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In roter Schrift steht "BodeständiX" über dem schwarzen Text "Der Autorenblog von Hanspeter Gautschin" auf weißem Hintergrund.
Die Kunst des Küssens – Eine kleine Kulturgeschichte der grossen Nähe
Ein Gemälde im Aquarellstil, das ein junges Paar zeigt, das sich im Freien küsst und die Kunst des Küssens einfängt. Die Frau hält zärtlich das Gesicht des Mannes, beide mit sanftem Gesichtsausdruck, umgeben von einem verträumten, farbigen Hintergrund, der Nähe ausstrahlt.

Ein Kuss ist eine erstaunlich kleine Bewegung mit erstaunlich grosser Wirkung. Zwei Gesichter rücken näher, die Welt wird leiser, und für einen Moment zählt nur noch dieser Abstand von wenigen Zentimetern. Mehr braucht es nicht.

Man kann einen Kuss kaum planen. Er geschieht – oder eben nicht. Und wenn er geschieht, entscheidet sich in Sekunden, ob er bloss höfliche Geste bleibt oder ob er ein Kapitel aufschlägt, das man noch lange weiterliest.

Wie viele Arten von Küssen gibt es?

Mehr, als man denkt.

Da ist der Kuss der Eltern auf die Stirn eines Kindes. Der Wangenkuss unter Freunden. Der Handkuss, der einmal zum guten Ton gehörte und heute fast wie aus einer anderen Welt wirkt. Gläubige küssen Reliquien oder Heiligenbilder. Fussballer drücken ihre Lippen auf den Pokal. Am Flughafen verabschieden sich Liebende mit einem Kuss, der länger dauert als das Boarding.

Und dann gibt es ihn: den Kuss, der elektrisiert.

Kein anderer kommt ihm gleich. Er ist weder Begrüssung noch Ritual. Er ist Einladung, Erkundung, manchmal auch Wagnis. Wer einen Menschen küsst, tritt in seinen persönlichsten Raum. Man spürt den Atem des anderen, hört das leise Einziehen von Luft, merkt, ob da Zögern ist oder Entschlossenheit.

Das ist Nähe in Reinform.

Warum der romantische Kuss so viel bedeutet

Interessanterweise messen viele Frauen dem Küssen einen besonders hohen Stellenwert bei – vor allem am Anfang einer Beziehung. Evolutionspsychologen vermuten, dass der Kuss eine Art Test sein könnte: Stimmen Geruch, Geschmack, Rhythmus? Fühlt sich die Nähe richtig an? Ein einziger missglückter Kuss kann mehr Zweifel säen als drei missratene Gespräche.

Männer gehen damit oft pragmatischer um. Für sie steht eher im Vordergrund, was folgen könnte. Natürlich gibt es Ausnahmen – doch Studien zeigen diese Tendenz immer wieder.

Unbestritten ist: Paare, die sich regelmässig küssen, berichten häufiger von Zufriedenheit in ihrer Beziehung. Das gilt unabhängig davon, wie oft sie miteinander schlafen. Der Kuss wirkt wie ein kleines tägliches Band, das zwei Menschen zusammenhält.

Und fast jeder erinnert sich an den ersten «richtigen» Kuss. Meist geschieht er in der frühen Jugend. Ein bisschen unbeholfen. Viel zu schnell vorbei. Und doch bleibt er im Gedächtnis wie ein Foto, das nie verblasst.

Was im Körper passiert – ohne Laborgeruch

Beim Küssen arbeitet der Körper auf Hochtouren. Die Lippen gehören zu den empfindlichsten Zonen überhaupt. Tausende Nervenenden reagieren auf Druck, Wärme und Bewegung. Die Signale wandern blitzschnell ins Gehirn.

Dort werden Botenstoffe freigesetzt: Dopamin sorgt für Hochgefühl, Oxytocin stärkt Bindung, Endorphine heben die Stimmung. Gleichzeitig sinkt das Stresshormon Cortisol. Der Puls beschleunigt sich, die Haut wird besser durchblutet.

Kurz gesagt: Der Körper schaltet in einen Zustand, den man durchaus als sanften Rausch bezeichnen kann.

Und ja, bei einem intensiven Zungenkuss wechseln Millionen von Bakterien den Besitzer. Was zunächst wenig poetisch klingt, trainiert tatsächlich das Immunsystem. Küssen ist also auch eine Art Austauschprogramm für Mikroorganismen.

Ganz nebenbei werden über dreissig Gesichtsmuskeln aktiviert. Wer regelmässig küsst, betreibt diskrete Gesichtsgymnastik – angenehmer lässt sich Training kaum gestalten.

Ist Küssen angeboren?

Erstaunlicherweise nein – zumindest nicht in der Form, wie wir es kennen.

Anthropologische Studien zeigen, dass der romantische Lippenkuss längst keine universelle Gewohnheit ist. In weniger als der Hälfte der weltweit untersuchten Kulturen spielt er im Kontext von Liebe und Sexualität eine Rolle. In Teilen Afrikas oder bei einigen indigenen Völkern Amerikas existiert er schlicht nicht als Ausdruck von Romantik.

Eine Theorie besagt, dass sich der Kuss aus dem gegenseitigen Beschnuppern entwickelt hat. Geruch spielt bei der Partnerwahl eine grössere Rolle, als wir zugeben. In manchen Kulturen ist das Aneinanderlegen von Nase und Stirn bis heute eine vertraute Begrüssungsgeste.

Eine andere Spur führt in die Frühzeit der Menschheit: Mütter kauten Nahrung vor und gaben sie von Mund zu Mund an ihre Kinder weiter. Aus dieser praktischen Handlung könnte sich mit der Zeit eine symbolische Nähegeste entwickelt haben.

Die Anthropologin Helen Fisher sieht im Kuss ein Instrument der Partnerbindung. Er verknüpfe sexuelles Begehren mit emotionaler Nähe und stabilisiere  , die für gemeinsame Elternschaft wichtig sind.

Auch Sigmund Freud hatte eine Erklärung parat. Für ihn lag der Ursprung in der frühen oralen Lust des Säuglings. Seine These wird heute differenziert betrachtet, gehört jedoch zur Geschichte der Deutungen.

Der Kuss in der Kunst

Kaum ein Motiv wurde so oft dargestellt wie der Kuss.

Auguste Rodins Skulptur «Le Baiser» zeigt zwei ineinander verschlungene Körper – Spannung, Hingabe, Bewegung im Marmor festgehalten.

Solche Bilder prägen unsere Vorstellung davon, wie ein «grosser» Kuss auszusehen hat. Im Kino wartet das Publikum auf genau diesen Moment. Wenn sich zwei Figuren endlich küssen, löst sich die Spannung, die sich über Stunden aufgebaut hat.

Die eigentliche Kunst

Was macht einen guten Kuss aus?

Aufmerksamkeit. Rhythmus. Ein Gespür für den anderen. Küssen ist kein Wettkampf und kein Kraftakt. Es ist ein Dialog ohne Worte. Mal führt einer, mal der andere. Man tastet sich vor, nimmt Tempo auf, hält inne.

Überstürzung verdirbt vieles. Ein guter Kuss entwickelt sich. Er hat Anfang, Steigerung und manchmal ein sanftes Verklingen. Wer ihn ernst nimmt, merkt schnell: Es geht um Präsenz. Darum, wirklich da zu sein.

Und um Kleinigkeiten, die gross wirken: gepflegte Lippen, frischer Atem, ein Hauch Zurückhaltung zu Beginn. Niemand möchte von einer ungebremsten Zunge überrascht werden, die Orientierungslosigkeit verbreitet.

Ein Kuss darf verspielt sein. Er darf intensiv sein. Er darf auch kurz sein – wenn er stimmt.

Ein Moment, der bleibt

Vielleicht ist es genau das, was den Kuss so besonders macht: Er lässt sich nicht konservieren. Man kann ihn nicht sammeln wie Fotos oder speichern wie Nachrichten. Er existiert nur im Augenblick seines Geschehens.

Und doch bleibt er.

Man erinnert sich an den Kuss im Sommer, an den im Treppenhaus, an den unter einem Regenschirm. An jenen, der zu spät kam. An jenen, der alles veränderte.

Am Ende ist der Kuss weder bloss Chemie noch reines Ritual. Er ist eine der unmittelbarsten Formen menschlicher Begegnung. Zwei Menschen entscheiden sich, ihre Distanz aufzugeben. Für Sekunden oder für länger.

Und manchmal beginnt genau dort etwas, das weit über diesen einen Moment hinausreicht.

Literaturhinweise

  • Fisher, Helen: Anatomy of Love.
  • Kirshenbaum, Sheril: The Science of Kissing.
  • Eibl-Eibesfeldt, Irenäus: Liebe und Hass.
  • Freud, Sigmund: Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie.
  • Jankowiak, William et al.: «Is the Romantic–Sexual Kiss a Near Human Universal?» In: American Anthropologist (2015).

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Ein älterer Mann mit grauem Haar und Brille sitzt in einem Holzstuhl, trägt einen dunklen Pullover, hält ein aufgeschlagenes Buch in der Hand und blickt von den Seiten auf. Der Hintergrund ist eine schlichte, helle Wand.

Ich bin Hanspeter Gautschin, Erzähler und Autor von BodeständiX – Geschichten, die bleiben.

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