Es gab einmal eine Zeit, da wollten Künstler die Welt schöner machen. Heute genügt es offenbar, sie möglichst gründlich zu verstören. Besonders in gewissen progressiven Kreisen hat das Hässliche inzwischen einen erstaunlich guten Ruf. Eine Betrachtung über Schönheit, Ideologie und die merkwürdige Vorstellung, dass Geschmack etwas Verdächtiges sei.
Ich habe im Laufe meines Lebens manchen Kulturraum betreten, bei dem ich mich fragte, ob die Renovation noch bevorstehe oder die Verwahrlosung bereits zum künstlerischen Konzept gehöre.
Abblätternde Farbe, zusammengewürfelte Möbel, beschmierte Wände, ein paar ausrangierte Sofas und irgendwo ein Plakat mit einer revolutionären Botschaft. Dazu Menschen, die sich mit beträchtlicher Ernsthaftigkeit über die Veränderung der Gesellschaft unterhalten.
Gegen die Veränderung der Gesellschaft habe ich wenig einzuwenden. Nur hätte ich manchmal gerne vorgeschlagen, vorher wenigstens die Toiletten zu putzen.
Das wäre vermutlich schlecht angekommen.
Denn in gewissen Kreisen scheint die Vorstellung zu herrschen, dass Schönheit etwas Bürgerliches sei. Ordnung riecht nach Anpassung, gepflegte Räume nach Kapitalismus und ein gewisser Sinn für Ästhetik nach reaktionärer Gesinnung.
Wer dagegen eine Wand beschmiert, hat offenbar etwas zu sagen.
Die politische Karriere des Hässlichen
Woher kommt eigentlich diese seltsame Verbindung zwischen politischem Fortschrittsdenken und ästhetischer Verwahrlosung?
Natürlich gibt es wunderschöne linke Kulturprojekte und scheussliche konservative Bauten. Wer einmal durch die Villenviertel der Neureichen gefahren ist, weiss, dass Geld allein noch lange keinen Geschmack hervorbringt. Und manches Denkmal bürgerlicher Repräsentationslust hätte die Nachwelt ohne grösseren kulturellen Verlust verschmerzen können.
Trotzdem fällt mir auf, dass die demonstrative Hässlichkeit in bestimmten linksalternativen Milieus geradezu gepflegt wird.
Ein besetztes Haus darf heruntergekommen aussehen. Das gehört offenbar zum Selbstverständnis. Die beschmierte Fassade ist Ausdruck des Widerstands, die schäbige Einrichtung ein Zeichen der Unabhängigkeit von bürgerlichen Konventionen.
Man stelle sich vor, eine Gruppe Hausbesetzer würde ihre Fassade sorgfältig restaurieren, die Fensterläden streichen, Blumen pflanzen und den Eingangsbereich mit einem hübschen Mosaik gestalten.
Würde man ihnen ihre revolutionäre Gesinnung noch abnehmen?
Vielleicht müssten sie wenigstens einen Abfalleimer umstossen, damit keine Missverständnisse entstehen.
Wenn Schönheit unter Verdacht gerät
Hinter solchen Erscheinungen steckt eine ernsthafte Frage.
Was geschieht mit einer Gesellschaft, wenn sie beginnt, Schönheit vor allem als Ausdruck von Macht und gesellschaftlichen Privilegien zu betrachten?
Schönheitsvorstellungen sind historisch gewachsen. Sie verändern sich, unterscheiden sich zwischen Kulturen und hängen auch von gesellschaftlichen Verhältnissen ab. Darüber lässt sich trefflich streiten.
Schwierig wird es dort, wo die ästhetische Erfahrung selbst unter politischen Rechtfertigungsdruck gerät.
Ein Kunstwerk soll dann möglichst die richtigen Fragen stellen, gesellschaftliche Missstände sichtbar machen und bestehende Machtverhältnisse hinterfragen. Daran ist zunächst wenig auszusetzen. Die Kunst hat seit jeher auch provoziert und Widerspruch ausgelöst.
Aber weshalb sollte ein Werk, das uns durch seine Schönheit ergreift, deshalb weniger wertvoll sein?
Weshalb muss eine Melodie gebrochen, ein Bühnenbild verfremdet oder eine menschliche Empfindung ironisch kommentiert werden, damit sich das kulturell geschulte Publikum nicht plötzlich bei etwas allzu Gewöhnlichem ertappt fühlt?
Ich erinnere mich an Aufführungen, bei denen auf der Bühne so viel intellektuelle Bedeutung herumstand, dass für die eigentliche Kunst kaum noch Platz blieb.
Eine Neonröhre. Ein Baugerüst. Ein Plastiksack. Ein Mensch, der zwanzig Minuten lang gegen eine Wand spricht.
Das Publikum applaudiert nachdenklich. Niemand möchte den Eindruck erwecken, er habe etwas nicht verstanden.
Dabei wäre die Frage durchaus berechtigt, ob der Kaiser möglicherweise wieder einmal ohne Kleider unterwegs ist.
Der Kult um die Provokation
Die Provokation hatte in der Kunst einmal eine wichtige Aufgabe. Sie konnte erstarrte Vorstellungen aufbrechen, gesellschaftliche Heuchelei blossstellen und eingefahrene Sehgewohnheiten erschüttern.
Nur ist das Provozieren inzwischen selber zur Konvention geworden.
Wer heute einen klassischen Stoff auf die Bühne bringt, muss sich offenbar dafür rechtfertigen, wenn er die Handlung tatsächlich erzählen möchte. Erwartet wird eine Neuinterpretation, möglichst mit aktuellen gesellschaftlichen Bezügen, einer gehörigen Portion Dekonstruktion und wenigstens einer Szene, die das Publikum vor den Kopf stösst.
Ich habe nichts gegen neue Interpretationen. Manche eröffnen tatsächlich überraschende Zugänge zu alten Werken.
Aber ich frage mich, weshalb eine Inszenierung immer wieder beweisen muss, wie weit sie sich vom ursprünglichen Werk entfernen kann.
Vielleicht liegt darin eine gewisse Verlegenheit. Denn etwas Schönes zu schaffen verlangt Können, Geduld, Formgefühl und manchmal auch Demut gegenüber dem eigenen Material.
Ein Werk auseinanderzunehmen kann ebenfalls grosse Kunst sein. Nur sollte hinterher noch etwas übrig bleiben, das diesen Namen verdient.
Schönheit als Zumutung
Der britische Philosoph Roger Scruton hat sich intensiv mit der Bedeutung des Schönen beschäftigt. Er sah darin eine menschliche Erfahrung, die weit über Geschmack und dekorative Vorlieben hinausreicht.
Schönheit kann uns aus dem Alltag herausheben. Eine Landschaft, ein Musikstück, ein gelungenes Bauwerk oder ein altes Handwerk vermögen etwas in uns anzusprechen, das sich nur schwer in politische Kategorien einordnen lässt.
Vielleicht liegt genau darin das Problem.
Schönheit entzieht sich bisweilen dem Wunsch, alles erklären, kontrollieren und gesellschaftlich einordnen zu können.
Ich kann vor einem alten Bauernhaus stehen und seine Proportionen bewundern. Ich kann mich an einem kunstvoll geschnitzten Schrank erfreuen oder an einer Melodie, die vor zweihundert Jahren entstanden ist.
Dafür brauche ich keine Auskunft darüber, welcher sozialen Klasse der Erbauer angehörte, ob der Komponist politisch auf der richtigen Seite stand oder welche Herrschaftsverhältnisse sich im Möbelstück widerspiegeln.
Solche Fragen können historisch interessant sein. Sie müssen mir aber nicht jedes ästhetische Vergnügen verderben.
Wer bei einer schönen Landschaft zuerst die Eigentumsverhältnisse analysiert, dürfte mit dem Sonnenuntergang ohnehin Schwierigkeiten bekommen. Der hält sich bekanntlich an keine gesellschaftspolitische Theorie.
Auch die Hässlichkeit hat ihre Mode
Besonders amüsant finde ich, dass ausgerechnet jene Milieus, die sich gerne von gesellschaftlichen Konventionen befreien möchten, oft erstaunlich einheitliche ästhetische Vorlieben entwickeln.
Die schwarzen Kleider, die bewusst schäbigen Möbel, die Graffiti, die unverputzten Wände und die obligatorischen Palettenmöbel. Manches alternative Kulturzentrum sieht inzwischen aus, als hätte eine zentrale Beschaffungsstelle für revolutionäre Inneneinrichtungen ganze Arbeit geleistet.
Was ursprünglich Ausdruck von Unabhängigkeit war, ist längst zum Stil geworden.
Auch die Hässlichkeit lässt sich vermarkten. Inzwischen bezahlt man in manchen angesagten Lokalen beträchtliche Summen, um auf unbequemen Stühlen zwischen unverputzten Wänden zu sitzen und Kaffee aus angeschlagen wirkenden Tassen zu trinken.
Der Kapitalismus hat sich einmal mehr als anpassungsfähig erwiesen. Selbst die Rebellion gegen den guten Geschmack lässt sich gewinnbringend verkaufen.
Man muss das Hässliche nur genügend überzeugend als authentisch bezeichnen.
Was haben wir eigentlich gegen das Schöne?
Mich beschäftigt an dieser Entwicklung vor allem der Verlust einer Selbstverständlichkeit.
Früher war es durchaus ein Anliegen, öffentliche Räume ansprechend zu gestalten. Auch einfache Menschen schmückten ihre Häuser, pflegten Gärten und legten Wert auf Gegenstände, die neben ihrem praktischen Nutzen eine ästhetische Qualität besassen.
Man denke an die bemalten Möbel unserer Volkskultur, an geschnitzte Truhen, kunstvolle Stickereien, verzierte Hausfassaden oder die sorgfältige Gestaltung alltäglicher Gebrauchsgegenstände.
Das Schöne war keineswegs ausschliesslich den Wohlhabenden vorbehalten.
Gerade in der Volkskultur begegnet uns eine bemerkenswerte Freude an Formen, Farben und handwerklicher Gestaltung. Menschen, die wenig besassen und hart arbeiteten, nahmen sich die Zeit, einen Gegenstand zu verzieren, obwohl er seine Aufgabe auch ohne diese Mühe erfüllt hätte.
Vielleicht empfanden sie Schönheit als etwas, das dem Leben Würde verleiht.
Und vielleicht wussten sie damit mehr über Lebensqualität als mancher Kulturtheoretiker, der uns heute die gesellschaftliche Bedeutung eines Haufens Bauschutt erklärt.
Ist also die Linke schuld?
So einfach wäre es natürlich angenehm. Man könnte die Hässlichkeit einer politischen Richtung zuschreiben und hätte einen Schuldigen gefunden.
Leider steht dem die Wirklichkeit im Weg.
Auch die politische Rechte hat ihre ästhetischen Verirrungen. Monumentale Machtsymbole, geschmacklose Repräsentationsbauten, protzige Luxusarchitektur und jene künstliche Gemütlichkeit, die sich mit genügend Geld in jedes Chalet einbauen lässt, liefern reichlich Anschauungsmaterial.
Und es waren keineswegs nur linke Architekten, die unsere Städte mit Betonkästen beglückten.
Aber in einem Punkt erkenne ich einen Unterschied.
Während konservative Milieus gelegentlich an einem fragwürdigen Schönheitsideal festhalten, scheint in Teilen der radikalen Linken die Ablehnung traditioneller Schönheit selbst zum Ideal geworden zu sein.
Das Hässliche erhält dort eine politische Bedeutung. Es demonstriert Widerstand, verweigert sich bürgerlichen Erwartungen und beansprucht gerade dadurch kulturelle Überlegenheit.
Dabei wird leicht vergessen, dass eine beschmierte Wand vor allem eines ist: eine beschmierte Wand.
Ihre politische Aussage macht sie noch lange nicht schöner.
Das Recht auf Schönheit
Ich wünsche mir eine Kultur, die sich wieder etwas unbefangener mit Schönheit beschäftigen kann.
Eine Kultur, in der ein gelungenes Kunstwerk auch dann Anerkennung findet, wenn es keine aktuelle politische Botschaft transportiert. In der ein altes Gebäude erhalten wird, weil es schön ist. In der Handwerkskunst als kulturelle Leistung gilt und ein Konzert das Publikum berühren darf, ohne dass anschliessend jemand erklären muss, weshalb diese Rührung gesellschaftlich problematisch sein könnte.
Schönheit ist gewiss keine Garantie für moralische Qualität. Auch menschenverachtende Regime haben eindrucksvolle Bauten errichtet und Kunst für ihre Zwecke missbraucht. Gerade deshalb lohnt es sich, zwischen ästhetischer Wirkung und politischem Urteil unterscheiden zu können.
Ich möchte Schönheit geniessen dürfen, ohne sie zuerst ideologisch überprüfen zu müssen.
Und wenn ich das nächste Mal einen alternativen Kulturraum betrete, in dem sich der Widerstand gegen die bürgerliche Gesellschaft hauptsächlich durch schmutzige Wände und verwahrloste Toiletten äussert, werde ich mir eine kleine Frage erlauben:
Wenn ihr die Welt schöner und gerechter machen wollt, weshalb fangt ihr dann nicht wenigstens bei euren eigenen vier Wänden an?
Das wäre möglicherweise der revolutionärste Gedanke des ganzen Abends.







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