaktion im Stillen prägen.

Die Welt, die uns auf dem Bildschirm begegnet, ist keine zufällige. Hinter ihr stehen unsichtbare Rechenmodelle, die auswählen, ordnen und gewichten – und damit still und leise unsere Wahrnehmung der Wirklichkeit formen.

Früher begann der Tag mit der Zeitung. Man schlug sie auf und fand darin eine Welt, die von Redaktionen zusammengestellt worden war. Natürlich war auch diese Auswahl nicht neutral. Doch sie war sichtbar: Namen standen unter Artikeln, Meinungen konnten zugeordnet werden, und wer wollte, konnte die Zeitung wechseln.

Heute sieht die Sache anders aus.

Viele Menschen beginnen ihren Tag nicht mehr mit einer Zeitung, sondern mit einem Blick auf ihr Smartphone. Dort erscheint eine scheinbar zufällige Mischung aus Nachrichten, Bildern, Videos und Kommentaren. Man scrollt, klickt, liest, reagiert – und glaubt dabei, die Welt so zu sehen, wie sie eben ist.

Doch was wir sehen, ist längst nicht mehr einfach die Welt.

Es ist eine Auswahl.
Und diese Auswahl trifft kein Redaktor mehr.

Vom Redaktionszimmer zum Rechenmodell

Über Jahrzehnte hinweg bestimmten Redaktionen, welche Themen wichtig waren. Zeitungen, Radio und Fernsehen hatten eine klare Struktur. Journalisten entschieden, was auf die Titelseite kam, welche Meldung zuerst gesendet wurde und welche Themen vertieft behandelt wurden.

Diese Auswahl war nie vollkommen neutral. Doch sie war nachvollziehbar. Redaktionen hatten Namen, Gesichter und Verantwortliche.

Heute hat sich diese Ordnung verschoben. Die wichtigsten Informationsplattformen unserer Zeit – Facebook, YouTube, TikTok, Instagram oder X – funktionieren nicht mehr nach dem Prinzip der klassischen Redaktion. Die Reihenfolge der Inhalte wird nicht von Menschen festgelegt, sondern von mathematischen Modellen.

Der Redaktor ist unsichtbar geworden.

Die unsichtbaren Redaktoren

An die Stelle der menschlichen Auswahl ist ein System getreten, das man Algorithmus nennt.

Ein Algorithmus ist im Grunde eine mathematische Vorschrift. Er analysiert, welche Inhalte Menschen anklicken, wie lange sie etwas anschauen, worauf sie reagieren – und zeigt ihnen anschliessend mehr von genau solchen Inhalten.

Mit der Zeit entsteht ein persönlicher Nachrichtenstrom, der perfekt auf die eigenen Vorlieben zugeschnitten ist.

Der amerikanische Internetaktivist Eli Pariser prägte dafür bereits 2011 den Begriff der «Filterblase». Er beschrieb damit die Gefahr, dass Menschen im Internet vor allem jene Informationen sehen, die zu ihren bisherigen Ansichten passen.

Die Welt wird dadurch nicht grösser – sie wird enger.

Aufmerksamkeit als Währung

Warum funktioniert das so?

Die Antwort ist einfach: Aufmerksamkeit ist im digitalen Zeitalter eine Währung. Plattformen verdienen Geld, wenn Menschen möglichst lange auf ihnen bleiben.

Deshalb bevorzugen Algorithmen Inhalte, die starke Reaktionen auslösen: Empörung, Angst, Begeisterung oder moralische Entrüstung. Sachliche Beiträge haben es schwerer, denn sie erzeugen weniger Klicks.

Eine Reihe wissenschaftlicher Studien zeigt, dass solche algorithmischen Ranglisten die Aufmerksamkeit der Nutzer gezielt steuern und bestimmte Inhalte stärker sichtbar machen als andere.

Das Problem liegt auf der Hand:

Was Aufmerksamkeit erzeugt, ist nicht unbedingt das, was wahr oder wichtig ist.

Wenn der Diskurs sich verändert

Die Folgen sind längst spürbar.

Forscher beobachten, dass algorithmische Feeds politische Diskussionen verändern können, indem sie polarisierende Inhalte stärker verbreiten oder extreme Positionen sichtbarer machen.

Andere Studien zeigen, dass solche Systeme auch beeinflussen können, wie Menschen über gesellschaftliche Themen denken oder wie sie sich politisch engagieren.

Das bedeutet nicht, dass Algorithmen allein die Gesellschaft spalten. Doch sie können bestimmte Dynamiken verstärken.

Man könnte sagen:

Die Technik wirkt wie ein Verstärker, der laute Stimmen noch lauter macht.

Eine neue Öffentlichkeit

Früher gab es eine gemeinsame Öffentlichkeit. Menschen sahen dieselben Nachrichten, hörten dieselben Radiosendungen und diskutierten über ähnliche Themen.

Heute lebt ein Teil der Gesellschaft in der Welt von TikTok, ein anderer in der Welt von Facebook, wieder andere in Telegram-Kanälen oder YouTube-Kommentaren.

Die Öffentlichkeit zerfällt in viele kleine Öffentlichkeiten.

In der Forschung spricht man inzwischen sogar von «algorithmischer öffentlicher Meinung» – also einer Meinungsbildung, die stark durch digitale Plattformen geprägt wird.

Das ist eine völlig neue Situation in der Geschichte der Kommunikation.

Die neue Macht ohne Gesicht

Das Besondere daran ist: Diese Macht hat kein Gesicht.

Früher konnte man Medien kritisieren. Man kannte Herausgeber, Chefredaktoren und Journalisten. Heute entscheidet ein komplexes System aus Datenanalyse und künstlicher Intelligenz darüber, was sichtbar wird – und was nicht.

Selbst die Betreiber der Plattformen verstehen oft nicht mehr vollständig, wie ihre eigenen Algorithmen im Detail wirken.

Die Macht der Auswahl ist damit in Maschinenlogik ausgelagert worden.

Eine offene Frage

Die digitale Welt bringt unbestreitbare Vorteile. Informationen sind heute leichter zugänglich als je zuvor, und jeder kann seine Meinung öffentlich äussern.

Doch gleichzeitig entsteht eine neue Frage, die uns noch lange beschäftigen wird:

Wer entscheidet eigentlich, was wir sehen?

Früher waren es Redaktionen, deren Entscheidungen sichtbar und diskutierbar waren. Heute übernehmen mathematische Modelle diese Aufgabe. Sie sortieren die Welt nach Aufmerksamkeit, Reaktion und Verweildauer.

Die Auswahl geschieht still.

Kein Redaktor unterschreibt sie.
Keine Debatte begleitet sie.
Kein Leser weiss genau, nach welchen Regeln sie erfolgt.

So verändert sich unsere Öffentlichkeit leise, beinahe unmerklich.

Vielleicht liegt gerade darin die eigentliche Herausforderung unserer Zeit:
dass Macht immer weniger sichtbar wird.

Und dass wir uns längst in einer Welt bewegen, deren Wegweiser von Algorithmen aufgestellt werden.

 

 

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Über

Ein älterer Mann mit grauem Haar und Brille sitzt in einem Holzstuhl, trägt einen dunklen Pullover, hält ein aufgeschlagenes Buch in der Hand und blickt von den Seiten auf. Der Hintergrund ist eine schlichte, helle Wand.

Ich bin Hanspeter Gautschin, Erzähler und Autor von BodeständiX – Geschichten, die bleiben.

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