Please Enable JavaScript in your Browser to visit this site

In roter Schrift steht "BodeständiX" über dem schwarzen Text "Der Autorenblog von Hanspeter Gautschin" auf weißem Hintergrund.
Wenn zwei Menschen einander zur Seele führen
Ein Mann und eine Frau – zwei Menschen – spazieren bei Sonnenuntergang an einem Bach entlang und teilen sich einen Schal über ihren Köpfen. Die Landschaft ist in warmes, goldenes Licht getaucht, mit sanften Hügeln, Wildblumen und zarten Wolken am Himmel, als spiegele sie die Wärme ihrer Seele füreinander wider.

In den 1990er-Jahren war ich eine längere Zeit schamanisch unterwegs. Es war eine Zeit des Suchens. Vieles, was heute als Spiritualität vermarktet wird, hatte damals noch etwas Ungeordnetes, Wildes und Geheimnisvolles. Wir beschäftigten uns mit alten Überlieferungen, mit Ritualen, mit der Kraft der Natur und mit der Vorstellung, dass der Mensch weit mehr ist als das, was er von sich erzählen kann.

Manches davon sehe ich heute mit Abstand. Einiges ist mir fremd geworden, anderes begleitet mich bis heute. Dazu gehört ein Text, über den wir damals gesprochen haben:

Die höchste Berufung einer Frau ist es, einen Mann zu seiner Seele zu führen, um ihn mit der Quelle zu vereinen.
Die höchste Berufung des Mannes ist es, die Frau zu beschützen, damit sie unversehrt auf der Erde wandeln kann.

Damals berührten mich diese Worte. Sie klangen archaisch, als kämen sie aus einer Zeit, in der die Menschen noch wussten, weshalb sie als Mann oder Frau auf dieser Erde lebten. Der Text versprach eine Ordnung: Die Frau hütet den Weg zur Seele, der Mann schützt das Leben auf der Erde.

Heute lese ich diese Zeilen mit anderen Augen.

Ein Text aus einer anderen Zeit

An der klaren Rollenverteilung stosse ich mich inzwischen. Weshalb sollte allein die Frau den Mann zu seiner Seele führen? Und weshalb sollte allein der Mann die Frau beschützen?

Frauen besitzen Kraft, Mut und einen ausgeprägten Schutzwillen. Männer kennen seelische Tiefe, Mitgefühl und eine feine Wahrnehmung. Das Leben hält sich selten an jene sauber gezogenen Grenzen, mit denen wir Menschen die Welt übersichtlich machen wollen.

Auch das Wort «Berufung» verlangt Vorsicht. Es kann einem Menschen Sinn geben. Es kann ihn ebenso in eine Aufgabe drängen, die andere für ihn bestimmt haben. Keine Frau ist auf der Welt, um einen Mann zu retten. Kein Mann muss sein ganzes Leben lang der starke Beschützer sein, der seine eigene Angst verbirgt und jede Last allein trägt.

Trotzdem möchte ich diesen alten Text nicht achtlos weglegen. Unter seiner zeitgebundenen Sprache liegt ein Gedanke, der mich noch immer berührt.

Menschen können einander helfen, ihre Seele nicht zu verlieren.

Die Seele geht selten auf einmal verloren

Wenn von der Seele die Rede ist, denken manche gleich an Religion oder Esoterik. Für mich bezeichnet dieses Wort etwas sehr Menschliches. Die Seele ist jener Teil in uns, der weiss, was wahr und wesentlich ist. Dort wohnen unser Gewissen, unsere Sehnsucht, unsere Verletzlichkeit und die Erinnerung an den Menschen, der wir einmal werden wollten.

Der Kontakt zu diesem inneren Ort kann verloren gehen. Meist geschieht das unauffällig.

Ein Mensch arbeitet, erfüllt seine Pflichten und trägt Verantwortung. Er lernt, Erwartungen zu entsprechen. Er wird gelobt für das, was er leistet, aushält und zustande bringt. Mit der Zeit weiss er genau, was von ihm verlangt wird. Nur die Antwort auf eine einfache Frage fällt ihm immer schwerer: Was brauche ich eigentlich selbst?

Viele Männer meiner Generation sind mit der Vorstellung aufgewachsen, sie müssten sich beherrschen. Schmerz wurde ausgehalten, Angst verschwiegen, Trauer hinuntergeschluckt. Gefühle waren etwas für Momente, in denen einen niemand sah. Wer zu empfindsam war, galt schnell als schwach.

Frauen erlebten ihre eigene Form der Entfremdung. Von ihnen wurde erwartet, dass sie Rücksicht nahmen, Beziehungen zusammenhielten und sich um das Wohlergehen anderer kümmerten. Manche verloren dabei das Gespür für ihre eigenen Wünsche. Sie konnten die Stimmung in einem Raum genau wahrnehmen, doch ihre eigene innere Stimme hörten sie immer weniger.

So entfernen sich Menschen von ihrer Seele: indem sie jahrelang funktionieren.

Der Mensch, vor dem wir keine Rolle spielen müssen

Manchmal tritt jemand in unser Leben, vor dem dieses Funktionieren mühsam wird. Ein Mensch hört auch das, was wir verschweigen. Er bemerkt, wenn unser Lachen nur die Oberfläche erreicht. Er kennt unsere Ausflüchte und lässt sich von unseren eingeübten Antworten kaum täuschen.

Ein solcher Mensch führt uns zur Seele.

Das geschieht selten mit grossen Lehren. Oft genügt eine Frage zur richtigen Zeit. Ein Blick, der einen Augenblick länger bleibt. Eine Berührung. Oder der einfache Satz: «Du musst mir nichts vormachen.»

Wer einen anderen zu seiner Seele führt, erklärt ihm nicht, wer er sein soll. Er hilft ihm, wieder zu hören, wer er längst ist.

Darin lag wohl die Wahrheit, die wir damals in dem schamanischen Text erkannten. Die Frau stand für eine Kraft, die nach innen führt. Sie erinnerte den Mann daran, dass sein Wert tiefer liegt als seine Leistung. Dass in ihm etwas lebt, das weder erkämpft noch bewiesen werden muss.

Diese Kraft gehört keinem Geschlecht. Jeder Mensch kann für einen anderen zum Wegweiser werden. Eine Frau für einen Mann, ein Mann für eine Frau. Ebenso zwischen Freunden, Geschwistern, Eltern und Kindern. Überall dort, wo ein Mensch dem anderen hilft, wieder mit sich selbst in Berührung zu kommen, öffnet sich ein Weg zur Seele.

Beschützen heisst nicht festhalten

Auch das Bild des beschützenden Mannes verdient einen zweiten Blick. Es erzählt von einer Kraft, die sich nach aussen richtet. Jemand stellt sich vor das, was verletzlich ist. Er schafft Sicherheit, übernimmt Verantwortung und hält den Rücken frei.

Schutz kann jedoch leicht in Kontrolle übergehen. Wer sagt: «Ich will doch nur dein Bestes», meint bisweilen: «Ich möchte bestimmen, was für dich das Beste ist.» Dann wird aus Fürsorge eine unsichtbare Leine.

Wahrer Schutz lässt dem anderen seine Freiheit.

Einen Menschen zu beschützen bedeutet, seine Würde zu achten. Seine Schwächen werden nicht gegen ihn verwendet. Vertrauliches bleibt vertraulich. In einer Auseinandersetzung zielt man nicht auf jene Stelle, von der man weiss, dass sie besonders weh tut. Man steht zu einem Menschen, auch wenn es unbequem wird. Und wenn Gefahr droht, schaut man nicht weg.

Bisweilen besteht Schutz auch darin, den anderen ziehen zu lassen. Man hält ihm die Tür offen, ohne ihn hinauszustossen. Man bleibt erreichbar, ohne ihn zurückzurufen. Liebe besitzt keine Eigentumsurkunde.

Zwei Kräfte, die jeder Mensch braucht

Die beiden Bilder des alten Textes lassen sich deshalb weiter fassen. In jedem Menschen wirken eine Kraft, die zur Seele führt, und eine Kraft, die das Leben schützt. Die eine hört, fühlt und verbindet. Die andere handelt, begrenzt und schafft Sicherheit.

Eine Beziehung braucht beides.

Seelische Nähe allein trägt schlecht durch den Alltag, wenn Verlässlichkeit fehlt. Schutz ohne Nähe wird hart und eng. Wer nur umsorgt, kann den anderen erdrücken. Wer nur versteht, bleibt womöglich daneben sitzen, während längst eine mutige Tat nötig wäre.

Menschen ergänzen einander jedoch nicht wie zwei halbe Gefässe, die erst zusammen vollständig werden. Jeder bringt seine eigene Geschichte, seine Fähigkeiten und seine Wunden mit. Liebe macht aus zwei Hälften kein Ganzes. Sie bringt zwei Menschen zusammen, die einander auf dem Weg zu sich selbst begleiten.

Dabei wechseln die Rollen. Heute braucht der eine Halt, morgen der andere. Einmal führt sie ihn aus seiner inneren Verlorenheit zurück. Ein anderes Mal schützt er den Raum, in dem sie ihre Kraft wiederfinden kann. Später ist es genau umgekehrt.

Eine lebendige Beziehung kennt keine für immer zugeteilten Plätze.

Die Quelle

Im alten Text soll die Frau den Mann mit der Quelle vereinen. Dieses Wort hat für mich seinen Klang behalten.

Was die Quelle ist, muss jeder selbst herausfinden. Der eine nennt sie Gott. Für einen anderen ist sie die Natur, das Gewissen oder eine Kraft, die allem Lebendigen innewohnt. Manche begegnen ihr im Gebet, andere im Wald, in der Musik, in der Liebe oder in einem Augenblick, in dem das Leben plötzlich durchsichtig wird.

Die Quelle liegt dort, wo wir uns nicht länger etwas vormachen. Wo wir erkennen, was uns trägt, was uns fehlt und wofür wir leben möchten.

Kein Mensch kann einen anderen dauerhaft mit dieser Quelle verbinden. Er kann ihn jedoch bis an ihr Ufer begleiten. Trinken muss jeder selbst.

Die Aufgabe der Liebe

Nach all den Jahren würde ich den alten schamanischen Text anders formulieren. Die Aufgabe wäre nicht mehr fest an Mann und Frau gebunden. Auch von einer «höchsten Berufung» würde ich kaum noch sprechen. Das klingt mir heute zu gross und zu endgültig.

Doch der Kern ist geblieben:

Die Aufgabe der Liebe ist es,
einen Menschen zu seiner Seele zu führen,
ohne seinen Weg für ihn zu bestimmen.

Sie schützt das Kostbare in ihm,
ohne ihn festzuhalten,
damit er aufrecht und unversehrt
durch diese Welt gehen kann.

Vielleicht ist das bereits sehr viel, was zwei Menschen füreinander tun können: Sie erinnern einander daran, wer sie im Innersten sind. Sie behüten, was im anderen empfindsam und wahr geblieben ist. Und sie geben einander genügend Freiheit, damit jeder seinen eigenen Weg gehen kann.

Wer einen Menschen liebt, muss ihn weder retten noch vollenden. Es genügt, ihm beizustehen, wenn er sich selbst verliert – und ihn wiederzuerkennen, bevor er sich selbst erkennt.

 

0 Kommentare

Über

Ein älterer Mann mit grauem Haar und Brille sitzt in einem Holzstuhl, trägt einen dunklen Pullover, hält ein aufgeschlagenes Buch in der Hand und blickt von den Seiten auf. Der Hintergrund ist eine schlichte, helle Wand.

Ich bin Hanspeter Gautschin, Erzähler und Autor von BodeständiX – Geschichten, die bleiben.

FOLGEN

NEWSLETTER