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In roter Schrift steht "BodeständiX" über dem schwarzen Text "Der Autorenblog von Hanspeter Gautschin" auf weißem Hintergrund.
Das diskrete Geschäft mit Herrn Winkelmann
Drei elegant gekleidete Personen sitzen an einem runden Cafétisch und gehen diskreten Geschäften nach. In dem prächtigen Café im Vintage-Stil mit großen Fenstern und kunstvoller Einrichtung unterhalten sich Herr Winkelmann und seine Begleiter leise; die Frau trägt einen Hut und ein marineblaues Kleid, die Männer tragen Anzüge.

 

Manchmal schlummern Geschichten jahrzehntelang in einer Schublade. Diese hier entstand, als ich ungefähr achtzehn Jahre alt war. Mit ihr gewann ich damals bei einem Schreibwettbewerb einen kleinen Preis – worauf ich natürlich mächtig stolz war. Für BodeständiX habe ich sie nun vollständig neu erzählt, sprachlich überarbeitet und den Figuren ein neues Leben geschenkt. Nur die Grundidee ist geblieben. Ich wünsche viel Vergnügen beim Lesen.

Herr Konstantin Winkelmann war Taschenspieler von Beruf. Das klang schlechter, als es war. Auf der Bühne hiess er «Maestro Contini» und liess aus Hüten Blumen wachsen, aus Taschentüchern Tauben entstehen und aus den Westentaschen fremder Herren Dinge verschwinden, von denen diese Herren kurz zuvor noch geglaubt hatten, sie gut bewacht zu haben.

Das Publikum liebte ihn.

Das Publikum liebt überhaupt alle Menschen, die ihm vorführen, wie leicht es sich täuschen lässt. Voraussetzung ist lediglich, dass die Täuschung Eintritt kostet und nach spätestens zwei Stunden endet.

An einem Mittwochabend sass Maestro Contini nach der Vorstellung in seiner Garderobe. Er trug noch einen halben Schnurrbart, denn die andere Hälfte hatte er bereits abgeschminkt. Auf dem Tisch lagen Puder, Spielkarten, ein falscher Daumen, drei silberne Kugeln und ein Kanarienvogel, der beruflich ebenfalls stark eingespannt war.

Da klopfte es.

«Ein Herr möchte Sie sprechen», sagte der Theaterdiener. «Es sei dringend.»

«Dringend ist ein schönes Wort», sagte Contini. «Es bedeutet meistens, dass jemand anderes ein Problem hat.»

Der Herr, der eintrat, sah aus wie jemand, der seine Probleme gewöhnlich anderen Leuten übergab. Er war gross, grau an den Schläfen, vornehm gekleidet und roch nach Rasierwasser, Geld und kleinen Unannehmlichkeiten.

«Mein Name ist Dr. Ferdinand Leuthold», sagte er und verbeugte sich so knapp, dass man sah, wie teuer seine Zeit war.

«Contini», sagte der Taschenspieler. «Auf Rechnungen auch Winkelmann. Nehmen Sie Platz.»

Dr. Leuthold setzte sich. Er war einer jener Männer, die selbst auf einem wackligen Garderobenstuhl noch wie Vorsitzende eines Verwaltungsrates wirken.

«Ich komme in einer heiklen Angelegenheit», begann er.

«Dann sind Sie hier richtig», sagte Contini. «Heikle Angelegenheiten halten mich in Übung.»

Der Doktor räusperte sich.

«Ich stehe kurz vor meiner Vermählung.»

«Mein Beileid. Oder meinen Glückwunsch. Das hängt vom Einkommen der Braut ab.»

Dr. Leuthold lächelte nicht. Humor ist bei ernsten Männern oft nur dann willkommen, wenn sie ihn selber machen.

«Leider gibt es eine Dame», fuhr er fort, «die im Besitz gewisser Schriftstücke ist.»

«Schriftstücke sind gefährlich», sagte Contini. «Vor allem, wenn sie von Männern stammen, die kurz vor der Vermählung stehen.»

«Es handelt sich um ein kleines Notizbuch.»

«Noch schlimmer. Briefe kann man erklären. Notizbücher führen Buch.»

Der Doktor sah ihn scharf an.

«Die Dame verlangt Geld. Viel Geld. Sie hat mich morgen Nachmittag ins Café Imperial bestellt. Ich werde verhandeln. Sie wird das Notizbuch bei sich tragen. Ich möchte, dass Sie es unauffällig an sich bringen.»

Contini lehnte sich zurück. Der Kanarienvogel hüpfte in seinem Käfig auf die linke Stange, vermutlich aus moralischen Gründen.

«Sie wünschen also keine Zauberkunst», sagte Contini. «Sie wünschen Kleinkriminalität mit Abendgarderobe.»

«Ich wünsche Diskretion.»

«Das wünschen alle, die etwas zu verbergen haben.»

Der Doktor zog die Handschuhe aus. Langsam. Wie ein Mann, der gewohnt war, dass andere auf seine Finger achteten.

«Ihr Honorar beträgt zweitausend Franken.»

Contini hob eine Augenbraue. Sie war wieder echt.

«Zweitausend für ein Notizbuch?»

«Für eine kleine Handbewegung.»

«Meine kleinen Handbewegungen sind mein Kapital.»

«Dreitausend.»

«Sie sprechen schon flüssiger.»

«Viertausend. Und keinen Rappen mehr.»

Contini dachte nach. Nicht lange. Ein Taschenspieler darf beim Denken nie zu lange brauchen, sonst wirkt es ehrlich.

«Einverstanden», sagte er. «Aber nur, weil ich Erpressung für eine unschöne Beschäftigung halte. Sie verdirbt den Charakter. Beim Betrogenwerden kann man wenigstens noch etwas lernen.»

Am nächsten Nachmittag trafen sich die Herren im Café Imperial. Es war ein Haus mit Marmorsäulen, Kronleuchtern und Kellnern, die aussahen, als hätten sie schon Kaiser bedient und dafür nie ein Trinkgeld erhalten.

Die Dame wartete bereits.

Sie hiess nicht mehr jung, aber sie trug es mit grossem Geschick. Ihr Kleid war dunkelblau, ihr Hut klein und entschlossen. Vor ihr stand eine Tasse Kaffee, die so unberührt war wie ein guter Vorsatz am Neujahrsmorgen.

«Clara», sagte Dr. Leuthold.

«Ferdinand», sagte sie.

Mehr brauchte es nicht. Zwei Namen können manchmal eine ganze Vergangenheit enthalten und für die Gegenwart dennoch zu wenig sein.

«Ich habe einen Herrn mitgebracht», sagte Leuthold. «Herr Dr. Bender. Mein juristischer Berater.»

Contini verbeugte sich. Juristischer Berater war er noch nie gewesen. Aber er hatte schon öfter so ausgesehen.

«Sehr angenehm», sagte Clara Reichenbach und musterte ihn. «Sie sehen gar nicht aus wie ein Anwalt.»

«Das höre ich gern», sagte Contini.

Leuthold nahm Platz. Contini setzte sich daneben, öffnete eine Ledermappe und legte einige Papiere vor sich hin. Es waren alte Programmzettel, aber aus genügender Entfernung wirken Programmzettel wie Verträge. Das ist einer der Gründe, weshalb das Theater dem wirklichen Leben so ähnlich ist.

«Kommen wir zur Sache», sagte Leuthold.

«Das wollte ich seit Jahren», sagte Clara.

«Sie verlangen zwanzigtausend.»

«Ich verlange Gerechtigkeit.»

«Gerechtigkeit hat selten eine runde Summe.»

«Dann nennen wir es zwanzigtausend.»

Contini blätterte in seinen Papieren und machte ein Gesicht, als prüfe er Paragrafen. In Wahrheit suchte er einen Fleck auf dem Tischtuch, der aussah wie Italien.

Die beiden verhandelten.

Leuthold bot zehntausend. Clara verlangte zwanzigtausend. Leuthold sprach von Übertreibung. Clara von Erinnerung. Leuthold erwähnte seinen Ruf. Clara bemerkte, dieser habe offenbar mehr Pflege erhalten als gewisse Versprechen.

Es war eine dieser Unterhaltungen, bei denen jedes Wort höflich gekleidet ist und darunter einen Dolch trägt.

Währenddessen lag Claras Handtasche neben ihr auf dem Stuhl. Klein, schwarz, elegant und viel zu selbstsicher.

Contini bat um ein Glas Wasser. Der Kellner kam. Contini rückte seine Serviette zurecht. Der Kellner stellte das Glas ab. Clara wandte sich einen Augenblick nach links, weil im Saal ein Löffel zu Boden fiel. Es war ein Löffel von tadelloser Berufsauffassung.

Als Clara wieder nach vorn sah, sass Contini genau wie vorher.

Das ist bei guten Taschenspielern das Beunruhigende: Sie sehen nachher immer so aus wie vorher.

Nach einer weiteren Viertelstunde sagte Contini mit milder Stimme:

«Vielleicht sollten die Parteien sich bei fünfzehntausend treffen. Die Mitte ist nicht immer gerecht, aber sie erspart allen Beteiligten das Rechnen.»

Leuthold verstand das Zeichen.

«Gut», sagte er schwer. «Fünfzehntausend.»

Clara nickte.

«Dann bitte ich um den Scheck.»

«Und ich», sagte Contini, «bitte im Gegenzug um das Notizbuch. Es wird bis zur Einlösung treuhänderisch verwahrt.»

Clara griff nach ihrer Tasche.

Dann wurde sie bleich.

Sie suchte. Zuerst würdevoll. Dann hastig. Schliesslich mit jener Verzweiflung, die selbst der besten Erziehung die Frisur verwüstet.

«Es ist fort», flüsterte sie.

«Was ist fort?», fragte Leuthold, der die Antwort sehr wohl kannte und sie deshalb besonders genoss.

«Das Notizbuch.»

«Interessant», sagte Contini. «In juristischen Kreisen nennt man das wohl eine Wendung.»

Clara sah von einem zum andern.

«Es war hier. Ich schwöre es.»

«Schwüre», sagte Leuthold, «haben mich früher mehr beeindruckt.»

Er stand auf. Contini sammelte seine Papiere ein. Der Fleck auf dem Tischtuch hatte inzwischen die Form von Sizilien angenommen.

«Clara», sagte Leuthold, «ich bedaure, dass unsere geschäftliche Begegnung ohne Gegenstand geworden ist.»

«Du glaubst doch nicht, dass ich—»

«Ich glaube inzwischen nur noch an Belege.»

Die beiden Herren verliessen das Café. Clara blieb zurück, vor einer kalten Tasse Kaffee und einer Vergangenheit, die ihr soeben aus der Handtasche abhandengekommen war.

Auf der Strasse lachte Dr. Leuthold. Er lachte nicht schön. Manche Menschen lachen, als unterschrieben sie einen Vertrag zu ihren Gunsten.

«Ausgezeichnet, Herr Contini! Wahrhaft ausgezeichnet. Sie sind ein Künstler.»

«Das sage ich dem Finanzamt auch immer.»

«Kommen Sie. Ich gebe Ihnen Ihr Honorar.»

Sie gingen einige Schritte schweigend nebeneinander her. Dann blieb Contini stehen.

«Herr Doktor», sagte er, «ich habe mir die Sache überlegt.»

«Was gibt es da zu überlegen?»

«Eine Menge. Zum Beispiel den Wert eines Notizbuches.»

Leuthold sah ihn an.

«Wir haben viertausend vereinbart.»

«Gewiss. Damals wusste ich noch nicht, dass Sie für das Büchlein fünfzehntausend gezahlt hätten.»

«Das war nur Verhandlungstaktik.»

«Natürlich. Und meine neue Forderung ist nur Lebenspraxis.»

«Wie hoch?»

«Zehntausend.»

Leuthold wurde rot. Das stand ihm nicht. Manche Männer sollten bleich bleiben.

«Sie erpressen mich!»

«Ein hartes Wort», sagte Contini. «Ich würde sagen: Ich begleite Ihre Einsicht kaufmännisch.»

«Sie sind ein Schurke.»

«Mag sein. Aber im Augenblick bin ich der Schurke mit dem Notizbuch.»

Leuthold presste die Lippen zusammen. Er sah aus wie ein Mann, der zum ersten Mal bemerkt, dass die Welt nicht ausschliesslich für ihn eingerichtet worden war.

«Ich habe die Summe nicht bei mir.»

«Das macht nichts», sagte Contini freundlich. «Morgen Vormittag. Bar. Dieselbe Garderobe, in der alles begann. Das Leben liebt geschlossene Formen.»

Am nächsten Tag brachte Dr. Leuthold das Geld.

Contini brachte das Notizbuch.

Die Übergabe verlief schweigend, wie es sich für zivilisierte Räubereien gehört.

Leuthold verliess das Theater mit der Miene eines Mannes, der einen Krieg verloren hat und nun erklären muss, es sei eine strategische Verkürzung der Front gewesen.

Damit hätte die Geschichte enden können.

Aber das Leben hat, im Gegensatz zu ordentlichen Schriftstellern, keine rechte Scheu vor Nachträgen.

Drei Tage später, am Vorabend der Hochzeit, erschien Contini erneut bei Dr. Leuthold. Diesmal trug er keinen Mantel, sondern ein Lächeln.

«Nur eine Kleinigkeit», sagte er. «Ich habe beim Durchblättern des Notizbuches bemerkt, dass einige Seiten von besonderem dichterischem Wert sind. Zur Sicherheit habe ich Abschriften anfertigen lassen.»

Dr. Leuthold sank in seinen Sessel.

«Wie viele?»

«Nicht viele. Genug.»

«Was wollen Sie?»

«Nichts Übertriebenes. Zweitausend pro Abschrift. Bei Abnahme aller Exemplare gebe ich das schlechte Gewissen gratis dazu.»

Dr. Leuthold zahlte.

Manche Menschen lernen erst dann, dass Moral etwas kostet, wenn sie die Rechnung in bar begleichen müssen.

Am folgenden Samstag heiratete er Fräulein Ottilie von Sternberg, eine zarte junge Person mit ernsten Augen und beträchtlichem Vermögen. Die Hochzeitsgesellschaft fand den Bräutigam etwas blass, was allgemein der Rührung zugeschrieben wurde.

Maestro Contini trat am selben Abend wieder im Theater auf. Er liess drei Ringe verschwinden, zwei Tauben erscheinen und einem Stadtrat die goldene Uhr aus der Tasche gleiten.

Das Publikum applaudierte begeistert.

Es hatte allen Grund dazu.

Denn auf der Bühne wird man wenigstens ehrlich betrogen.

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Ein älterer Mann mit grauem Haar und Brille sitzt in einem Holzstuhl, trägt einen dunklen Pullover, hält ein aufgeschlagenes Buch in der Hand und blickt von den Seiten auf. Der Hintergrund ist eine schlichte, helle Wand.

Ich bin Hanspeter Gautschin, Erzähler und Autor von BodeständiX – Geschichten, die bleiben.

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