Please Enable JavaScript in your Browser to visit this site

In roter Schrift steht "BodeständiX" über dem schwarzen Text "Der Autorenblog von Hanspeter Gautschin" auf weißem Hintergrund.
Der Naturjodel – oder als die Stimme noch über Täler wanderte
Vier Menschen in traditioneller Alpenkleidung führen im Freien ein Naturjodeln vor, wobei ihre Stimmen durch die Täler hallen. Zwei Männer und zwei Frauen stehen zusammen vor einer Kulisse aus Bergen und Hügeln und tragen Westen, Hüte und Kleider mit Blumenmustern.

Wer zum ersten Mal einen Naturjodel hört, ist oft überrascht. Es gibt keinen Text, keine Geschichte und keine Refrainzeile zum Mitsingen. Und doch erzählt diese Musik mehr als viele Lieder mit hundert Worten.

Der Naturjodel gehört zu den ältesten Gesangsformen des Alpenraums. Wann er entstanden ist, weiss niemand genau. Sicher ist nur, dass er über Jahrhunderte mündlich weitergegeben wurde – von Generation zu Generation, lange bevor jemand daran dachte, Melodien aufzuschreiben.

Gesungen wird mit bedeutungslosen Silben wie «jo», «ju», «ho» oder «lo». Das Besondere ist der rasche Wechsel zwischen Brust- und Kopfstimme. Gerade dieser Wechsel verleiht dem Naturjodel seinen unverwechselbaren Klang und seine Weite.

Mehr als ein Ruf über die Berge

Oft wird erzählt, der Naturjodel sei entstanden, damit sich Älpler über weite Distanzen verständigen konnten. Solche Rufe gab es tatsächlich. Ob daraus jedoch der heutige Naturjodel entstanden ist, lässt sich historisch nicht beweisen. Wahrscheinlicher ist, dass sich aus einfachen Lock- und Signalrufen allmählich eine eigenständige musikalische Ausdrucksform entwickelte.

Interessanterweise kennen auch andere Kulturen ähnliche Gesangstechniken. In Teilen Afrikas, Asiens, Skandinaviens oder Osteuropas finden sich ebenfalls Gesänge mit schnellen Wechseln zwischen verschiedenen Stimmlagen. Diese Ähnlichkeiten bedeuten aber nicht, dass alle dieselben Wurzeln haben. Vielmehr zeigt sich, dass Menschen an verschiedenen Orten ähnliche Möglichkeiten der Stimme entdeckt haben.

Jede Region klingt anders

Wer glaubt, Naturjodel sei überall gleich, irrt sich. In der Schweiz haben sich ganz unterschiedliche regionale Stilrichtungen entwickelt.

Im Appenzellerland erklingen die berühmten Zäuerli oder Rugguusseli. Sie wirken ruhig, getragen und beinahe schwebend. In der Innerschweiz, im Toggenburg, im Berner Oberland oder im Greyerzerland haben sich wiederum ganz eigene Melodien, Rhythmen und Mehrstimmigkeiten entwickelt.

Der Naturjodel ist deshalb keine einzelne Melodie, sondern eine ganze Landschaft verschiedener Klangwelten. Jede Region hat ihren eigenen Charakter bewahrt.

Naturjodel ist nicht gleich Jodellied

Viele verwechseln den Naturjodel mit dem Jodellied. Dabei handelt es sich um zwei unterschiedliche Traditionen.

Das Jodellied entstand vor allem im 19. Jahrhundert. Es besitzt einen Text und wurde meist bewusst komponiert. Der Naturjodel hingegen kommt ohne Worte aus. Er lebt von seiner Melodie, seiner Stimmung und oft auch von der Improvisation. Gerade darin liegt seine besondere Kraft.

Eine lebendige Tradition

Bis heute ist der Naturjodel fester Bestandteil vieler Bräuche und Feste. Besonders im Appenzellerland erklingt er an Alpabfahrten, bei traditionellen Anlässen, in Gaststuben oder am Alten Silvester zusammen mit Schellenklang und Trachten. Dort wirkt er noch immer erstaunlich ursprünglich – nicht weil er unverändert geblieben wäre, sondern weil er bis heute gelebt wird.

Vielleicht ist genau das sein grösstes Geheimnis. Der Naturjodel braucht keine Worte. Er verbindet Menschen über Generationen hinweg allein durch die Kraft der menschlichen Stimme. Und manchmal genügt genau das, um mehr auszudrücken, als Worte jemals könnten.


Wussten Du schon?
Der Naturjodel wurde 2017 als Teil der lebendigen Schweizer Jodeltradition in die Liste der lebendigen Traditionen der Schweiz aufgenommen. Er gilt bis heute als wichtiger Bestandteil des kulturellen Erbes unseres Landes.

2 Kommentare

  1. Göni

    Isch nid grad min Stil aber ab und zue chan iichs scho lose.

  2. Hanspeter Gautschin

    Konnte auch lange nichts damit anfangen. Bis ich dann selbst in einem Jodlerklub mitmachte…

Über

Ein älterer Mann mit grauem Haar und Brille sitzt in einem Holzstuhl, trägt einen dunklen Pullover, hält ein aufgeschlagenes Buch in der Hand und blickt von den Seiten auf. Der Hintergrund ist eine schlichte, helle Wand.

Ich bin Hanspeter Gautschin, Erzähler und Autor von BodeständiX – Geschichten, die bleiben.

FOLGEN

NEWSLETTER