Wieder einmal war der Betreibungsbeamte (Gerichtsvollzieher) aufgetaucht. Den Mann kannte er inzwischen schon fast zu gut.
Ein weiteres Mal hatte er alle Fristen verstreichen lassen. Den Schuldbetrag hatte er in letzter Minute, wie immer, auf der Strasse zusammengeschnorrt. Nun konnte er die Schulden in bar begleichen und sich wenigstens für die nächsten Wochen den Strom sichern.
Trotz dieser kurzen Erleichterung war die Verzweiflung sein ständiger Begleiter. Keine Besserung in Sicht. Ein Job? Ein geregeltes Einkommen? Wunschträume, die wohl nie Realität werden würden.
Der Betreibungsbeamte schaute sich erneut in der kleinen, kargen Wohnung um. Vieles hatte er schon mitgenommen, was von Wert war.
«Was ist mit der Gitarre in der Ecke? Spielen Sie?» fragte er plötzlich, sein Blick auf das alte Instrument gerichtet.
Schock durchzuckte ihn. Die Schuld war doch getilgt? Es gab keinen offenen Restbetrag.
«Die ist von meinem Vater. Ein Erbstück», stotterte er. «Früher beim Campen haben wir oft zusammen gespielt und gesungen.»
Die Gitarre, stummes Zeugnis vergangener Abenteuer. Das Holz war stumpf geworden, überzogen von Kratzern, jeder ein stummer Zeuge der Misshandlungen. Nie hatte es eine Tasche für den Transport gegeben. Ein paar abgewetzte Aufkleber auf der Rückseite erzählten von fernen Orten und vergangenen Zeiten.
Die Saiten waren zerrissen, wie sein Leben. Nicht einmal für neue Saiten hatte er Geld.
«Ich nehme die mal mit», sagte der Betreibungsbeamte und griff nach der Gitarre, verschwand.
Er sass wie versteinert auf dem alten, unbequemen Stuhl, der wie er selbst schon bessere Tage gesehen hatte. Minuten vergingen, dann Stunden. Er blieb wie angewurzelt sitzen. Den ganzen Nachmittag. Man hatte ihm das letzte Erinnerungsstück genommen.
Es klingelte. Er zuckte zusammen. Bei ihm klingelte es nie. Ausser dem Betreibungsbeamten kam niemand vorbei. Er überlegte. Wer konnte das sein?
Er öffnete die Tür.
Vor ihm stand der Beamte, der ihn zuvor aufgesucht hatte. Er streckte ihm die Gitarre entgegen. Geputzt, mit frischen Saiten bespannt. «Bitte schön. Ich hoffe, Sie können sich etwas freuen. Wenn Sie möchten, helfe ich Ihnen mit einer Genehmigung, dann können Sie in der Fussgängerzone musizieren und so etwas Geld verdienen.»







Sehr berührende Geschichte, danke Hanspeter.
Danke Elvira.