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In roter Schrift steht "BodeständiX" über dem schwarzen Text "Der Autorenblog von Hanspeter Gautschin" auf weißem Hintergrund.
Die Förderer
Sponsoren und Förderer in eleganter Kleidung unterhalten sich bei einer Vernissage in einer Kunstgalerie bei einem Glas Wein und genießen den Blick auf die Skyline der Stadt bei Sonnenuntergang.

Benedikt Furrer war Maler. Seit dreissig Jahren. Er hatte in dieser Zeit Hunderte Bilder gemalt, eine stattliche Anzahl Ausstellungen bestritten und dabei die bemerkenswerte Erfahrung gemacht, dass sich die Begeisterung seiner Mitmenschen für die Kunst gewöhnlich umgekehrt proportional zu ihrer Zahlungsbereitschaft verhielt.

An Bewunderern fehlte es ihm jedenfalls nicht. Manche schwärmten seit Jahren von seinen Bildern. Besonders jene, die noch keines gekauft hatten.

Nun stand wieder eine Ausstellung bevor. Benedikt hatte sich lange dagegen gesträubt. Seine Frau Klara hatte schliesslich das entscheidende Argument vorgebracht: Im Atelier sei inzwischen kaum noch Platz, und irgendwann müsse er sich von seinen Bildern trennen.

«Dann verschenke ich sie», hatte Benedikt gebrummt.

«Das machst du an deinen Vernissagen doch ohnehin schon. Du bezahlst sogar noch dafür.»

Die Galerie «Ambiente» hatte ihm ihre Räume angeboten. Die Besitzerin, eine Dame namens Cornelia Zuber, war von seinem Werk begeistert. Sie fand es ausserordentlich wichtig, dass auch weniger bekannte Künstler Gelegenheit erhielten, ihre Arbeiten einer breiteren Öffentlichkeit vorzustellen.

Für die Räume verlangte sie eine Miete von achthundert Franken. Dazu kamen fünfundzwanzig Prozent Provision auf jedes verkaufte Bild.

«Sie verstehen», hatte sie erklärt, «eine Galerie verursacht beträchtliche Kosten.»

Benedikt verstand. Er hatte selbst beträchtliche Kosten, bloss interessierte sich niemand dafür.

Drei Wochen vor der Eröffnung begann die übliche Schinderei. Bilder mussten gerahmt, Einladungen verschickt und die Werke in die Galerie transportiert werden. Klara führte eine Liste der Ausgaben. Sie war eine gewissenhafte Frau, die bei Zahlen ihren Humor verlor.

«Zweitausendachthundert Franken», stellte sie am Vorabend fest.

«Wir verkaufen bestimmt etwas.»

«Das hast du beim letzten Mal auch gesagt.»

«Da haben wir immerhin zwei Bilder verkauft.»

«Und dreitausend Franken draufgelegt.»

Benedikt fand, dass Klara gelegentlich eine geradezu kleinbürgerliche Auffassung von Kunst hatte.

Am nächsten Nachmittag stand er in frisch gebügeltem Hemd und einer Jacke vor dem Spiegel. Sogar rasiert hatte er sich.

Klara betrachtete ihn wohlwollend.

«Du siehst aus wie ein Bankangestellter.»

«Hoffentlich verwechselt mich jemand mit einem. Die verdienen wenigstens etwas.»

Um fünf Uhr trafen die ersten Gäste ein.

Auf einem langen Tisch standen Weisswein, Mineralwasser und kleine Häppchen, die Cornelia Zuber bei einem Cateringunternehmen bestellt hatte. Benedikt hatte beim Anblick der Rechnung gefragt, ob man die Leute denn unbedingt verköstigen müsse.

«Aber Herr Furrer! Eine Vernissage lebt doch auch von der Geselligkeit!»

Daran war schwer zu zweifeln.

Als Erster erschien Hugo Brändli, pensionierter Gemeinderat, Ehrenmitglied verschiedener Vereine und seit seiner Pensionierung ein eifriger Kulturförderer.

«Benedikt, alter Freund! Wunderbar, was du da wieder auf die Beine gestellt hast!»

Er schlug ihm so kräftig auf die Schulter, dass Benedikt beinahe seinen Weinkelch fallen liess.

«Weisst du, die Kultur ist enorm wichtig. Gerade heute!»

Hugo sagte das oft. Er sagte auch gern, dass unsere Gesellschaft ihre Wurzeln nicht vergessen dürfe. Was er damit meinte, wusste niemand so genau. Er selbst vermutlich auch nicht.

Nun liess er sich die Bilder zeigen. Vor jedem blieb er kurz stehen, nickte und brummte anerkennend.

«Gefällt dir etwas besonders?», fragte Benedikt.

«Ach, die sind alle wunderschön. Ich könnte mich gar nicht entscheiden.»

Das war Hugo schon bei den letzten sechs Ausstellungen so ergangen.

Dann entdeckte er den Weisswein.

Kurz darauf erschienen Walter und Marianne Hollenweger. Die beiden waren im regionalen Kulturleben gut bekannt. Kaum eine Ausstellung, Theaterpremiere oder Buchvernissage, bei der sie fehlten.

Marianne trug einen weiten, dunkelroten Mantel und eine Halskette, die vermutlich aus Afrika stammte. Jedenfalls erzählte sie das seit Jahren.

«Benedikt!», rief sie und küsste ihn auf beide Wangen. «Du wirst ja immer besser!»

Sie stellte sich vor eine Landschaft mit einem alten Bauernhaus.

«Ach, dieses Licht! Und diese Farben! Da könnte ich stundenlang hinschauen.»

«Dann nimm es doch mit nach Hause», schlug Benedikt vor.

Marianne lachte.

«Du bist gut! Wo sollen wir das denn noch aufhängen?»

Die Hollenwegers bewohnten ein geräumiges Einfamilienhaus. Die Wände waren reichlich mit Bildern geschmückt, vorwiegend mit preiswerten Reproduktionen bekannter Künstler. Im Wohnzimmer hing seit zwanzig Jahren ein gerahmtes Poster von Monet.

Walter kam hinzu.

«Was kostet denn dieses Bild?»

Benedikt nannte den Preis.

Walter pfiff anerkennend.

«Du, da steckt sicher eine Menge Arbeit drin.»

«Ungefähr sechzig Stunden.»

«Ja, ja. Das sieht man.»

Er betrachtete das Bild noch einmal.

«Also ich finde, du solltest unbedingt weitermachen.»

Dann führte er seine Frau zum Buffet.

Gegen halb sechs wurde es etwas lebhafter. Gemeinderätin Beatrice von Arx betrat die Galerie, begleitet von zwei Mitgliedern der Kulturkommission.

Die Präsidentin trug ein auffälliges Halstuch, eine randlose Brille und eine sorgfältig einstudierte Anteilnahme am künstlerischen Schaffen ihrer Mitmenschen.

Sie schüttelte Benedikt die Hand.

«Wir sind natürlich sehr stolz, dass wir solche Künstler in unserer Gemeinde haben.»

«Danke.»

«Die Kultur ist ein tragender Pfeiler unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens.»

Benedikt vermutete, dass sie diesen Satz irgendwo abgeschrieben hatte.

Die Gemeinderätin liess sich durch die Ausstellung führen. Vor einem Bild blieb sie stehen. Es zeigte einen halb zerfallenen Holzschopf, den Benedikt im vergangenen Herbst gemalt hatte.

«Interessant», sagte sie.

Sie trat näher.

«Sehr interessant. Diese Vergänglichkeit. Und gleichzeitig diese Hoffnung.»

«Welche Hoffnung?»

«Nun, die Öffnung dort. Das Licht, das von aussen hereindringt.»

«Das ist die Tür. Sie hängt schief.»

Beatrice von Arx nickte begeistert.

«Eben. Eine Metapher für unsere Gesellschaft.»

Benedikt betrachtete den Schopf. Der Besitzer hatte ihn im Frühjahr abgerissen und durch eine Fertiggarage ersetzt. Von gesellschaftlicher Hoffnung war dabei wenig zu erkennen gewesen.

Nach einigen weiteren Betrachtungen erkundigte sich Benedikt, ob die Gemeinde für ihr Sitzungszimmer vielleicht ein Bild erwerben möchte.

Die Präsidentin verzog das Gesicht.

«Du weisst ja, wie es aussieht. Überall müssen wir sparen.»

«Natürlich.»

«Aber wir haben im Kulturleitbild ausdrücklich festgehalten, dass wir das regionale Kunstschaffen fördern wollen.»

«Und wie geschieht das?»

«Nun, beispielsweise durch unsere Präsenz heute Abend.»

Benedikt bedankte sich.

Ein paar Tage zuvor hatte er in der Zeitung gelesen, dass der Gemeinderat die Möblierung seines Sitzungszimmers für achtzehntausend Franken erneuern liess. Die alten Möbel waren noch gut erhalten gewesen, aber die Stühle passten farblich nicht mehr zum neuen Boden.

Benedikt fragte sich, ob er künftig vielleicht Stühle bemalen sollte.

Die Vernissagerede hielt Dr. Laurenz Kupper, Kunsthistoriker und Verfasser zahlreicher Katalogtexte. Er hatte einen gepflegten grauen Bart und sprach mit jener gedämpften Stimme, die jeden Satz wie eine bedeutende Erkenntnis erscheinen lässt.

«Meine sehr verehrten Damen und Herren», begann er, «Kunst ist stets auch die Auseinandersetzung des Menschen mit seiner eigenen Vergänglichkeit.»

Benedikt hörte zu.

Es folgte eine längere Betrachtung über das Unsagbare, die Brüchigkeit unserer Existenz und die Dialektik zwischen individueller Wahrnehmung und kollektiver Erinnerung.

Der Maler erfuhr, dass seine Bilder «archaische Sehnsuchtsräume» erschlossen und sich «im Spannungsfeld existenzieller Verortung» bewegten.

Er war beeindruckt.

Von einem Kunsthistoriker konnte man tatsächlich eine Menge über seine eigenen Bilder erfahren.

Als Dr. Kupper schliesslich von der «Dekonstruktion des Landschaftlichen» sprach, bemerkte Benedikt, dass Hugo Brändli zum dritten Mal zum Buffet ging.

Ein gescheiter Mann, dieser Hugo.

Nach zwanzig Minuten endete die Rede mit einem Zitat eines französischen Philosophen. Niemand kannte den Philosophen, was dem Zitat zusätzliche Bedeutung verlieh.

Es wurde applaudiert.

«Ausgezeichnet!», flüsterte die Gemeinderätin.

«Grossartig!», bestätigte Walter Hollenweger.

Benedikt schüttelte dem Redner die Hand.

«Vielen Dank für Ihre interessanten Ausführungen.»

«War mir ein Vergnügen.»

«Sie schicken mir dann die Rechnung?»

«Meine Sekretärin wird das erledigen.»

Vierhundert Franken kostete die Rede.

Benedikt rechnete im Kopf nach. Der Mann hatte in zwanzig Minuten ungefähr so viel verdient, wie er für ein kleineres Aquarell verlangen konnte, an dem er zwei Tage arbeitete.

Er beschloss, beim nächsten Mal seine Bilder selbst zu besprechen. Die nötigen Fremdwörter würde er sich bis dahin schon aneignen.

Patrizia Senn war inzwischen eingetroffen. Ihr Mann besass ein erfolgreiches Unternehmen, sie selbst mehrere Ehrenämter und einen ausgeprägten Hang zu allem, was sie für gehobene Kultur hielt.

«Ach, Herr Furrer!», rief sie. «Sie haben ja wieder ganz wunderbare Arbeiten geschaffen!»

Sie blieb vor einem grossen Landschaftsbild stehen.

«Das würde prächtig in unsere Eingangshalle passen.»

Klara, die das Gespräch mitgehört hatte, kam näher.

«Mein Mann hat sehr lange daran gearbeitet.»

«Das sieht man. Wirklich ausserordentlich schön.»

Patrizia betrachtete das Preisschild.

«Ach herrje!»

Klara wartete.

«So viel?»

«Es ist ein grosses Originalgemälde.»

«Ja, natürlich. Aber Sie wissen ja, was heute alles kostet. Wir haben gerade unseren Wellnessbereich erneuert. Eine schrecklich teure Angelegenheit!»

Sie seufzte.

«Und erst die neue Sauna!»

Klara verspürte den Wunsch, Frau Senn für eine halbe Stunde in dieser Sauna einzuschliessen.

«Aber wissen Sie was?», fuhr Patrizia fort. «Wir veranstalten im Frühling wieder unseren Benefizabend. Vielleicht könnte Ihr Mann eines seiner Bilder für die Tombola zur Verfügung stellen.»

«Für welchen Zweck sammeln Sie denn?»

«Für kulturelle Projekte in der Region.»

Klara sah sie an.

«Aha.»

Patrizia lächelte.

«Das wäre doch eine schöne Gelegenheit, sich einem grösseren Publikum vorzustellen.»

Benedikt, der das Ende des Gesprächs mitbekommen hatte, fragte, wie hoch denn der Erlös der letzten Tombola gewesen sei.

«Fast fünfundzwanzigtausend Franken!»

«Und wie viel davon erhielten die Künstler?»

Patrizia überlegte.

«Also wissen Sie, so genau bin ich über die Abrechnung nicht informiert.»

Dann musste sie dringend mit der Gemeinderätin sprechen.

Inzwischen näherte sich Silvan Rüegg, Lokaljournalist beim «Wochenboten». Er war ein freundlicher junger Mann und betreute die Ressorts Kultur, Landwirtschaft, Vereine und gelegentlich auch die Todesanzeigen.

«Herr Furrer, dürfte ich Ihnen ein paar Fragen stellen?»

«Gewiss.»

«Was möchten Sie mit Ihren Bildern ausdrücken?»

Benedikt überlegte.

«Ich male, was mich beschäftigt. Manchmal auch einfach, was mir gefällt.»

Silvan runzelte die Stirn.

«Aber da steckt doch sicher eine tiefere Botschaft dahinter?»

«Wenn jemand eine darin findet, habe ich nichts dagegen.»

«Und wie stehen Sie zur gesellschaftlichen Verantwortung der Kunst?»

Benedikt betrachtete den jungen Mann.

«Wissen Sie, ich bin schon froh, wenn meine Bilder anständig an der Wand hängen.»

Silvan lachte.

Er schrieb in sein Notizbuch: Künstler mit ausgeprägtem Sinn für Ironie.

Am nächsten Tag erschien ein kleiner Artikel mit der Überschrift «Die stille Revolte der Landschaft».

Darin war zu lesen, Benedikt Furrer hinterfrage mit seinen Werken die gesellschaftlichen Sehgewohnheiten und verleihe der gegenwärtigen Sinnkrise eine eigenständige Bildsprache.

Klara las den Artikel zweimal.

«Benedikt, ich wusste gar nicht, dass du eine Sinnkrise hast.»

«Ich auch nicht. Aber jetzt weiss ich wenigstens, was ich male.»

Gegen sieben Uhr blieb ein älterer Herr vor einem kleinen Landschaftsbild stehen.

Er betrachtete es lange. Die anderen Gäste waren inzwischen vorwiegend mit ihren Gläsern beschäftigt.

«Die alte Linde oberhalb des Dorfes», sagte der Mann.

Benedikt trat zu ihm.

«Sie kennen den Baum?»

«Natürlich. Wir haben als Kinder dort gespielt. Damals war noch eine Bank darunter.»

«Die ist schon lange weg.»

Der Mann nickte.

«Ja. Manchmal geht alles schneller, als einem lieb ist.»

Er schwieg eine Weile.

«Das Bild würde ich gern kaufen.»

Benedikt war überrascht.

Der Mann stellte sich als pensionierter Briefträger vor. Er wohnte allein in einer kleinen Wohnung und kam selten an solche Veranstaltungen.

Als Benedikt den Preis nannte, wurde der Besucher verlegen.

«Das ist mir leider zu viel.»

«Was könnten Sie denn bezahlen?»

Der Mann nannte einen Betrag, der erheblich darunterlag.

Benedikt überlegte kurz.

«Gut. Dann machen wir es so.»

«Aber das ist doch viel zu wenig!»

«Sie haben Freude daran. Das genügt mir.»

Der Briefträger bestand darauf, wenigstens die Hälfte sofort zu bezahlen.

Klara klebte einen kleinen roten Punkt neben das Bild.

Es blieb der einzige an diesem Abend.

Gegen acht Uhr verabschiedeten sich die ersten Gäste.

Beatrice von Arx musste noch an einen weiteren Anlass. Die Kulturkommission hatte zu einer Veranstaltung über neue Wege der Kulturförderung eingeladen.

Dr. Kupper wurde von einem Kollegen abgeholt. Er hielt am nächsten Morgen bereits wieder eine Laudatio.

Die Hollenwegers umarmten Benedikt herzlich.

«Du musst unbedingt weitermachen!», sagte Marianne.

«Wir kommen ganz sicher noch einmal vorbei!», versprach Walter.

Benedikt kannte die beiden lange genug, um zu wissen, wie solche Versprechen zu verstehen waren.

Hugo Brändli hob zum Abschied nochmals sein Glas.

«Auf die Kunst!»

Dann verlangte er von der Galeristin noch den Rest der angebrochenen Weinflasche. Es wäre doch schade gewesen, den guten Tropfen wegzuschütten.

Schliesslich waren nur noch wenige Gäste da.

Cornelia Zuber betrachtete zufrieden die leeren Flaschen und die zerknüllten Servietten.

«Das war doch ein wunderschöner Abend!»

Benedikt schaute auf den einen roten Punkt.

«Ja, besonders für den Weinlieferanten.»

«Aber Herr Furrer! Denken Sie an all die interessanten Gespräche! An die Begegnungen! An die wunderbare Resonanz!»

«Ich hätte lieber zwei Bilder mehr verkauft.»

Cornelia lächelte nachsichtig.

«Sie dürfen das Künstlerische nicht immer so materiell betrachten.»

Benedikt liess diesen Satz eine Weile auf sich wirken.

«Apropos materiell. Die Galeriemiete bleibt bei achthundert Franken?»

«Selbstverständlich.»

«Und die Provision?»

«Wie vereinbart.»

«Die Rechnung fürs Catering?»

«Die erhalten Sie nächste Woche.»

Benedikt nickte.

Er hatte den Abend offenbar wieder einmal völlig falsch verstanden.

Zwei Wochen später wurde die Ausstellung abgebaut.

Drei Bilder waren verkauft worden. Die alte Linde an den Briefträger, ein Aquarell an eine ehemalige Schulkameradin und eine kleine Landschaft an einen Feriengast, der sie als Andenken mitnehmen wollte.

Klara sass am Küchentisch und addierte die Rechnungen.

«Wir haben tausendvierhundert Franken verloren.»

Benedikt starrte auf das Papier.

«Immerhin weniger als beim letzten Mal.»

«Das ist wohl deine Vorstellung von Fortschritt.»

Er ging in sein Atelier und setzte sich auf einen Hocker.

An der Wand hingen die zurückgebrachten Bilder. Er mochte sie noch immer. Einige davon waren ihm besonders gut gelungen. Er erinnerte sich an die Tage, an denen sie entstanden waren, an das Licht, an die Farben, an jene glücklichen Stunden, in denen sich alles wie von selbst gefügt hatte.

Nun standen sie wieder hier.

Vier Wochen später hatte Benedikt ein neues Bild fertig.

Es zeigte einen grossen Saal. Vor einem üppig gedeckten Buffet drängten sich festlich gekleidete Menschen. Ein Redner stand auf einem Podest. Neben ihm applaudierte eine Dame mit auffälligem Halstuch. Ein Herr mit mächtigem Schal studierte bedeutungsvoll die Decke.

An den Wänden hingen leere Bilderrahmen.

Auf einem Schild am Eingang stand:

Ausstellung regionaler Kunst.

Benedikt nannte das Gemälde «Die Förderer».

Einige Wochen später rief der Präsident eines Kunstvereins an.

«Herr Furrer, wir haben Ihr neues Werk gesehen. Ausgezeichnet! Geradezu eine Offenbarung!»

Benedikt bedankte sich.

«Wir organisieren eine grosse Ausstellung zum Thema Kultur und Gesellschaft. Ihr Bild würde hervorragend dazu passen.»

«Das freut mich.»

«Wir würden es gern für drei Monate ausleihen.»

«Einverstanden. Die Leihgebühr beträgt fünfhundert Franken.»

Am anderen Ende wurde es ruhig.

«Leihgebühr?»

«Ja.»

«Aber Herr Furrer, wir sind ein gemeinnütziger Verein!»

«Ich weiss.»

«Wir arbeiten alle ehrenamtlich!»

«Auch der Kurator?»

«Selbstverständlich. Also, abgesehen von seiner Entschädigung.»

«Und der Referent?»

«Der ist eine anerkannte Kapazität. Den müssen wir natürlich angemessen honorieren.»

«Wie hoch?»

«Zweitausend Franken.»

Benedikt dachte nach.

«Dann machen wir es doch so: Sie hängen meinen Vortrag auf, und ich halte das Bild.»

Der Präsident verstand den Vorschlag nicht.

Ein paar Tage später erhielt Benedikt eine höfliche Absage. Der Vorstand habe sich nach eingehender Prüfung für eine andere Lösung entschieden.

Die Ausstellung fand trotzdem statt.

Als Hauptreferent sprach ein bekannter Kulturwissenschaftler über die wirtschaftliche Benachteiligung freischaffender Künstler.

Der Vortrag war ein voller Erfolg.

Zweihundert Menschen kamen. Der Eintritt kostete fünfundzwanzig Franken.

Am nächsten Morgen berichtete der «Wochenbote» ausführlich darüber. Auf einem grossen Foto war der Referent zu sehen, wie er mit ernster Miene auf die schwierige Lage der Kunstschaffenden hinwies.

Benedikt las den Artikel beim Frühstück.

«Was gibt es?», fragte Klara.

«Die Ausstellung war ein voller Erfolg.»

«Schön.»

«Der Referent hat zweitausend Franken erhalten.»

Klara nahm einen Schluck Kaffee.

«Und du?»

«Ich darf mich weiterhin über die Wertschätzung freuen.»

Sie legte die Zeitung beiseite.

«Du solltest aufhören zu malen und Vorträge halten.»

«Über was denn?»

«Über die Not der Künstler. Darin kennst du dich aus.»

Benedikt überlegte.

«Meinst du, das würde jemand hören wollen?»

«Natürlich. Das interessiert die Leute.»

«Und wer bezahlt mich?»

Klara sah ihn an.

«Benedikt, jetzt sei doch vernünftig. Du kannst nicht aus allem ein Geschäft machen.»

Er musste lachen.

Dann ging er in sein Atelier.

Auf der Staffelei stand bereits eine neue Leinwand. Er hatte am Vortag damit begonnen, einen Mann zu malen, der auf einer Leiter stand und einem goldenen Kalb einen Lorbeerkranz umhängte.

Unten wartete eine Gruppe festlich gekleideter Menschen mit erhobenen Gläsern.

Klara betrachtete das angefangene Bild.

«Wer ist denn der Mann auf der Leiter?»

«Ein Künstler.»

«Und die Leute unten?»

«Seine Förderer.»

«Warum helfen sie ihm denn nicht?»

Benedikt tauchte den Pinsel in die Farbe.

«Weil einer das Glas halten muss.»

 

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Ein älterer Mann mit grauem Haar und Brille sitzt in einem Holzstuhl, trägt einen dunklen Pullover, hält ein aufgeschlagenes Buch in der Hand und blickt von den Seiten auf. Der Hintergrund ist eine schlichte, helle Wand.

Ich bin Hanspeter Gautschin, Erzähler und Autor von BodeständiX – Geschichten, die bleiben.

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