Es gibt Wörter, die kommen nicht im Frack daher. Sie poltern in die Stube, haben Sägemehl an den Schuhen, riechen ein wenig nach Wirtshaus, Stall und Sonntagnachmittag, und bevor man sie richtig begrüsst hat, sitzen sie schon am Tisch. «Hudigääggeler» ist so ein Wort.
Es klingt nach etwas, das man entweder gernhat oder möglichst rasch abstellt. Nach einer Klarinette, die sich zu wichtig nimmt. Nach einer Handorgel, die das Heimweh mit Muskelkraft erzeugt. Nach einem Tanzboden, auf dem die Schuhe schneller sind als die Gedanken. Und nach jener Sorte Volksmusik, bei der die einen feuchte Augen bekommen und die anderen den Fluchtweg suchen.
Der Ausdruck «Hudigääggeler» wird heute gern mit Schweizer Volksmusik verbunden. Mal liebevoll, mal abschätzig, mal mit jener gönnerhaften Ironie, die meistens von Leuten kommt, die beim Wort «Ländler» zuerst an Fernsehkulissen, Edelweisshemden und ein künstliches Lächeln denken. Doch das Wort ist älter, rauer und interessanter als sein heutiger Ruf.
Von Hühnern, Geigen und einem hartnäckigen Übernamen
Die Spur führt nach Einsiedeln, genauer zur Musikerfamilie Fuchs. Johann Fuchs, geboren 1866 und gestorben 1929, gilt als wichtiger Pionier der Innerschweizer Ländlermusik. Seine Kapelle wurde als «Hudeli-Musig» bekannt. Nach überlieferter Erklärung geht dieser Übername auf eine Frau aus der Familie zurück, die ihre Hühner und Enten mit dem Ruf «Chum Hudeli, Hudeli, chum, chum» in den Stall lockte. Aus dem Lockruf wurde ein Spottname, aus dem Spottname ein Markenzeichen, und aus dem Markenzeichen ein Stück Musikgeschichte.
So entstehen Begriffe. Nicht am Schreibtisch eines Sprachgelehrten, wo die Wörter brav die Schuhe abstreifen, bevor sie ins Wörterbuch dürfen. Sie entstehen im Alltag. In Küchen, Ställen, Wirtshäusern, auf Tanzböden. Manchmal ruft jemand Hühner. Später tanzt ein halbes Land dazu. Die Kulturgeschichte ist gelegentlich sparsam mit Pathos, aber grosszügig mit Zufällen.
Der zweite Teil des Wortes, «Gääggeler», verweist auf ein weniger schmeichelhaftes Klangbild. Er hängt mit dem Mundartwort «gäggen» oder «gägglen» zusammen, also mit unangenehmem Tönen, schrillem Schreien oder krächzendem Lärm. Der Ausdruck hatte also von Anfang an eine schräge Note. Ein Hudigääggeler war kein höfisches Menuett. Er kam vom Volk, und das Volk hatte selten Zeit, seine Begriffe mit Parfüm zu besprühen.
Volksmusik, bevor sie Volksmusik hiess
Wer Volksmusik sagt, denkt heute oft an eine fertig etikettierte Kulturware. Dabei war diese Musik lange schlicht Gebrauchsmusik. Sie wurde gespielt, weil man sie brauchte. Zum Tanzen, Feiern, Werben, Trinken, Marschieren, Erinnern und gelegentlich auch zum Vergessen. Sie gehörte zu Hochzeiten, Kilbenen, Fasnachten, Stubeten und Wirtshausabenden. Niemand fragte zuerst nach Authentizität. Man fragte, ob jemand aufspielen könne.
Im 19. Jahrhundert veränderte sich diese Musiklandschaft stark. Fahrende Musikanten, Blaskapellen, Streichmusikformationen und später Handorgel- und Schwyzerörgeli-Spieler prägten die ländliche Unterhaltung. In der Innerschweiz entwickelte sich eine eigenständige Ländlermusik mit Klarinette, Geige, Bass, später Handorgel und Schwyzerörgeli. Die Kapelle Fuchs aus Einsiedeln gehörte zu den bekannten Formationen dieser Entwicklung. Ihre «Hudeli-Musig» stand also nicht am Rand, sie stand mitten im Strom.
Dabei wäre es falsch, diese Musik als primitiv abzutun. Gute Ländlermusik verlangt Timing, Stilgefühl, Klangvorstellung, Atem, Bogenführung, Phrasierung und jene schwer erklärbare Fähigkeit, eine Melodie so zu spielen, dass sie scheinbar einfach klingt. Das Einfache ist in der Kunst oft das Schwierigste. Darum wird es von Banausen gern unterschätzt.
Zwischen Tanzboden und Fernsehstudio
Das Problem begann nicht mit der Volksmusik. Das Problem begann mit ihrer Verkleidung.
Sobald Volksmusik nicht mehr vor allem im Wirtshaus, im Dorfsaal oder an der Stubete erklang, sondern auf Bühnen, Tonträgern, im Radio und später im Fernsehen, veränderte sich ihr Bild. Sie wurde präsentierbar gemacht. Geglättet. Beleuchtet. Moderiert. Das Hemd sass, das Lächeln blieb, der Dialekt wurde portioniert, und die Landschaft im Hintergrund hatte stets den Anstand, schön auszusehen.
So entstand jene volkstümliche Kulisse, die viele heute mit dem Hudigääggeler verwechseln. Alles ist freundlich, sauber, heimatlich und ungefährlich. Die Berge sind blau, die Wiesen grün, die Menschen gut gelaunt, und wer Kummer hat, bekommt ein Medley. Das mag unterhalten. Aber es ist selten die ganze Wahrheit.
Denn echte Volksmusik war nie nur Postkartenidylle. Sie trug auch Schweiss, Streit, Armut, Sehnsucht, Migration, Heimweh, Spott und Trotz in sich. Sie wurde von Menschen gespielt, die arbeiteten, reisten, litten, feierten und manchmal nur für ein paar Stunden vergessen wollten, dass der Alltag am Montag wieder pünktlich begann.
Das Klischee trägt Edelweiss
Das Klischee hat eine Vorliebe für Vereinfachung. Es nimmt eine lebendige Tradition, zieht ihr ein Edelweisshemd an, stellt sie vor eine Alphütte und erklärt sie für erledigt. So wird aus Volksmusik eine Karikatur: immer lustig, immer bodenständig, immer ein bisschen zu laut.
Der Hudigääggeler leidet besonders unter diesem Verdacht. Für die einen ist er Inbegriff handgemachter Ländlermusik. Für die anderen ist er Synonym für musikalische Behäbigkeit, für Schunkelware, für jene Sorte Unterhaltung, die sich anfühlt, als sei der Applaus bereits vorprogrammiert.
Beide Sichtweisen greifen zu kurz. Der Begriff trägt Spott in sich, gewiss. Aber Spott ist in der Volkskultur selten nur Verachtung. Oft steckt darin auch Nähe. Man macht sich über etwas lustig, weil man es kennt. Weil es dazugehört. Weil man ihm nicht ganz entkommt. Der Hudigääggeler ist vielleicht der etwas schräge Onkel der Schweizer Musikfamilie: Man verdreht die Augen, wenn er kommt, und merkt erst später, dass ohne ihn etwas fehlen würde.
Die Akademie entdeckt den Tanzboden
Dass Volksmusik heute längst nicht mehr nur im Vereinslokal gepflegt wird, zeigt ein Blick nach Luzern. Die Hochschule Luzern bietet ein schweizweit einzigartiges Bachelor-Studium in Volksmusik an. Dort stehen unter anderem Hauptfachunterricht, Ensemblearbeit, Theorie, Arrangements, Komposition und Volksmusikgeschichte im Zentrum. Das zeigt: Was früher manchmal als «Gääggelei» belächelt wurde, ist heute hochschulfähig.
Man kann darüber schmunzeln. Früher spielte einer nach Gehör im Wirtshaus, heute analysiert man im Seminar die Phrasierung. Das ist kein Niedergang, eher ein Zeichen von Reife. Jede Tradition, die überleben will, muss irgendwann wissen, was sie tut. Der Instinkt allein reicht nicht ewig, auch wenn er oft bessere Melodien hervorbringt als eine allzu beflissene Theorie.
Junge Musikerinnen und Musiker verbinden heute Ländler, Jodel, Schwyzerörgeli, Geige oder Hackbrett mit Jazz, Klassik, Pop, Improvisation und Weltmusik. Das kann grossartig sein. Es kann auch angestrengt wirken. Aber selbst das Angestrengte gehört zur Entwicklung. Eine Tradition, die nie stolpert, bewegt sich vermutlich gar nicht.
Bewahren ist kein Einfrieren
In der Volksmusik gibt es zwei Versuchungen. Die eine will alles bewahren, als sei die Vergangenheit ein Schrank, den man nur ja nicht öffnen darf. Die andere will alles erneuern, bis man nicht mehr weiss, weshalb es ursprünglich interessant war.
Gute Volksmusik bewegt sich dazwischen. Sie kennt ihre Herkunft und hat trotzdem keine Angst vor der Gegenwart. Sie weiss, dass ein alter Ländler nicht dadurch besser wird, dass man ihn museal behandelt. Musik ist kein ausgestopfter Auerhahn. Sie muss atmen, klingen, scheitern dürfen, wieder aufstehen und manchmal auch ein wenig frech sein.
Die «Hudeli-Musig» aus Einsiedeln lebt heute nicht einfach als historische Formation weiter. Aber ihr Erbe ist in der Innerschweizer Ländlermusik spürbar. Melodien, Spielweisen, Anekdoten und Namen werden weitergegeben. Solche Überlieferung geschieht selten rein und sauber. Sie ist wie ein Bach nach starkem Regen: Sie führt vieles mit sich, auch Laub, Erde und Missverständnisse. Gerade darum bleibt sie lebendig.
Warum wir den Hudigääggeler brauchen
Vielleicht brauchen wir den Hudigääggeler gerade deshalb, weil er so unbequem zwischen den Stühlen sitzt. Er ist weder Hochkultur noch blosse Unterhaltung. Er ist weder vollständig edel noch vollständig peinlich. Er trägt die Wärme der Volksmusik und den Schatten ihres Klischees zugleich.
In einer Zeit, in der Kultur gern entweder poliert oder problematisiert wird, erinnert uns dieser Begriff an etwas Drittes: an das Unordentliche, Gewachsene, Halbspöttische, Menschliche. Volksmusik war nie nur schön. Sie war auch lärmig, schief, übermütig, sentimental und manchmal zu viel des Guten. Aber das Leben selbst ist selten besser arrangiert.
Der Hudigääggeler zeigt, wie nahe Liebe und Spott beieinanderliegen können. Wer ihn verachtet, verachtet oft mehr als nur Musik. Er verachtet ein Milieu, eine Herkunft, eine Art von Geselligkeit, die nicht immer elegant, aber oft herzlich war. Wer ihn verklärt, macht es sich ebenfalls zu einfach. Auch Volksmusik kann seicht, kommerziell und anbiedernd werden. Das Jodeln schützt nicht vor Kitsch, und ein Schwyzerörgeli ist kein automatischer Echtheitsnachweis.
Ein kleines Plädoyer für schräge Töne
Am Ende bleibt der Hudigääggeler ein schönes Ärgernis. Ein Wort, das kratzt. Eine Musik, die sich nicht ganz domestizieren lässt. Ein kulturelles Erbstück, das nie recht weiss, ob es in die Vitrine oder auf den Tanzboden gehört.
Vielleicht gehört es genau deshalb zu uns.
Denn eine Kultur, die nur noch makellos klingen will, verliert schnell ihre Ecken. Und eine Volksmusik, die nur noch den Erwartungen ihrer Kritiker entkommen möchte, verliert ihre Unbefangenheit. Der Hudigääggeler darf ruhig ein wenig krächzen. Er darf lüpfig sein, schräg, sentimental, virtuos, altmodisch und überraschend modern. Er darf Grossmütter an Hühner erinnern und junge Musiker an Hochschulen beschäftigen.
Das ist mehr, als viele Begriffe leisten.
Vielleicht sollte man den Hudigääggeler also nicht vorschnell entsorgen. Man sollte ihn anhören. Mit offenen Ohren und einer gewissen Nachsicht. Denn wer weiss: Vielleicht steckt hinter dem vermeintlichen Gääggelei nicht nur Lärm, sondern eine alte, hartnäckige Lebensfreude. Eine, die nicht fragt, ob sie gerade dem Zeitgeist gefällt.
Und wenn sie einmal etwas schrill tönt, ist das auch kein Unglück. Die Welt hat schon leisere Musik gehört und ist davon auch nicht klüger geworden.







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