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Dezember: Die stille Geburt des Lichts

Das Jahr neigt sich dem Ende zu, und die Dunkelheit breitet sich unaufhaltsam aus. Die Nächte drängen sich immer weiter in den Tag, und ein heulender Westwind treibt düstere Wolken über die kahlen Bäume.

Die Natur verharrt in einer kalten, starren Ruhe, als wäre alles Leben erstorben. Die Tiere haben sich tief in den Boden, in den Schlamm der Gewässer oder in Höhlen und Baumstämme zurückgezogen. Die Bäume stehen kahl und gespenstisch in der Landschaft, wie nackte Gerippe, die über eine einsame, verlassene Welt wachen. Einzig ein paar Tierspuren im Schnee verraten, dass irgendwo noch ein wenig Leben umherirrt. Ein Gimpel flötet melancholisch im Obstgarten, während die Spatzen schimpfend ums Fensterbrett hüpfen. Von den Blumen und Blüten des Jahres ist nichts mehr übrig – ausser der tapferen Christrose, die mit ihren dicken Blättern der Kälte und dem Schnee trotzt und in Gärten und Gebirgen blüht. Der Dezember schenkt uns sonst nur die flüchtigen, aber zarten Blüten der Eiskristalle auf dem Fensterbrett oder zaubert eine prächtige Eisblumenflora an die Scheiben.

Auch der Bauer hat nun eine wohlverdiente Ruhepause. Das Dreschen ist abgeschlossen, das Getreide sicher verwahrt. Jetzt wird das Vieh gemästet und geschlachtet, während die Tage immer kürzer werden. Mit jedem Tag verschwindet ein Stück mehr im dunklen Rachen des «Wolfsmonats», wie der Dezember früher genannt wurde. Am kürzesten Tag des Jahres bleibt gerade einmal für acht Stunden und 32 Minuten das Licht des Tages – die restlichen 15 Stunden und 28 Minuten gehören der Nacht. Doch gerade in dieser tiefen Dunkelheit wächst auch die Gewissheit, dass das Licht bald zurückkehren wird, dass es in der finstersten Nacht neu entfacht wird.

Die festliche Zeit des Dezembers beginnt am 4. Dezember mit dem Fest der heiligen Barbara, der Schutzpatronin der Artilleristen. Ein alter Brauch ist es, Kirschzweige ins Wasser zu stellen, die bis Weihnachten blühen sollen – ein Zeichen für besonderes Glück. Der 6. Dezember, der Klaustag, bringt bei Jung und Alt Freude und Jubel. Der heilige Nikolaus, der im 4. Jahrhundert als Bischof von Myra in Kleinasien lebte, war besonders den Kindern zugetan. Noch heute besucht der «Samichlaus» die Kinder in seiner Bischofstracht, besonders in katholischen Gegenden. Doch unter dem Mantel des Nikolaus verbirgt sich wohl auch eine ältere, vorchristliche Dämonengestalt. In den dunklen Tagen des Dezembers, wenn das Tageslicht schwindet, glaubte man früher, dass Dämonen die Oberhand gewinnen könnten. Man musste sie mit Lärm, Schreien und Peitschenknallen vertreiben. Gleichzeitig sollte der Lärm auch die jungen Wachstumsgeister wecken. Viele dieser alten Bräuche leben noch heute im Samichlaus-Brauch weiter, besonders im «Klausjagen». In einigen Regionen wird Sankt Nikolaus von einer schwarzen Gestalt begleitet, dem «Schmutzli», «Butzli» oder «Schnappesel». An anderen Orten verschmilzt Nikolaus selbst mit dieser Dämonengestalt und wird zu «Knecht Ruprecht», «Weihnachtsmutti» oder «Pelzmarti». So vermischen sich im Samichlaus-Brauch Christliches und Heidnisches auf besondere Weise.

Die Herkunft des Weihnachtsfestes selbst ist bemerkenswert. Die ersten Christen kannten Weihnachten noch nicht; das einzige Jahresfest war das Passah, ein Liebesmahl als Fortsetzung des letzten Mahles Christi. Später entstand das Bedürfnis, sich von jüdischen Traditionen zu lösen und eigene Feiertage zu etablieren. Auf der Suche nach einem Datum für das Osterfest stellte sich auch die Frage nach dem Geburts- und Todestag Christi. Eine wichtige Anregung kam von den Gnostikern, die den 6. Januar, den Tag der Wiederkunft und Geburt des Vegetationsgottes Dionysos, als Taufe Christi feierten: Epiphanias. In Rom, wo am 25. Dezember das Fest des «sol invictus» (der unbesiegbaren Sonne), also die Wintersonnenwende, gefeiert wurde, legte man diesen Tag als Geburtstag Christi fest und behielt Epiphanias als Tag der Taufe Christi bei. Im Orient behielt Epiphanias seine volle Bedeutung, und bis heute ist dieser Tag in orthodoxen Ländern das Hauptfest des Kirchenjahres. In germanischen Ländern trat das christliche Weihnachten an die Stelle eines alten Festes der Wintersonnenwende, des Julfestes – wie Weihnachten heute noch in Skandinavien genannt wird.

Doch unabhängig davon, wie Weihnachten entstand, bleibt es das innigste Fest des Jahres, wenn es mit tiefem Verständnis und Besinnung gefeiert wird. Heute droht sein tieferer Sinn allerdings in all dem Besorgungsrummel und dem allgemeinen Geschenkaustausch verloren zu gehen. Weihnachten ist ein Fest der Stille, das Fest der «Menschwerdung» – nicht nur Christi, sondern auch unserer selbst. Das göttliche Fünkchen in uns will aufglimmen, Gott will in uns geboren werden, wenn in der dunkelsten Nacht des Jahres der grüne Tannenbaum neues Wachstum und die neu entzündeten Lichter den kommenden Sieg über die Dunkelheit verkünden.

Und wenn das Jahr schliesslich ausklingt, sollten wir unsere Selbstbesinnung nicht mit Lärm und Radau oder einem wilden Fasnachtstreiben betäuben! Lasst uns keine Angst vor uns selbst haben, sondern mutig unter den unendlichen Lichterbaum des Sternenhimmels treten. Ziehen wir in Ruhe Bilanz über das vergangene Jahr und unsere verflossene Zeit hier auf Erden, damit wir wieder neu beginnen können – mit dem Licht zu wachsen.

Erklärungen zu den Begriffen:

  • Christrose: Eine winterharte Blume, die auch im Schnee blüht und in Gärten sowie Gebirgen vorkommt. Sie symbolisiert Ausdauer und Hoffnung.
  • Wolfsmonat: Ein alter Name für den Dezember, der auf die düstere und kalte Zeit des Jahres verweist, in der Wölfe den Menschen besonders bedrohlich erschienen.
  • Heilige Barbara: Eine Märtyrerin und Schutzpatronin der Artilleristen, deren Gedenktag am 4. Dezember gefeiert wird.
  • Samichlaus: Eine Schweizer Variante des Nikolaus, der Kinder beschenkt und durch traditionelle Bräuche eng mit vorchristlichen Elementen verknüpft ist.
  • Klausjagen: Ein traditioneller Brauch (z. B. in Küssnacht am Rigi), bei dem durch Lärm und Umzüge Dämonen vertrieben und Geister geweckt werden sollen.
  • Epiphanias: Ein christliches Fest am 6. Januar, das die Taufe Christi feiert und im Orient das Hauptfest des Kirchenjahres ist.

 

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Ein älterer Mann mit grauem Haar und Brille sitzt in einem Holzstuhl, trägt einen dunklen Pullover, hält ein aufgeschlagenes Buch in der Hand und blickt von den Seiten auf. Der Hintergrund ist eine schlichte, helle Wand.

Ich bin Hanspeter Gautschin, Erzähler und Autor von BodeständiX – Geschichten, die bleiben.

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