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In roter Schrift steht "BodeständiX" über dem schwarzen Text "Der Autorenblog von Hanspeter Gautschin" auf weißem Hintergrund.
Der Spielteufel trägt heute ein Smartphone
Ein Mann sitzt in einem schummrigen Raum und starrt auf sein Smartphone, auf dessen Bildschirm leuchtende Bilder von Casinospielen, Karten, Würfeln und einem Roulette-Rad herumwirbeln – wie ein moderner Spielteufel, der ihn in die Welt des Online-Glücksspiels lockt.

Früher sass der Spielteufel in einer verräucherten Hinterstube. Er wartete zwischen Spielkarten, Würfeln und halb geleerten Gläsern auf Kundschaft. Wer ihm begegnen wollte, musste das Haus verlassen, eine Wirtschaft aufsuchen oder in eine Spielbank reisen.

Heute wohnt er im Smartphone.

Dort ist es sauber, hell und bunt. Es riecht weder nach Rauch noch nach verschüttetem Bier. Freundliche Symbole blinken, Münzen klimpern, Fanfaren verkünden einen Gewinn. Der Spielteufel hat sich der Zeit angepasst. Er wirkt jünger, fröhlicher und ausgesprochen benutzerfreundlich.

Sein Geschäft ist uralt.

Seit Menschen etwas besitzen, setzen sie es aufs Spiel. Schon in der Antike wurde gewürfelt. Später kamen Karten, Lotterien, Roulette, Spielautomaten und Sportwetten hinzu. Die Spiele wechselten, das Versprechen blieb:

Ein einziger glücklicher Augenblick könnte genügen, um dem bisherigen Leben zu entkommen.

Ein Los ist auch ein Traum

Wer ein Lottolos kauft, erwirbt für einige Tage die Aussicht auf ein anderes Leben. Plötzlich gibt es ein Haus am See, eine lange Reise und keine unbezahlten Rechnungen mehr. Man kündigt dem Chef, unterstützt die Kinder und gönnt sich endlich jene Dinge, auf die man bisher vernünftigerweise verzichtet hat.

Die Wahrscheinlichkeit eines Hauptgewinns ist winzig. Das weiss jeder.

Der Traum kostet trotzdem nur ein paar Franken.

Darin liegt die Genialität des Glücksspiels. Es verkauft Hoffnung in kleinen Portionen. Der Spieler bezahlt für die Vorstellung, dass ausgerechnet er die grosse Ausnahme sein könnte.

Die meisten Menschen belassen es bei gelegentlichen Einsätzen. Sie kaufen hin und wieder ein Los und vergessen es anschliessend in einer Schublade. Gefährlich wird es dort, wo der Traum zum Plan wird.

Der Zufall hat kein Gedächtnis

Dreimal fiel beim Roulette Rot. Nun müsste doch Schwarz kommen.

Der Spielautomat hat seit einiger Zeit nichts ausbezahlt. Also dürfte bald ein Gewinn fällig sein.

Die Lieblingsmannschaft hat zweimal verloren. Heute wird sie bestimmt gewinnen.

Der Zufall lässt sich von solchen Überlegungen nicht beeindrucken. Die Kugel im Roulettekessel weiss nichts von der vorherigen Runde. Auch ein Spielautomat verspürt kein Bedürfnis nach Gerechtigkeit.

Trotzdem suchen Menschen im Zufall nach einer Ordnung. Besonders verführerisch ist der Beinahe-Gewinn. Zwei Zeichen passen, das dritte fehlt knapp. Auf dem Rubbellos erscheinen zweimal hunderttausend Franken. Für den Gewinn wäre ein drittes Feld nötig gewesen.

Der Spieler hat verloren. Gefühlt war er jedoch ganz nahe am grossen Glück.

Und wer schon so nahe war, versucht es nochmals.

Das Geld verliert sein Gewicht

Früher lagen die Verluste auf dem Tisch. Münzen und Banknoten verschwanden. Das Portemonnaie wurde dünner. Wer einen hohen Betrag einsetzte, musste ihn mit der eigenen Hand hergeben.

Auf dem Bildschirm wird Geld zur Zahl.

Fünfzig Franken sehen kaum anders aus als fünfhundert. Eine kurze Berührung genügt, und der Einsatz ist getätigt. Es klimpert nichts, es raschelt nichts, und das Portemonnaie fühlt sich noch immer gleich schwer an.

Das Smartphone macht auch den Spieler unsichtbar. Er kann neben seiner Familie auf dem Sofa sitzen und dabei einen halben Monatslohn verlieren. Niemand sieht ihn eine Spielbank betreten. Niemand bemerkt, wie oft er setzt. Niemand weiss, weshalb er nachts noch wach ist.

Früher musste der Spieler das Spiel aufsuchen. Heute folgt ihm das Spiel bis ins Bett.

Der Spielteufel kennt seine Kundschaft

Ein Würfeltisch wusste wenig über den Menschen, der vor ihm sass. Eine Spiel-App weiss wesentlich mehr.

Sie registriert, wann jemand spielt, wie lange er bleibt und welche Einsätze er bevorzugt. Sie merkt, wann er gewöhnlich aufhört. Bleibt er einige Tage fern, meldet sie sich freundlich zurück.

Ein Bonus wartet.

Ein Guthaben läuft bald ab.

Eine neue Gewinnchance ist verfügbar.

Das klingt nicht nach Verderben. Es klingt nach Unterhaltung.

Der moderne Spielteufel trägt weder Hörner noch einen Pferdefuss. Er erscheint als farbige Schaltfläche. Seine Stimme ist aufmunternd, sein Design gefällig, seine Botschaft immer dieselbe: Das Glück könnte bereits hinter der nächsten Berührung warten.

Über die bisherigen Verluste spricht er ungern.

Wenn der Fussball nicht mehr genügt

Besonders innig ist die Verbindung zwischen Glücksspiel und Sport geworden. Vor dem Spiel werden Quoten gezeigt, während des Spiels folgen weitere Angebote. Wer schiesst das nächste Tor? Wie viele Eckbälle gibt es? Welche Mannschaft führt zur Pause?

So wird aus jeder Begegnung ein Warenhaus der Möglichkeiten.

Die Sportwette hat gegenüber dem reinen Glücksspiel einen grossen Vorteil: Sie gibt dem Spieler das Gefühl, er könne sein Wissen zu Geld machen. Wer Spieler, Tabellen und Statistiken kennt, hält sich bald für einen Fachmann.

Dann verletzt sich der Stürmer. Der Schiedsrichter gibt einen fragwürdigen Elfmeter. In der Nachspielzeit prallt der Ball vom Pfosten ins Tor.

Die Statistik schweigt betreten.

Der Anbieter dagegen hat längst gerechnet.

Der gefährlichste Satz

Viele Spieler geraten in Schwierigkeiten, weil sie verlorenes Geld zurückholen wollen.

Aus hundert verlorenen Franken werden zweihundert. Nun braucht es einen grösseren Einsatz, um wieder auf null zu kommen. Misslingt auch dieser Versuch, wächst der Druck weiter.

Bald geht es gar nicht mehr um Reichtum. Der Spieler möchte bloss dorthin zurück, wo er vor dem ersten Einsatz stand.

Manchmal gewinnt er tatsächlich etwas zurück. Gerade das hält ihn im Spiel. Der Gewinn erscheint ihm als Beweis, dass die Wende begonnen hat. Kurz darauf ist das Geld wieder weg.

Der gefährlichste Satz lautet deshalb selten: Ich will reich werden.

Er lautet: Ich will nur mein Geld zurück.

Der Staat spielt mit

Der Staat kennt die Gefahren des Glücksspiels. Er erlässt Gesetze, verlangt Warnhinweise und finanziert Beratungsstellen. Gleichzeitig fliessen beträchtliche Erträge aus Lotterien und Spielbanken an die öffentliche Hand und an gemeinnützige Einrichtungen.

Damit werden Kultur, Sport, Natur, soziale Vorhaben und unzählige Veranstaltungen unterstützt. Auch Projekte, die ohne Lotteriegelder kaum verwirklicht werden könnten.

Das Geld bewirkt viel Gutes.

Es stammt allerdings von Menschen, die zusammen mehr verloren haben, als sie gewannen. Anders könnte dieses System gar nicht funktionieren. Der Spieler hofft auf die Ausnahme. Der Anbieter rechnet mit der Regel.

Der Staat warnt also vor dem Spielteufel und nimmt zugleich einen Anteil an dessen Einnahmen entgegen. Offenbar kann man sogar mit dem Teufel zusammenarbeiten, sofern er pünktlich abrechnet und einen Teil seines Gewinns für einen guten Zweck abliefert.

Kein Feierabend mehr

Glücksspiel wird kaum verschwinden. Zu alt ist der Traum, das Leben könne sich mit einem einzigen Treffer verändern. Zu verführerisch ist die Aussicht auf Wohlstand, der weder Geduld noch jahrelange Arbeit verlangt.

Neu ist die Nähe.

Der Spielteufel sitzt im Zug neben seinem Kunden. Er wartet während der Mittagspause, begleitet ihn aufs Sofa und liegt nachts auf dem Nachttisch. Er kennt keinen Ruhetag, keine Polizeistunde und keinen Feierabend.

Sein Versprechen ist seit Jahrtausenden dasselbe:

Noch ein Einsatz.

Dann wendet sich das Glück.

 

2 Kommentare

  1. Vital Burger

    Sehr zutreffend. Vielen Dank.

    Das Smartphone ist das digitale Heroin und die Swisscom etc. sind die modernen Dealer…

  2. Hanspeter Gautschin

    Vielen Dank! Der Vergleich ist drastisch, trifft aber einen wunden Punkt: Das Smartphone liefert uns nicht nur den Spielteufel frei Haus, sondern gleich eine ganze Gesellschaft digitaler Verführer – jederzeit verfügbar, diskret und nur einen Fingertipp entfernt. Und am Ende gewinnen vor allem jene, die unsere Aufmerksamkeit, unsere Daten und unser Geld zu ihrem Geschäft gemacht haben.

Über

Ein älterer Mann mit grauem Haar und Brille sitzt in einem Holzstuhl, trägt einen dunklen Pullover, hält ein aufgeschlagenes Buch in der Hand und blickt von den Seiten auf. Der Hintergrund ist eine schlichte, helle Wand.

Ich bin Hanspeter Gautschin, Erzähler und Autor von BodeständiX – Geschichten, die bleiben.

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