Bevor sich Kälte jederzeit technisch erzeugen liess, waren Brauereien auf frostige Winter angewiesen. Männer schnitten Eis aus den Weihern und lagerten es in tiefen Kellern ein. Dort kühlte es das Bier bis weit in den Sommer hinein.
Miggel hatte in dieser Nacht schlecht geschlafen. Eigentlich hiess er Emil, doch im Dorf riefen ihn alle Miggel. Mehrmals war er aufgestanden und hatte die Hand gegen die Fensterscheibe gelegt. Draussen lag Gelterkinden unter einer harten Frostdecke. Das war gut.
Noch vor Tagesanbruch zog er seine schweren Schuhe an, schlang sich einen Schal um den Hals und trat vor das Haus. Rauch hing über den Dächern. Unter seinen Sohlen knirschte der gefrorene Schnee. Miggel nahm den Pickel über die Schulter und machte sich auf den Weg zu den Weihern in Richtung Rickenbach.
Ob unter den damaligen Eisern tatsächlich ein Emil war, den alle Miggel nannten, ist nicht überliefert. Er steht in dieser Geschichte stellvertretend für die Tagelöhner, Landarbeiter und Brauereigehilfen, die während der kältesten Wochen des Jahres eine besonders schwere Arbeit verrichteten.
Der Winter entschied
Am Weiher warteten bereits die anderen Männer. Vor den Fuhrwerken standen Pferde, deren Atem in weissen Wolken aufstieg. Einer der Arbeiter klopfte mit einem Pickel auf die gefrorene Fläche. Das Eis hielt. Die Arbeit konnte beginnen.
Für den Brauer war eine kräftige Eisdecke von grossem Wert. Bier verlangte während der Gärung und Lagerung tiefe Temperaturen. Erwärmte es sich zu stark, veränderte sich sein Geschmack oder es verdarb. Kühlanlagen, wie wir sie heute kennen, gab es noch nicht. Man behalf sich mit tiefen Kellern und dem, was der Winter lieferte.
In Gelterkinden bestand seit 1862 die Brauerei Farnsburg. Der damalige Brauer Max Flüge liess 1884 ausserhalb des Dorfes zwei Weiher anlegen. Sie sollten in kalten Wintern genügend Natureis für die Lagerkeller liefern.
Ob sich die Arbeit lohnte, entschied das Wetter. Blieb der Frost aus, gab es nichts zu ernten. Kam das Tauwetter zu früh, schwand die Eisdecke wieder dahin. Hielt die Kälte jedoch mehrere Nächte an, mussten rasch genügend Männer zusammengerufen werden.
An diesem Morgen war es so weit.
Eine Ernte aus Eis
Miggel setzte vorsichtig einen Fuss auf den Weiher, dann den zweiten. Unter ihm knackte es leise. Einer der Männer begann mit einer langen Säge, die gefrorene Fläche einzuschneiden. Ihr raues Kreischen zog über das Wasser. Andere schlugen mit Pickeln Rinnen in das Eis.
Nach und nach entstanden grosse Platten. Durch die Schnitte drang dunkles Wasser. Mit langen Stangen und eisernen Haken lösten die Männer die Eisstücke voneinander und lenkten sie zum Ufer.
Miggel stiess seinen Haken in einen Block und zog. Zuerst glitt das Eis leicht über das Wasser. Dann blieb es an einer Kante hängen. Er stemmte die Füsse gegen den Boden und versuchte es erneut. Ein Arbeitskamerad kam hinzu. Gemeinsam brachten sie den Block in Bewegung.
Am Ufer begann der gefährlichste Teil. Die nassen, glatten Stücke mussten aus dem Wasser gehoben werden. Dazu dienten Greifer, Zangen, Bretter und Leitern. Verlor ein Mann den Halt oder löste sich ein Block aus der Zange, drohten schwere Verletzungen. Auch ein Sturz in das eisige Wasser konnte lebensgefährlich werden.
Bald waren Miggels Handschuhe durchnässt. Die Finger wurden steif, der Rücken schmerzte. Zeit zum Aufwärmen blieb kaum. Solange die Witterung günstig war, musste die Ernte eingebracht werden.
Stunde um Stunde sägten, zogen und verluden die Männer. Der Winter hatte ihre Ernte wachsen lassen. Nun verlangte er, dass sie rasch handelten.
Kälte für den Sommer
Das beladene Fuhrwerk setzte sich langsam in Bewegung. Die Räder knirschten über den gefrorenen Weg. Miggel schaute ihm kurz nach, bevor er sich wieder dem nächsten Eisstück zuwandte.
Die Blöcke gelangten in einen Eiskeller. Ein solcher Keller ist an der Strasse von Gelterkinden nach Rünenberg erhalten geblieben. Im Innern schichteten die Arbeiter das Eis möglichst dicht aufeinander. Stroh und Sägemehl halfen dabei, die Wärme fernzuhalten und das Schmelzen zu verlangsamen.
So lagerte tief unter der Erde ein Stück Winter. Draussen blühten Monate später die Obstbäume, das Gras wurde gemäht und die Sommersonne brannte auf die Dächer. Im Keller kühlte das langsam schmelzende Eis weiterhin die Bierfässer.
Wer an einem heissen Tag in einer Wirtschaft ein frisches Bier trank, dachte kaum an die Männer auf dem gefrorenen Weiher. Miggels nasse Handschuhe, die schmerzenden Finger und das Kreischen der Säge blieben unsichtbar. Und doch steckte in jedem kühlen Glas ein Teil ihrer Arbeit.
Auch Gastwirtschaften, Metzgereien und Molkereien waren auf Eis angewiesen. Später fanden Eisschränke den Weg in manche Haushalte. Darin bewahrte ein Eisblock Milch, Fleisch und andere verderbliche Lebensmittel vor der Wärme.
Kälte hatte damals ein beträchtliches Gewicht. Sie musste gewonnen, zerteilt, verladen, transportiert und sorgfältig aufbewahrt werden.
Das Ende der kalten Ernte
1907 wechselten die Gelterkinder Brauerei und die dazugehörenden Eisweiher zur Basler Brauerei Warteck. Im Volksmund erhielten die Gewässer dadurch einen Namen, der sich lange hielt: Man sprach von den «Warteck-Weihern».
Mittlerweile konnten Maschinen die benötigte Kälte erzeugen. Für die Brauereien bedeutete dies eine grosse Erleichterung. Ihre Keller liessen sich nun unabhängig von Frost und Wetter kühlen. Für die Eiser dagegen verschwand damit nach und nach eine Verdienstmöglichkeit.
In Gelterkinden dauerte es noch einige Jahrzehnte, bis diese Arbeit endgültig der Vergangenheit angehörte. Der Winter 1949/50 brachte den letzten Einsatz für die Brauerei Warteck. Danach rückten keine Männer mehr aus, um das Eis aus den Weihern zu holen.
Die Gewässer blieben, und einige der Werkzeuge haben ebenfalls überdauert. In der Ortssammlung Gelterkinden erinnern eine Eissäge, ein Eisgreifer, Pickel, Holzhämmer und lange Stangen mit Haken an diese schwere Winterarbeit.
Die Namen der meisten Männer gingen vergessen. Doch Männer wie Miggel hat es gegeben. Sie verliessen frühmorgens ihre Häuser, wagten sich auf die gefrorenen Weiher und brachten die Kälte in die Keller.
Wenn Monate später die Sommerhitze über Gelterkinden lag, wirkte ihre Arbeit noch immer nach. Das Eis schmolz, das Bier blieb kühl – und unter der Erde lebte der Winter weiter.







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