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In roter Schrift steht "BodeständiX" über dem schwarzen Text "Der Autorenblog von Hanspeter Gautschin" auf weißem Hintergrund.
Die Wunden, die niemand sieht
Ein Mädchen sitzt zusammengerollt neben einem zerbrochenen, herzförmigen Stein, während eine Frau in die Landschaft blickt; ihre Körperhaltungen spiegeln tiefen seelischen Schmerz wider, während im Hintergrund schemenhafte Gestalten auftauchen.

Warum uns manche Verletzungen ein Leben lang begleiten und weshalb unsere Vergangenheit nicht unsere Zukunft bestimmen muss.

Ein aufgeschlagenes Knie heilt gewöhnlich von selbst. Nach ein paar Tagen bildet sich Schorf, irgendwann fällt er ab, und zurück bleibt höchstens eine kleine Narbe. Bei seelischen Verletzungen ist die Sache komplizierter. Da kann einer mit siebzig noch unter einem Satz leiden, den ihm sein Vater vor sechzig Jahren an den Kopf geworfen hat.

Merkwürdigerweise erinnert er sich manchmal nicht mehr daran, was er gestern zum Mittagessen hatte. Aber diesen einen Satz hat er nie vergessen.

Wir Menschen tragen eine ganze Sammlung solcher Erinnerungen mit uns herum. Manche haben wir ordentlich verstaut. Andere liegen irgendwo griffbereit und melden sich ausgerechnet dann, wenn wir sie am wenigsten brauchen können.

Die kanadische Autorin Lise Bourbeau hat versucht, seelische Verletzungen in fünf Gruppen einzuteilen: Ablehnung, Verlassenwerden, Demütigung, Vertrauensbruch und Ungerechtigkeit. In ihrem Buch «Heile die Wunden deiner Seele» beschreibt sie, wie Menschen bestimmte Schutzmechanismen entwickeln, um sich vor weiteren Verletzungen zu bewahren.

Bourbeaus Modell gehört zur spirituellen Selbsthilfeliteratur. Ihre Einteilung in fünf Seelenwunden ist weder eine wissenschaftlich bestätigte Persönlichkeitstheorie noch ein anerkanntes psychologisches Diagnoseverfahren. Besonders ihre Vorstellung, sämtliche körperlichen und seelischen Beschwerden hätten ihren Ursprung in diesen fünf Verletzungen, entbehrt einer tragfähigen wissenschaftlichen Grundlage.

Auch die von ihr behaupteten Zusammenhänge zwischen bestimmten Verletzungen und der Körperform eines Menschen sind unbelegt. Aus einem schmalen Körper lässt sich ebenso wenig auf eine erlebte Ablehnung schliessen wie aus einem kräftigen Körperbau auf einen Vertrauensbruch.

Trotzdem lohnt es sich, über ihre fünf Begriffe nachzudenken. Denn Ablehnung, Verlassenwerden, Demütigung, Vertrauensbruch und Ungerechtigkeit sind Erfahrungen, die den meisten Menschen vertraut sein dürften.

Und hier kommt die wissenschaftliche Psychologie ins Spiel. Sie beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit der Frage, wie belastende Erfahrungen unser Denken, Fühlen und Verhalten beeinflussen.

Was die Kindheit mit unserem späteren Leben zu tun hat

Dass unsere Kindheit Spuren hinterlässt, ist weit mehr als eine volkstümliche Weisheit.

Zahlreiche Untersuchungen zeigen, dass Menschen, die in ihrer Kindheit wiederholt Gewalt, Vernachlässigung oder anderen schweren Belastungen ausgesetzt waren, im späteren Leben häufiger unter bestimmten psychischen und körperlichen Erkrankungen leiden.

Eine im Oktober 2026 veröffentlichte Untersuchung der Weltgesundheitsorganisation bestätigt diesen Zusammenhang erneut. Sie erfasste die Erfahrungen von mehr als 26’000 jungen Erwachsenen aus verschiedenen europäischen Ländern.

Die Ergebnisse zeigen deutliche Zusammenhänge zwischen belastenden Kindheitserfahrungen und späteren gesundheitlichen Schwierigkeiten.

Allerdings ist ein statistischer Zusammenhang noch lange kein persönliches Schicksal. Wer eine schwierige Kindheit erlebt hat, muss deshalb keineswegs ein schwieriges Erwachsenenleben führen. Viele Menschen entwickeln trotz erheblicher Belastungen bemerkenswerte Widerstandskraft.

Die Psychologie bezeichnet diese Fähigkeit als Resilienz.

Dabei spielen verlässliche Beziehungen, unterstützende Menschen und positive Erfahrungen eine wichtige Rolle. Auch später im Leben können wir neue Verhaltensweisen entwickeln und alte Überzeugungen verändern.

Das menschliche Gehirn besitzt glücklicherweise keine endgültige Betriebsanleitung, die uns im fünften Lebensjahr ausgehändigt wird und anschliessend ein Leben lang gültig bleibt.

Wenn man nicht erwünscht ist

Ablehnung gehört zu den schmerzhaftesten menschlichen Erfahrungen. Wir möchten dazugehören, wahrgenommen und angenommen werden.

Ein Kind, das immer wieder hört, es sei zu laut, zu ungeschickt, zu empfindlich oder zu dumm, kann daraus irgendwann seine eigenen Schlüsse ziehen.

Und Kinder sind in solchen Dingen erstaunlich konsequent. Wenn die Erwachsenen recht haben, muss mit ihnen selbst etwas nicht stimmen.

Manche Menschen versuchen später, diese vermeintliche Unzulänglichkeit durch besondere Leistungen auszugleichen. Andere halten sich lieber im Hintergrund.

Da sitzt dann ein hochbegabter Mensch in einer Versammlung, hat eine ausgezeichnete Idee und schweigt. Er fürchtet, sich lächerlich zu machen. Dabei würde vermutlich die halbe Versammlung von seinem Vorschlag profitieren.

Die Psychologie kennt solche negativen Überzeugungen über die eigene Person. Sie können sich durch wiederholte Erfahrungen entwickeln und beeinflussen, wie wir spätere Situationen beurteilen.

Allerdings muss sich hinter mangelndem Selbstvertrauen nicht zwangsläufig eine frühe Ablehnung verbergen. Auch Temperament, gegenwärtige Lebensumstände und spätere Erfahrungen spielen eine Rolle.

Die Angst, verlassen zu werden

Ein kleines Kind ist auf die Zuwendung seiner Bezugspersonen angewiesen. Geborgenheit und verlässliche Beziehungen sind für seine Entwicklung von grundlegender Bedeutung.

Die Bindungsforschung untersucht seit Jahrzehnten, wie frühe Beziehungserfahrungen unsere Erwartungen an andere Menschen beeinflussen.

Wer wiederholt erlebt, dass wichtige Bezugspersonen unberechenbar reagieren oder emotional kaum erreichbar sind, kann Schwierigkeiten entwickeln, sich in späteren Beziehungen sicher zu fühlen.

Das zeigt sich manchmal in einem ausgeprägten Bedürfnis nach Bestätigung. Bleibt eine Nachricht unbeantwortet, beginnt das Grübeln. Ist der Partner ungewohnt schweigsam, wird gleich das Schlimmste befürchtet.

Das kann anstrengend werden. Für beide.

Allerdings wäre es falsch, jede Verlustangst auf die Kindheit zurückzuführen. Auch der Tod eines geliebten Menschen, eine schmerzhafte Trennung oder andere spätere Erfahrungen können unser Sicherheitsgefühl erschüttern.

Die Bindungsforschung zeigt ausserdem, dass unsere Beziehungsmuster veränderbar sind. Verlässliche Partnerschaften und neue positive Erfahrungen können dazu beitragen, dass wir zunehmend Vertrauen entwickeln.

Ein Mensch, der einen Abend für sich braucht, bereitet deswegen noch lange keinen Abschied vor.

Diese Erkenntnis mag unscheinbar wirken. Für jemanden, der ständig mit Verlustängsten kämpft, kann sie ausgesprochen befreiend sein.

Die Demütigung, die im Gedächtnis bleibt

Es gibt Erinnerungen, die würden wir am liebsten aus unserem Gedächtnis streichen. Jene Augenblicke beispielsweise, in denen wir vor anderen Menschen blossgestellt wurden.

Ein Lehrer ruft einen Schüler an die Wandtafel. Der Junge weiss die Antwort nicht. Der Lehrer macht eine spöttische Bemerkung, die Klasse lacht, und der Junge möchte am liebsten im Boden versinken.

Für den Lehrer war es möglicherweise ein schlechter Witz, den er am nächsten Tag bereits vergessen hatte.

Der Schüler erinnert sich noch fünfzig Jahre später daran.

Beschämende Erfahrungen können unser Selbstbild beeinflussen, besonders wenn sie sich wiederholen oder von Menschen ausgehen, deren Anerkennung uns wichtig ist.

Allerdings hinterlässt nicht jede Peinlichkeit eine seelische Wunde. Entscheidend sind unter anderem die Intensität der Erfahrung, die persönliche Verarbeitung und die Unterstützung, die ein Mensch erhält.

Manche reagieren auf wiederholte Beschämungen mit Rückzug. Andere versuchen, durch besondere Leistungen unangreifbar zu werden. Und wieder andere entdecken den Humor als Schutzschild.

Wer die anderen zuerst zum Lachen bringt, läuft weniger Gefahr, selbst ausgelacht zu werden.

Humor kann eine wunderbare Lebenshilfe sein. Er kann aber auch dazu dienen, unangenehme Gefühle auf Distanz zu halten.

Es gibt Menschen, die erzählen selbst bei ihrem grössten Kummer noch einen Witz. Ihre Umgebung hält sie für beneidenswert unbekümmert. Wie es ihnen tatsächlich geht, erfährt kaum jemand.

Wenn das Vertrauen zerbricht

Vertrauen ist eine eigenartige Angelegenheit. Es braucht manchmal Jahre, um zu wachsen, und einen einzigen Augenblick, um zerstört zu werden.

Wer von einem nahestehenden Menschen hintergangen wurde, kennt dieses Gefühl. Plötzlich erscheint vieles in einem anderen Licht. Erinnerungen werden neu bewertet, Versprechungen verlieren ihre Bedeutung, und ausgerechnet jene Person, bei der man sich sicher fühlte, hat einem den Boden unter den Füssen weggezogen.

Manche Menschen reagieren darauf mit dem Entschluss, künftig vorsichtiger zu sein. Andere beginnen, möglichst alles unter Kontrolle zu halten.

Sie möchten wissen, wo der Partner gewesen ist, mit wem er gesprochen hat und weshalb er später nach Hause gekommen ist als angekündigt. Jede Unstimmigkeit wird überprüft, jede Erklärung hinterfragt.

Der Gedanke dahinter ist verständlich: Wer alles kontrolliert, kann nicht mehr überrascht werden.

Nur funktioniert das Leben leider anders.

Die Psychologie kennt verschiedene Formen solcher Bewältigungsstrategien. Nach belastenden Erfahrungen versuchen manche Menschen, durch besondere Wachsamkeit oder die Vermeidung bestimmter Situationen Sicherheit herzustellen.

Solche Reaktionen können kurzfristig entlasten, langfristig aber Beziehungen belasten und bestehende Ängste verstärken.

Das bedeutet keineswegs, dass kontrollierende Menschen grundsätzlich früher einen Vertrauensbruch erlebt haben. Menschliches Verhalten lässt sich selten auf eine einzige Ursache zurückführen.

Vertrauen bleibt immer auch ein Wagnis.

Wer dieses Wagnis vollständig vermeiden möchte, muss auf eine ganze Reihe menschlicher Beziehungen verzichten. Und bezahlt damit einen ziemlich hohen Preis für seine Sicherheit.

Wenn das Leben ungerecht ist

Schon kleine Kinder haben ein erstaunlich feines Gespür für Ungerechtigkeit.

Man muss nur zwei Geschwistern unterschiedlich grosse Kuchenstücke geben. Die anschliessende Diskussion über die gerechte Verteilung könnte manchen Parlamentarier vor Neid erblassen lassen.

Ungerechtigkeit schmerzt besonders, wenn wir uns selbst korrekt verhalten haben und trotzdem benachteiligt werden.

Ein Kind, dessen Leistungen nie gut genug erscheinen, kann daraus den Schluss ziehen, dass es sich noch mehr anstrengen muss. Aus dem Bemühen, alles richtig zu machen, entwickelt sich unter Umständen ein ausgeprägter Perfektionismus.

Die psychologische Forschung unterscheidet dabei zwischen hohen persönlichen Ansprüchen und einem belastenden Perfektionismus, bei dem Menschen ihren eigenen Wert stark von fehlerfreien Leistungen abhängig machen.

Perfektionismus kann verschiedene Ursachen haben. Er ist keineswegs ein zuverlässiger Hinweis auf frühe Ungerechtigkeit, wie es Bourbeaus Modell nahelegt.

Später begegnen wir solchen Menschen überall. Sie arbeiten gewissenhaft, übernehmen Verantwortung und haben hohe Ansprüche an sich selbst. Leider legen manche dieselben Massstäbe auch an andere an.

Das Leben hält sich bekanntlich nur selten an unsere Vorstellungen von Gerechtigkeit.

Da erhält der Kollege eine Beförderung, obwohl er sich weniger angestrengt hat. Ein anderer wird für einen Fehler gelobt, während die eigene sorgfältige Arbeit kaum Beachtung findet.

Wer erwartet, dass das Leben sämtliche Rechnungen gerecht begleicht, wird häufig enttäuscht werden.

Wir können uns für Gerechtigkeit einsetzen. Wir können Missstände ansprechen und uns gegen Benachteiligungen wehren. Aber wir werden damit leben müssen, dass manches ungeklärt bleibt.

Das ist schwer zu akzeptieren. Besonders für Menschen, die ihr Leben lang versucht haben, alles richtig zu machen.

Die Masken, die wir tragen

Lise Bourbeau beschreibt zu ihren fünf Verletzungen jeweils bestimmte Masken. Damit meint sie Verhaltensweisen, die uns vor weiteren schmerzhaften Erfahrungen schützen sollen.

Als wissenschaftlich festgelegte Kategorien taugen diese Masken nicht. Die Vorstellung eines Schutzmechanismus hat jedoch Berührungspunkte mit anerkannten psychologischen Konzepten.

Menschen können lernen, unangenehme Situationen zu vermeiden, Gefühle zu unterdrücken oder durch bestimmte Verhaltensweisen Anerkennung und Sicherheit zu gewinnen.

Solche Strategien entstehen durch ein Zusammenspiel von Erfahrungen, persönlichen Eigenschaften und Lebensumständen.

Ein Kind, das in einer unberechenbaren Umgebung aufwächst, lernt möglicherweise sehr früh, die Stimmung der Erwachsenen zu erkennen. Es merkt sofort, wann eine freundliche Bemerkung angebracht ist und wann man besser den Mund hält.

Diese Fähigkeit kann ihm helfen, schwierige Situationen zu überstehen.

Vierzig Jahre später sitzt derselbe Mensch vielleicht in einer Besprechung und versucht noch immer, jede Verstimmung zu verhindern. Er stimmt Dingen zu, die er eigentlich ablehnt, und übernimmt Aufgaben, die er längst nicht mehr bewältigen kann.

Er hat die Kunst entwickelt, es allen recht zu machen. Nur sich selbst hat er bei dieser Verteilung vergessen.

Natürlich ist das ein mögliches Beispiel, keine allgemeingültige Erklärung für übermässige Anpassung.

Manche unserer Schutzmechanismen sind wie alte Wintermäntel. Sie haben uns einmal vor bitterer Kälte bewahrt. Inzwischen ist Sommer geworden, aber wir tragen sie weiterhin.

Und wundern uns, weshalb uns das Leben so schwerfällt.

Müssen wir unseren Eltern verzeihen?

Bei der Beschäftigung mit seelischen Verletzungen taucht früher oder später die Frage nach den Eltern auf.

Viele unserer ersten Erfahrungen machen wir mit ihnen. Sie können uns Geborgenheit schenken, Mut machen und unser Selbstvertrauen stärken. Sie können uns aber auch verletzen.

Manchmal absichtlich. Häufig aus Unwissenheit, Überforderung oder weil sie selbst unter schwierigen Verhältnissen aufgewachsen sind.

Die Forschung zeigt, dass sich belastende Beziehungsmuster unter bestimmten Bedingungen über Generationen fortsetzen können. Aber auch hier gilt: Aus einem erhöhten Risiko folgt keine Unvermeidlichkeit.

Ein Vater, der selbst wenig Zuwendung erfahren hat, kann lernen, seinen Kindern liebevoll zu begegnen. Eine Mutter, die unter schwierigen Verhältnissen aufgewachsen ist, kann ihren Kindern jene Geborgenheit vermitteln, die sie selbst vermisst hat.

Menschen sind fähig, aus Erfahrungen zu lernen. Auch aus schlechten.

Diese Zusammenhänge zu erkennen, kann helfen, vergangene Ereignisse besser zu verstehen.

Verstehen bedeutet allerdings nicht, alles entschuldigen zu müssen.

Auch die Vorstellung, dass wir unseren Eltern zwingend verzeihen müssten, um seelisch gesund zu werden, ist wissenschaftlich nicht begründet.

Vergebung kann für manche Menschen hilfreich sein. Andere finden ihren Frieden, indem sie das Geschehene anerkennen, klare Grenzen ziehen und ihr Leben unabhängig von früheren Verletzungen gestalten.

Niemand ist verpflichtet, einem Menschen zu vergeben, der ihm schweres Unrecht angetan hat.

Manchmal besteht der erste wichtige Schritt darin, aufzuhören, sich selbst für das verantwortlich zu machen, was andere einem angetan haben.

Was wir heute noch verändern können

Unsere Vergangenheit lässt sich nicht umschreiben. Der verletzende Satz wurde ausgesprochen. Die Enttäuschung hat stattgefunden. Die verlorene Geborgenheit können wir nicht nachträglich herstellen.

Aber wir können lernen, anders mit diesen Erfahrungen umzugehen.

Dazu gehört zunächst, die eigenen Reaktionen wahrzunehmen.

Weshalb trifft mich eine harmlose Bemerkung so sehr? Warum fühle ich mich zurückgewiesen, obwohl mich niemand zurückgewiesen hat? Weshalb fällt es mir schwer, Hilfe anzunehmen? Und warum habe ich ständig das Gefühl, mich beweisen zu müssen?

Solche Fragen verlangen keine sofortigen Antworten.

Manchmal genügt es schon, eine vertraute Reaktion einen Augenblick lang zu hinterfragen.

Die Psychotherapie kennt verschiedene wissenschaftlich untersuchte Verfahren, die Menschen dabei helfen können, belastende Erinnerungen zu verarbeiten, ungünstige Denkmuster zu erkennen und neue Verhaltensweisen zu erproben.

Welche Behandlung sinnvoll ist, hängt von den Beschwerden und den persönlichen Umständen ab. Ein allgemeines Heilungsrezept für sämtliche seelischen Verletzungen existiert nicht.

Vor allem aber dürfen wir uns zugestehen, dass wir uns verändern können.

Ein Mensch, der als Kind wenig Anerkennung erfahren hat, kann als Erwachsener lernen, sich selbst mit mehr Wohlwollen zu begegnen. Wer wiederholt enttäuscht wurde, kann neue Beziehungen aufbauen. Und wer sein Leben lang versucht hat, perfekt zu sein, darf entdecken, dass man auch mit Fehlern ein durchaus anständiger Mensch bleibt.

Das alles braucht Zeit. Alte Gewohnheiten verschwinden selten auf einen freundlichen Zuruf.

Die Kunst, mit seinen Narben zu leben

In unserer Gesellschaft wird viel über Selbstoptimierung gesprochen. Wir sollen gelassener, erfolgreicher, achtsamer und zufriedener werden. Am besten alles gleichzeitig.

Auch die seelischen Verletzungen sollen möglichst rasch geheilt werden. Es gibt Bücher, Seminare und Kurse, die dafür erstaunlich einfache Lösungen versprechen.

Das wirkliche Leben ist etwas widerspenstiger.

Manche Verletzungen verlieren mit den Jahren ihre Bedeutung. Andere werden uns weiterhin gelegentlich schmerzen. Das bedeutet noch lange nicht, dass wir an unserer Entwicklung gescheitert sind.

Wer eine Narbe am Knie trägt, muss deswegen nicht auf das Wandern verzichten. Und wer eine seelische Narbe mit sich herumträgt, kann trotzdem lieben, lachen, Freundschaften pflegen und ein erfülltes Leben führen.

Vielleicht besteht ein wesentlicher Teil der Lebenskunst darin, mit der eigenen Geschichte Frieden zu schliessen. Mit den schönen Erinnerungen ebenso wie mit jenen, die wir uns lieber erspart hätten.

Wir müssen unsere Vergangenheit weder schönreden noch ständig mit uns herumschleppen. Sie gehört zu uns, aber sie braucht nicht über jeden unserer nächsten Schritte zu bestimmen.

Und die alten Schutzmasken?

Die dürfen wir gelegentlich ablegen. Anfangs fühlt sich das möglicherweise ungewohnt an. Schliesslich haben wir uns jahrzehntelang hinter ihnen eingerichtet.

Doch irgendwann machen wir eine überraschende Entdeckung: Die Menschen können uns auch dann mögen, wenn wir einen Fehler machen, eine Schwäche zeigen oder einmal entschieden Nein sagen.

Und falls das nicht allen gefällt, werden wir auch damit leben können.

Wir sind schliesslich keine sieben Jahre mehr alt.

 

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Ein älterer Mann mit grauem Haar und Brille sitzt in einem Holzstuhl, trägt einen dunklen Pullover, hält ein aufgeschlagenes Buch in der Hand und blickt von den Seiten auf. Der Hintergrund ist eine schlichte, helle Wand.

Ich bin Hanspeter Gautschin, Erzähler und Autor von BodeständiX – Geschichten, die bleiben.

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