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Der Entdecker der Dichter
Ein bärtiger Mann mit Brille, der an Joseph Victor Widmann erinnert, schreibt an einem Schreibtisch, umgeben von Papieren und Büchern, während durch das Fenster hinter ihm eine Stadtlandschaft und ein Kirchturm zu sehen sind.

Am 29. April 1880 erfuhr Joseph Victor Widmann, dass die Stadt Bern seine Dienste nicht länger benötigte.

Zwölf Jahre lang hatte er die Einwohner-Mädchenschule geleitet. Die Schülerinnen mochten ihn, die Lehrkräfte schätzten ihn, und niemand warf ihm vor, seine Arbeit schlecht gemacht zu haben. Widmann war gebildet, lebhaft und voller Einfälle. Er konnte jungen Menschen offenbar das Gefühl geben, dass Lernen etwas mit dem Leben zu tun hatte. Das ist bei einem Schuldirektor ein seltenes Talent und bei einer Schulbehörde nicht immer ein Vorteil.

Widmann musste gehen.

Der Grund lag in zwei Dichtungen, die er veröffentlicht hatte: «Buddha» und «Moses und Zipora». Darin hatte er religiöse Stoffe auf eine Weise behandelt, die einigen Herren zu frei erschien. Die zuständigen Behörden erkannten in seinen Werken eine «zersetzende Weltanschauung». Ein Mann, der die Jugend unterrichtete, sollte nach ihrer Vorstellung feste Antworten vermitteln. Widmann aber stellte Fragen.

So verlor er seine Stelle. Er war achtunddreissig Jahre alt, hatte eine Frau, sechs Kinder und eine Zukunft, die plötzlich auf keinem Stundenplan mehr stand.

Es war eine Niederlage. Doch sie führte ihn an jenen Ort, an dem seine eigentliche Begabung erst ihre volle Wirkung entfalten sollte.

Ein ungewöhnliches Pfarrhaus

Joseph Victor Widmann wurde am 20. Februar 1842 in Nennowitz bei Brünn geboren. Seine Herkunft war so ungewöhnlich wie manches, was später in seinem Leben geschah.

Sein Vater Joseph Otto Widmann war zunächst Zisterziensermönch im österreichischen Stift Heiligenkreuz gewesen. Er verliess das Kloster, trat zum reformierten Glauben über und wurde schliesslich Stadtpfarrer in Liestal. Dort, im Pfarrhaus an der heutigen Kanonengasse, verbrachte Joseph Victor seine Kindheit und Jugend.

Man darf annehmen, dass in diesem Haus nicht nur gebetet, sondern auch gestritten und nachgedacht wurde. Der Vater hatte mit seinem eigenen Leben gezeigt, dass Überzeugungen nicht immer dort bleiben, wo man sie in jungen Jahren abgelegt hat.

Joseph Victor besuchte die Schulen in Liestal und Basel. Am Basler Pädagogium gehörte der Germanist Wilhelm Wackernagel (1806–1869) zu seinen Lehrern. Wackernagel war einer der angesehensten Sprach- und Literaturwissenschaftler seiner Zeit. Er dürfte früh bemerkt haben, dass sein Schüler besser mit Worten umgehen konnte als mit vorgefertigten Wahrheiten.

Im Liestaler Pfarrhaus ging noch ein anderer junger Mann ein und aus: Carl Spitteler (1845–1924). Er war drei Jahre jünger als Widmann und sollte 1919 als erster gebürtiger Schweizer den Literaturnobelpreis erhalten.

Damals wusste das freilich noch niemand. Damals waren sie zwei junge Männer in Liestal, die von der Literatur sprachen und vermutlich mehr Pläne als Geld besassen. Zwischen ihnen entstand eine Freundschaft, die ein Leben lang hielt. Widmann wurde für Spitteler weit mehr als ein Jugendfreund. Er las seine Arbeiten, bestärkte ihn in Zweifeln und half ihm später, den Weg in die Öffentlichkeit zu finden.

Noch war Spitteler kein Nobelpreisträger. Er war ein unbekannter Autor, der jemanden brauchte, der an ihn glaubte.

Widmann war dieser Jemand.

Die falsche Kanzel

Auf Wunsch seines Vaters studierte Widmann von 1862 bis 1865 evangelische Theologie und Philosophie in Heidelberg und Jena. Zum Pfarrer eignete er sich jedoch nur bedingt. Er konnte reden und schreiben, er dachte über Gott und die Welt nach, und an Mitgefühl fehlte es ihm gewiss nicht. Nur zum Verkünden fertiger Glaubenssätze verspürte er wenig Neigung.

Seine Kanzel sollte später der Schreibtisch werden.

Im Jahr 1865 heiratete er Sophie Brodbeck, geborene Ernst. Sie war sechs Jahre älter als er, verwitwet und eine Tante Carl Spittelers. Zwei Kinder brachte sie in die Ehe mit, vier weitere kamen hinzu. Widmann hatte damit früh eine grosse Familie zu ernähren.

1868 wurde er Direktor der Berner Einwohner-Mädchenschule. Er war erst sechsundzwanzig Jahre alt. Während zwölf Jahren leitete er die Schule mit Erfolg. Seine Beliebtheit half ihm jedoch wenig, als seine Dichtungen das Missfallen der Behörden erregten.

Die Männer, die ihn absetzten, glaubten vermutlich, damit ein Problem gelöst zu haben. In Wirklichkeit hatten sie der Schweizer Literatur einen ihrer einflussreichsten Förderer beschert.

Ein neuer Platz am Schreibtisch

Nach seiner Absetzung wurde Widmann Feuilleton-Redaktor bei der Berner Tageszeitung «Der Bund». Dort blieb er von 1880 bis zu seinem Tod.

Das Feuilleton war damals mehr als eine Beilage für Buchbesprechungen und Theaterberichte. Zeitungen entschieden mit, welche Schriftsteller wahrgenommen wurden und welche im Dunkeln blieben. Ein Urteil aus berufener Feder konnte einem unbekannten Autor eine Tür öffnen. Ein achtloser Verriss konnte sie für Jahre zuschlagen.

Widmann besass Macht. Doch er gebrauchte sie gern, um anderen Mut zu machen.

Er war selbst Schriftsteller und kannte die Einsamkeit des Schreibens. Er wusste, wie viel Hoffnung in einem Manuskript stecken konnte und wie leicht diese Hoffnung mit einigen herablassenden Sätzen zu zerstören war. Seine Kritik war deutlich, aber sie suchte nach dem Wert eines Werkes. Widmann wollte Talente entdecken, bevor alle anderen sie bereits entdeckt hatten.

Das war seine besondere Begabung: Er erkannte den Dichter, solange die Welt in ihm nur einen unbekannten Menschen sah.

Die junge Frau aus Zürich

Eine dieser Unbekannten war Ricarda Huch (1864–1947). Als eine der ersten Frauen im deutschsprachigen Raum studierte sie Geschichte und promovierte an der Universität Zürich. Sie schrieb Gedichte, Erzählungen und historische Werke, doch zu Beginn ihrer Laufbahn war ihr Name kaum jemandem bekannt.

Widmann las ihre Arbeiten und erkannte ihre Begabung. Er veröffentlichte ihre Gedichte im «Bund» und trug dazu bei, ihr den Weg in die literarische Öffentlichkeit zu öffnen.

Ricarda Huch wurde später zu einer der bedeutendsten deutschen Schriftstellerinnen ihrer Zeit. Im nationalsozialistischen Deutschland bewahrte sie ihre Unabhängigkeit und trat 1933 aus Protest aus der Preussischen Akademie der Künste aus.

Auch Jahrzehnte später erinnerte sie sich an Widmann. Für sie war er ein vorbildlicher Journalist: weltoffen, gebildet, witzig und fähig, die Ereignisse des Tages mit grösseren Fragen zu verbinden. Sie hielt ihn sogar für den ursprünglicheren Dichter als Carl Spitteler, den Widmann selbst stets über sich gestellt hatte.

Das war bezeichnend für ihn. Er besass Ehrgeiz, aber offenbar wenig Neid. Anderen den Weg zu bereiten, empfand er nicht als Verringerung der eigenen Bedeutung.

Ein stiller Angestellter aus Biel

Noch deutlicher zeigt sich Widmanns Gespür bei Robert Walser (1878–1956).

Walser arbeitete als Bankangestellter, Bürogehilfe und Diener. Er wechselte häufig die Stellen und schrieb nebenbei kurze Prosastücke und Gedichte. Äusserlich deutete wenig darauf hin, dass dieser unstete junge Mann einmal zu den bedeutendsten Schweizer Schriftstellern der Moderne gezählt werden würde.

Widmann nahm seine Texte ernst. Er veröffentlichte erste Arbeiten Walsers im «Bund» und machte die Leser auf den unbekannten Autor aufmerksam.

Walser vergass ihm das nicht. Widmanns lebhafte und offene Art habe ihm sogleich Vertrauen eingeflösst, schrieb er später. Von Menschen, die andere zu bezaubern vermöchten, gingen Ermunterung und Ermutigung aus.

Ermunterung und Ermutigung: Diese beiden Wörter könnten über Widmanns Leben stehen.

Robert Walser brauchte beides. Sein Ruhm kam spät. Viele Jahre seines Lebens verbrachte er in psychiatrischen Anstalten, zuletzt in Herisau. Als er am Weihnachtstag 1956 bei einem Spaziergang im Schnee starb, war er noch immer nur einem kleinen Kreis bekannt. Heute zählt man ihn zu den grossen Autoren der deutschsprachigen Literatur.

Widmann hatte das Talent gesehen, als es erst in einigen schmalen Texten aufleuchtete.

Der Freund des späteren Nobelpreisträgers

Am längsten und beharrlichsten förderte Widmann seinen Jugendfreund Carl Spitteler.

Spittelers Weg zur Anerkennung war beschwerlich. Sein Versepos «Prometheus und Epimetheus» erschien 1881 unter dem Namen Carl Felix Tandem und fand wenig Beachtung. Widmann liess sich davon nicht beirren. Er besprach das Werk, setzte sich für seinen Freund ein und ermunterte ihn, weiterzuschreiben.

Spitteler war nicht immer einfach. Er war empfindlich, stolz und von seiner dichterischen Berufung überzeugt. Widmann hielt dennoch zu ihm. Er öffnete Türen, vermittelte Kontakte und sorgte dafür, dass Spittelers Werk nicht völlig übersehen wurde.

1919 erhielt Carl Spitteler den Nobelpreis für Literatur. Widmann erlebte diesen Triumph nicht mehr. Doch ein Teil des Weges, der Spitteler dorthin führte, hatte im Liestaler Pfarrhaus begonnen – in den Gesprächen zweier junger Männer, von denen der eine berühmt wurde und der andere ihm half, berühmt zu werden.

Spitteler sagte über seinen Freund:

«Nie habe ich einen Menschen gekannt, der so wie er gleich bei seinem Erscheinen rundumher Freude weckte und den Lebensmut erfrischte.»

Es ist ein bemerkenswerter Satz. Talent kann beeindrucken, Bildung kann Respekt einflössen. Den Lebensmut anderer zu erfrischen, ist eine seltenere Gabe.

Bekannte Namen am Weg

Widmann war mit zahlreichen bedeutenden Persönlichkeiten seiner Zeit verbunden.

Mit dem Komponisten Johannes Brahms (1833–1897) unternahm er ab 1874 mehrere Reisen nach Italien. Brahms gehörte bereits damals zu den berühmtesten Musikern Europas. Auf den Reisen begegneten sich zwei sehr unterschiedliche Temperamente: hier der oft verschlossene und zuweilen schroffe Komponist, dort der gesellige, neugierige und gesprächige Schriftsteller. Ihre Freundschaft hielt diese Gegensätze aus.

Widmann stand auch mit Gottfried Keller (1819–1890) in Verbindung. Keller, der Verfasser des «Grünen Heinrich» und der «Leute von Seldwyla», lobte Widmanns Italienbuch und bewunderte dessen Humor und erzählerischen Einfallsreichtum.

Mit Theodor Fontane (1819–1898) korrespondierte Widmann ebenfalls. Fontane wurde mit Romanen wie «Effi Briest» zu einem der wichtigsten Vertreter des poetischen Realismus.

Sogar Friedrich Nietzsche (1844–1900) geriet früh in Widmanns Blick. Als dessen Buch «Jenseits von Gut und Böse» 1886 erschien, war Nietzsche noch weit davon entfernt, weltberühmt zu sein. Widmann gehörte zu den ersten Kritikern, die das Werk ausführlich besprachen. Nietzsche fühlte sich zwar teilweise missverstanden. Doch Widmann hatte wiederum erkannt, dass hier eine ungewöhnliche Stimme sprach, an der man nicht achtlos vorbeigehen durfte.

Spitteler, Huch, Walser, Brahms, Keller, Fontane, Nietzsche: Ihre Namen sind geblieben. Widmanns Name ist verblasst.

Dabei war er es, der einige von ihnen ermutigte, andere begleitete und manche früher ernst nahm als die übrige Welt.

Mehr gelobt als gelesen

Joseph Victor Widmann war zu Lebzeiten keineswegs nur der Förderer anderer. Er schrieb Theaterstücke, Erzählungen, Gedichte, Versepen und Reisebücher. Seine Werke wurden beachtet und ausgezeichnet. 1905 erhielt er den Bauernfeld-Preis, 1909 eine Ehrengabe der Deutschen Schillerstiftung.

Zu seinem siebzigsten Geburtstag wollte man ihn sogar für den Nobelpreis vorschlagen. Dazu kam es nicht mehr.

Am 6. November 1911 starb Widmann in Bern, wenige Monate vor seinem siebzigsten Geburtstag. Seine Frau Sophie überlebte ihn um nur neunzehn Tage. Beide wurden auf dem Schosshaldenfriedhof unter einem Mammutbaum beigesetzt.

Die Nachrufe würdigten einen der bedeutendsten Schweizer Schriftsteller und Journalisten seiner Zeit. Zugleich hiess es, er gehöre zu jenen Dichtern, die mehr gelobt als gelesen würden.

In Bern wurde 1914 zu seinem Andenken ein Brunnen errichtet. Liestal eröffnete 1946 ein Dichtermuseum, das auch seinem Werk gewidmet war. An seinem früheren Wohnhaus in der Kanonengasse erinnert eine Inschrift daran, dass dort der Dichter seine Jugendzeit verbrachte. Auch eine Strasse und ein Brunnen tragen in Liestal seinen Namen.

Doch Denkmäler besitzen eine eigentümliche Schwäche: Sie bewahren Namen und lassen die Menschen dahinter dennoch verschwinden.

Was von einem Menschen bleibt

Wer heute durch Liestal geht und den Namen Widmann liest, wird kaum noch wissen, welche Bedeutung er einst hatte. Auch seine Bücher sind aus den meisten Regalen verschwunden. Man kennt Robert Walser, liest Ricarda Huch und ehrt Carl Spitteler als Nobelpreisträger. Man hört die Musik von Johannes Brahms und nennt Nietzsche einen der einflussreichsten Denker der Moderne.

Joseph Victor Widmann steht im Schatten dieser Namen.

Doch dieser Schatten erzählt etwas Wesentliches über ihn. Widmann musste nicht immer selbst im hellsten Licht stehen. Er besass die Grösse, das Licht in anderen zu erkennen.

Die Berner Behörden hatten 1880 geglaubt, einen gefährlichen Schuldirektor loszuwerden. Sie gaben ihm damit jene Aufgabe, für die er wie geschaffen war. Am Schreibtisch des «Bund» wurde er zum Leser der Unbekannten, zum Ermutiger der Zweifelnden und zum Fürsprecher der Übersehenen.

Sein eigener Ruhm ist vergangen. Einige der Dichter, denen er den Weg bereitete, sind geblieben.

Und manchmal liegt die Bedeutung eines Menschen gerade darin, dass ohne ihn andere nicht geworden wären, was sie später waren.

 

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Ein älterer Mann mit grauem Haar und Brille sitzt in einem Holzstuhl, trägt einen dunklen Pullover, hält ein aufgeschlagenes Buch in der Hand und blickt von den Seiten auf. Der Hintergrund ist eine schlichte, helle Wand.

Ich bin Hanspeter Gautschin, Erzähler und Autor von BodeständiX – Geschichten, die bleiben.

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