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In roter Schrift steht "BodeständiX" über dem schwarzen Text "Der Autorenblog von Hanspeter Gautschin" auf weißem Hintergrund.
Der Mann, der dem Stein eine Seele gab
Ein älterer Mann mit grauen Haaren und einer Pfeife formt eine detailreiche männliche Figur – einen Mann, der aus Stein geformt ist –, während sich eine geflügelte Gestalt, die an Seele erinnert, über die Schulter der Statue beugt; im Hintergrund stehen unfertige Skulpturen.

Am 3. Mai 1931 hatte sich Liestal herausgeputzt.

Vertreter des Bundes, der Baselbieter Regierung und der Stadt waren gekommen. Auch Anna und Marie-Adèle Spitteler, die beiden Töchter des Dichters, befanden sich unter den Gästen. Im Park neben dem Berri-Gut wartete ein grosses, mit einer Schweizerfahne verhülltes Denkmal auf seine Enthüllung.

Es sollte an Carl Spitteler (1845–1924) erinnern, den in Liestal geborenen Dichter und ersten Schweizer Literaturnobelpreisträger.

Nur einer fehlte: August Suter, der Schöpfer des Denkmals.

Eine Erkrankung hinderte den Bildhauer daran, an der Feier teilzunehmen. Fünf Jahre lang hatte er an diesem Werk gearbeitet. Nun stand halb Liestal davor – und er selber musste fernbleiben.

Dann fiel die Fahne.

Zum Vorschein kam kein Dichter in feierlicher Haltung. Da stand kein steinerner Carl Spitteler mit Buch und Lorbeerkranz. August Suter hatte etwas anderes geschaffen: einen mächtigen Prometheus, der sich über eine zarte Frauengestalt beugt.

Der Titan und die Seele.

Mancher dürfte an diesem Tag genauer hingeschaut haben. Und sich gefragt haben, was das mit Carl Spitteler zu tun hatte.

Die Antwort lag in einem Buch.

Der Buchbinder, der keiner bleiben wollte

August Suter wurde am 19. Juli 1887 in Basel geboren. Sein Vater Johannes war Buchbindermeister und stammte aus Eptingen, seine Mutter Katharina war eine geborene Schaub. In der Familie wuchsen elf Kinder auf; August war das sechste.

Für den Sohn war zunächst derselbe Weg vorgesehen wie für den Vater. Er trat bei ihm in die Lehre und lernte, wie aus Papier, Faden, Leim und Leder ein Buch entsteht. Es war eine Arbeit, die Geduld verlangte, Genauigkeit und eine sichere Hand.

August besass diese Hand. Nur zog es sie bald zu anderem Material.

Neben der Buchbinderlehre besuchte er an der Allgemeinen Gewerbeschule Basel Zeichen-, Mal- und Modellierkurse. Abends, wenn andere nach der Arbeit ihren Feierabend genossen, zeichnete und formte er. 1908 nahm er Malunterricht bei Hermann Meyer.

Anfangs schien es, als könnte aus ihm ein Maler werden. Doch die Fläche genügte ihm nicht. Er wollte eine Gestalt von allen Seiten sehen, ihre Haltung erfassen, ihr Gewicht spüren. Aus einem gezeichneten Körper sollte ein wirklicher werden – einer, um den man herumgehen konnte.

Suter wechselte zur Bildhauerei. Von 1909 bis 1910 arbeitete er beim Basler Baubildhauer Charles Gutknecht. Dort lernte er den Stein kennen.

Stein ist ein strenger Lehrmeister. Auf dem Papier lässt sich ein misslungener Strich überzeichnen. Ein falscher Schlag mit dem Meissel bleibt.

Paris

Im Herbst 1910 ging August Suter nach Paris.

Er besuchte zunächst die Académie Julian, löste sich jedoch bald vom geregelten Unterricht und arbeitete selbstständig. Seine Skizzenbücher füllten sich mit Aktstudien. Im Louvre betrachtete er die griechischen Plastiken. In den Ateliers und Ausstellungen begegnete er den neuen Strömungen seiner Zeit.

Paris war damals ein Ort, an dem die Künste durcheinanderwirbelten. Expressionisten, Kubisten und Futuristen stellten die vertrauten Formen infrage. Der französische Bildhauer Auguste Rodin (1840–1917) hatte gezeigt, wie Stein und Bronze Bewegung, Leidenschaft und seelische Unruhe ausdrücken konnten.

Suter schaute genau hin. Er liess sich anregen, doch er rannte keiner Mode hinterher.

Besonders wichtig wurde für ihn die Begegnung mit dem Schweizer Bildhauer Auguste de Niederhäusern, genannt Rodo (1863–1913). Der in Paris tätige Künstler öffnete ihm sein Atelier, betrachtete seine Arbeiten und korrigierte sie. Er bestärkte den jungen Basler darin, sich ganz der Bildhauerei zuzuwenden.

Suter lernte in Paris auch Menschen kennen, deren Namen später weit über die Stadt hinaus bekannt wurden. Zu ihnen gehörte der Schweizer Schriftsteller Blaise Cendrars (1887–1961), einer der literarischen Erneuerer seiner Zeit.

Zu Suters Freundeskreis zählte ebenfalls der englische Maler und Schriftsteller Frank Budgen (1882–1971), der später vor allem durch seine Erinnerungen an James Joyce bekannt wurde. Budgen sass und stand Suter wiederholt Modell. Seine Gesichtszüge sollten eines Tages auch in Liestal zu sehen sein.

Was ein Gesicht erzählt

Als 1914 der Erste Weltkrieg begann, kehrte Suter in die Schweiz zurück. Er lebte zunächst in Basel, ab 1916 in Zollikon. Er schuf Büsten, Brunnenfiguren und Bauplastiken. Für das Zürcher Amtshaus an der Uraniastrasse gestaltete er sechs Figuren, die sich in die Architektur einfügten.

Im Jahr 1917 heiratete er Helena Eva Juliana Moser, eine Sängerin und Tochter des bedeutenden Schweizer Architekten Karl Moser (1860–1936).

Auch der irische Schriftsteller James Joyce (1882–1941) gehörte in jenen Zürcher Jahren zu Suters Bekanntenkreis. Joyce lebte während des Krieges im Schweizer Exil und arbeitete an seinem Roman «Ulysses», einem der einflussreichsten Werke der literarischen Moderne.

Suter fertigte eine Tonbüste von Joyce an. Sie blieb ungebrannt und ging später während des Zweiten Weltkriegs verloren.

Es war mehr als eine zufällige Bekanntschaft zwischen zwei Künstlern. Beide suchten hinter dem sichtbaren Menschen nach etwas, das schwer zu greifen war. Joyce tat es mit Wörtern, Suter mit Ton, Stein und Bronze.

Wer vor Suter Modell sass, musste nicht schön sein. Er musste etwas zu erzählen haben.

Suter beschönigte die Menschen nicht. Er suchte in einem Gesicht nach dem gelebten Leben: nach Entschlossenheit, Müdigkeit, Güte, Stolz oder Enttäuschung. Er arbeitete ruhig und wartete, bis unter den äusseren Zügen der innere Mensch hervortrat.

Der Auftrag aus Liestal

1921 kehrte Suter nach Paris zurück. Dort fand er zu jener ruhigen und ausgewogenen Formensprache, die sein Werk prägen sollte. Seine Figuren waren kräftig, ohne schwerfällig zu wirken. Sie besassen Spannung, ohne sich in grossen Gebärden zu verlieren.

Dann erreichte ihn ein Auftrag aus der Heimat.

Carl Spitteler war 1924 gestorben. Fünf Jahre zuvor hatte er den Nobelpreis für Literatur erhalten. Nun sollte in seiner Geburtsstadt Liestal ein Denkmal entstehen. Ein privates Komitee, dem namhafte Persönlichkeiten aus der ganzen Schweiz angehörten, übertrug August Suter die Aufgabe.

Suter entschied sich gegen ein herkömmliches Standbild.

Er griff auf Spittelers erstes grosses Werk zurück, das Versepos «Prometheus und Epimetheus». Darin hatte der Dichter den alten Mythos neu gestaltet. Prometheus folgt seiner eigenen Seele und widersetzt sich den Erwartungen der Gesellschaft. Sein Bruder Epimetheus gibt seine Seele preis, um sich den Menschen anzupassen.

Für Suter lag darin der Kern von Spittelers Werk: der einsame Mensch, der seiner inneren Stimme treu bleibt.

Fünf Jahre rang der Bildhauer um die richtige Form. Der kräftige Körper des Prometheus entstand nach seinem Freund Frank Budgen. Dem Titanen gab Suter damit kein entrücktes Göttergesicht, sondern die Züge eines Menschen, den er kannte.

Prometheus beugt sich schützend über die Seele. Sie ist kleiner und verletzlicher als er. Doch sie ist es, die ihm den Weg weist.

Das Denkmal erzählt von Kraft. Ebenso sehr erzählt es von Treue – von der Treue des Menschen zu dem, was in ihm lebt.

Ein Denkmal, das Fragen stellte

Als das Werk am 3. Mai 1931 enthüllt wurde, war das Erstaunen gross.

Die Liestaler hatten wohl mit einer leichter verständlichen Ehrung gerechnet. Mit dem Bildnis des Nobelpreisträgers vielleicht, deutlich erkennbar und würdig auf einen Sockel gestellt. Stattdessen standen sie vor zwei Gestalten aus einer mythischen Welt.

Das Denkmal verlangte etwas vom Betrachter. Man musste sich darauf einlassen.

Gerade darin lag Suters Achtung vor dem Dichter. Er reduzierte Carl Spitteler weder auf seinen berühmten Kopf noch auf den Nobelpreis. Er schuf ein Bild für jene innere Unabhängigkeit, ohne die Spittelers Werk kaum denkbar gewesen wäre.

Auch August Suter kannte den Preis dieser Unabhängigkeit. Er hatte den sicheren Beruf des Buchbinders verlassen. Er war nach Paris gegangen, hatte gelernt, gesucht und Einflüsse aufgenommen. Dennoch blieb er seiner eigenen Formensprache treu.

Aus dem Sohn eines Buchbindermeisters war ein Bildhauer von europäischem Rang geworden.

Die Heimat blieb

Suter lebte bis 1939 vorwiegend in Paris. Während des Zweiten Weltkriegs hielt er sich in Basel auf, danach arbeitete er wieder abwechselnd in beiden Städten. Er schuf Akte, Figurenkompositionen, Porträts, Grabmäler und Bauplastiken. Sein Stil blieb naturalistisch, ruhig und gesammelt.

Am 28. November 1965 starb August Suter in Basel, wenige Monate nach seiner Frau Helena.

Sein Sohn Claude übergab den künstlerischen Nachlass später der Heimatgemeinde seines Grossvaters. So gelangten zahlreiche Werke nach Eptingen, in jenes Baselbieter Dorf, aus dem August Suters Familie stammte. Dort erinnert heute ein Museum an den Künstler.

Sein bekanntestes Werk aber steht in Liestal.

Noch immer beugt sich Prometheus über die Seele. Der kräftige Mann schützt die zarte Gestalt. Oder ist es am Ende die Seele, die ihn schützt?

August Suter hat darauf keine Antwort gegeben.

Er hat sie in Bronze gegossen.

 

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Ein älterer Mann mit grauem Haar und Brille sitzt in einem Holzstuhl, trägt einen dunklen Pullover, hält ein aufgeschlagenes Buch in der Hand und blickt von den Seiten auf. Der Hintergrund ist eine schlichte, helle Wand.

Ich bin Hanspeter Gautschin, Erzähler und Autor von BodeständiX – Geschichten, die bleiben.

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