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In roter Schrift steht "BodeständiX" über dem schwarzen Text "Der Autorenblog von Hanspeter Gautschin" auf weißem Hintergrund.
Der weisse Fremdling im Reich der Blinden
Eine Gruppe von sechs kleinen Nagetieren, darunter ein aufrecht stehender weißer Fremdling, versammelt sich in einer gemütlichen unterirdischen Höhle mit Pflanzen und Wurzeln am Eingang.

 

Diese Geschichte hat ihre Wurzeln bei Lisa Wenger, der Dichterin und Erzählerin aus dem frühen 20. Jahrhundert. Unter dem Titel «Der weisse Maulwurf» erschien sie damals in einer Berner Kulturzeitschrift – schlicht, eindringlich und voller Symbolkraft. Mich hat dieser Text seit jeher berührt. Er erzählt vom Anderssein, von der Angst der Gemeinschaft vor Neuem und von der Sehnsucht nach Licht und Weite. Ich habe mich von dieser zeitlosen Erzählung inspirieren lassen und sie in meinem eigenen Ton neu arrangiert. Dabei blieb der Ablauf derselbe, doch die Sprache habe ich so gestaltet, dass sie auch heute unmittelbar verständlich und lebendig wirkt.

Unruhe machte sich breit unter den Maulwürfen. In Scharen hatten sie sich zusammengedrängt, tuschelten, fuchtelten mit ihren Stummelschwänzen und warfen einander fragende Blicke zu.
«Wer von euch hat ihn gesehen?», fragte der Älteste mit seiner heiseren Stimme.

«Ich, ich, ich!», schrien viele durcheinander.

«Und – ist es wahr? Ist er wirklich weiss?»

«Schneeweiss!», rief eine junge Maulwurfsfrau. «Nicht ein einziges schwarzes Haar steckt in seinem Pelz.»

Betretenes Schweigen folgte.

«Wohin soll das noch führen?», murmelte der Alte mit düsterem Unterton. «Wenn es sogar Maulwürfe wagen, gegen alles Gewohnte aufzubegehren!»

«Vielleicht ist er nur gefärbt», warf einer entschuldigend ein.

«Nein», widersprach die junge Maulwurfsfrau bestimmt. «Er ist echt. Ich habe ihn aus der Nähe gesehen. Die Haut unter dem Pelz ist rosarot.»

Ein anderer grinste spöttisch. «Du hast ihn dir wohl sehr genau angeschaut, was?»

«So genau, wie man eben mit diesen kleinen Schlitzaugen schauen kann», erwiderte sie ruhig.

Man nickte nachdenklich, und schon meldete sich ein Grauschwänziger zu Wort: «Ich wäre dafür, dass wir ihn verjagen. So einer bringt nur schlechte Gewohnheiten unter die Jungen. Und ich habe gehört, er soll sogar aufrührerische Reden halten.»

«Aufrührerisch?», wiederholte der Älteste entsetzt. «Das ist das Schlimmste! Nur keine Neuerungen! Nur nichts, was unsere Ordnung ins Wanken bringt. Ich kenne die Welt – ich habe lange genug in ihr gelebt. Glücklich und weise sind allein jene, die sich an die Erfahrungen der Ahnen halten und alle leichtsinnigen Versuche verachten. Fort mit dem weissen Maulwurf!»

«Fort mit ihm!», schrien alle im Chor. Nur die junge Maulwurfsfrau schwieg.

Leise sagte sie zu ihrer Nachbarin: «Er hat grössere Augen als wir. Er schaut dich wirklich an. Und dann glänzen sie.»

Die Nachbarin schüttelte ungläubig den Kopf. «Das kann ich mir nicht vorstellen.»

Da kam ein junger Maulwurf angerannt, ganz ausser Atem. «Wisst ihr, was er sagt? Der Weisse?»

«Nein!», schrien alle und rückten näher.

«Er sagt, wir sollten grössere Augen haben!»

«Grössere Augen? Wozu?»

«Damit wir besser sehen können.»

Empörtes Murmeln ging durch die Menge.

«Besser sehen! Was denn?»

«Er meint, wir sollten lernen, das Schöne zu sehen – auch ausserhalb unserer Gänge.»

«Ausserhalb unserer Gänge!», kreischte die Menge. «Was gibt es da schon zu sehen?»

«Er spinnt», brummte der Grauschwänzige.

«Ein Aufrührer! Ein Revolutionär!», schrien viele.

«Ein Esel ist er», erklärte der Älteste. «Haben Maulwürfe je gut gesehen? Und überhaupt: Gibt es draussen etwas Schönes? Idealist oder Esel – das ist am Ende das Gleiche.»

Plötzlich wurde es heller im Gang. Der Weisse kam.

«Da ist er!», wisperte es von allen Seiten. Schlitzaugen öffneten sich, kurze Hälse reckten sich, die grauen und braunen Schwanzstummel zitterten vor Aufregung. Aber alle schwiegen. Selbst der Älteste.

Da fragte der weisse Maulwurf: «Warum wollt ihr mich fortjagen? Habe ich euch je etwas zuleide getan?»

«Nein», sagte der Grauschwänzige, «aber du bist weiss, und wir sind schwarz.»

«Du willst neue Bräuche einführen», rief der Älteste.

«Du behauptest, wir könnten nicht sehen», schrie die Menge.

«Und das stimmt», erwiderte der Weisse ruhig. «Ihr seht nur, was ihr sehen wollt. Doch da draussen gibt es so vieles, das ihr sehen könntet.»

«Wir brauchen nichts zu sehen», schrien die andern.

«Wir kennen alles längst auswendi», rief einer.

«Uns gefällt das Schöne gar nicht», piepste ein kleiner Maulwurf.

«Versucht es doch einmal», bat der Weisse eindringlich. «Ihr werdet merken, es gefällt euch! Und wenn es für euch zu spät ist – dann lasst wenigstens eure Kinder hinaus. Lasst sie den Glanz des Mondes sehen und das Leuchten der Sterne.»

«Verführer! Jugendverderber», kreischte der Alte. «Jetzt erkenne ich dich. Zwietracht willst du säen zwischen uns und den Jungen! Hochmut willst du heranzüchten! Wir Alten sollen uns schämen müssen vor der Jugend mit unseren kleinen Augen? Nein! Hinaus mit dir! Wäre es gut für uns, hätten wir den Mond und die Sterne längst gesehen. Fort mit dir!»

«Fort mit dir! Fort», schrien die andern und drängten den Weissen durch den engen Gang.

Sie kamen an der Maulwurfsfrau vorbei. Spöttisch rief sie: „» Besten unter euch verjagt ihr!»

«Den Besten?» brüllte der Grauschwänzige. «Nennst du einen Weissen den Besten?» Dann fuhr er herum, warf sich auf den Fremdling und biss ihn wütend.

Als die andern das sahen, verloren sie die Hemmungen. Sie stürzten sich auf den Weissen, bissen und rissen, bis er tot war. Sein schneeweisser Pelz färbte sich rot vom Blut. Nun störte er niemanden mehr.

Zufrieden krochen die Schwarzen zurück in ihre Gänge. Im Dunkeln brauchten sie nichts zu sehen. Schliesslich waren schon ihre Eltern, Grosseltern und Urgrosseltern diesen Weg gegangen.

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Ein älterer Mann mit grauem Haar und Brille sitzt in einem Holzstuhl, trägt einen dunklen Pullover, hält ein aufgeschlagenes Buch in der Hand und blickt von den Seiten auf. Der Hintergrund ist eine schlichte, helle Wand.

Ich bin Hanspeter Gautschin, Erzähler und Autor von BodeständiX – Geschichten, die bleiben.

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