Es war in jenen Jahren, als auf Schloss Waldenburg Landvogt Rudolf Gobelin herrschte. Hoch über dem Tal wollte er etwas, das damals nur wenige Burgen besassen: frisches Wasser direkt im Sodbrunnen des Schlosses.
Die Quelle lag im Oberdörfer Wald oberhalb des Wallibachs. Von dort führte eine mehrere Kilometer lange Leitung um den Riedberg herum bis zum Schloss Waldenburg. Noch heute erinnert im Meiersberg das sogenannte Dünkelwegli an ihren Verlauf.
Wer eine solche Wasserleitung bauen wollte, brauchte weit mehr als gutes Holz und kräftige Arme. Er brauchte ein Handwerk, das heute längst verschwunden ist. Einer, der es beherrschte, war der Zimmermann Jakob Blatter aus Bennwil.
Ein Auftrag für einen Spezialisten
Der Landvogt liess verkünden, wer das Wasser innert drei Tagen nach dem Einlassen bis zum Schlossbrunnen führe, werde reich belohnt. Doch zunächst meldete sich niemand. Zu weit war der Weg. Zu anspruchsvoll das Gelände. Jeder wusste, welche Arbeit hinter einer solchen Wasserleitung steckte.
Schliesslich trat Blatter vor. Die Sage nennt ihn einen Zimmermann. Doch wer damals Wasserleitungen baute, musste weit mehr beherrschen als das Errichten von Häusern oder Scheunen. Sodmacher nannte man jene Handwerker, die Quellen fassten, Brunnen bauten und Wasserleitungen aus ausgehöhlten Baumstämmen herstellten. Blatter beherrschte dieses seltene Handwerk.
Blatter nahm den Auftrag an. Doch seine Arbeit begann nicht beim Schloss. Sie begann im Wald.
Alles begann mit dem richtigen Baum
Für Deuchel – ausgehöhlte Wasserrohre aus Holz – verwendeten Sodmacher vorzugsweise gerade gewachsene Föhren oder Weisstannen. Schon die Wahl des Stammes entschied darüber, ob eine Leitung jahrzehntelang dicht blieb oder bald ersetzt werden musste. Die Bäume wurden möglichst im Winter gefällt, wenn das Holz in Saftruhe war. Dann liess es sich sauber bearbeiten und war widerstandsfähiger gegen Fäulnis.
Vielleicht ging Blatter tagelang durch die Wälder zwischen dem Wallibach und dem Rehhag. Er betrachtete Stamm um Stamm, prüfte den Wuchs und entschied erst dann, welche Bäume sich eigneten. Denn ein krummer Stamm blieb auch nach dem Bohren krumm.
Wenn sich der Bohrer langsam durchs Holz frisst
Nun begann die eigentliche Kunst des Sodmachers. Blatter legte den Stamm auf den Bohrbock und setzte den langen Eisenbohrer genau in der Mitte an. Traf er nur wenig daneben, war die Arbeit verloren. Der Bohrkanal musste möglichst gerade durch den ganzen Stamm verlaufen.
Langsam frass sich die eiserne Schnecke ins Holz. Immer wieder zog Blatter den Bohrer zurück, damit die Späne herausfielen. Dann prüfte er die Richtung und setzte erneut an. Stunde um Stunde – fast drei Meter tief.
Die schweren Bohrer gehörten zu den wertvollsten Werkzeugen eines Sodmachers. Kraft allein genügte nicht. Entscheidend waren Erfahrung, ein ruhiges Auge und viel Geduld. Erst wenn der Stamm vollständig durchbohrt war, entstand ein Deuchel. Rohr um Rohr wuchs die spätere Wasserleitung. Insgesamt waren dafür rund 350 Deuchel erforderlich.
Viele Hände für ein gemeinsames Werk
Mit dem Bohren allein war die Arbeit jedoch längst nicht getan. Nun brauchte Blatter die Hilfe der Bauern aus dem Waldenburgertal. Der Landvogt verpflichtete sie zur Fronarbeit. Mit Schaufeln, Hacken und Pickeln gruben sie sich Meter um Meter durch den steinigen Boden. Wurzeln wurden mit dem Beil durchtrennt, grössere Felsbrocken mit Hebeisen aus dem Weg geschafft.
Doch ein Graben allein genügte nicht. Die Leitung brauchte auf ihrer ganzen Länge ein gleichmässiges, leichtes Gefälle. War der Graben zu steil, floss das Wasser mit zu grossem Druck. War er zu flach oder stieg das Gelände auch nur wenig an, blieb es stehen. Hier zeigte sich das Können des Sodmachers.
Blatter musste das Gelände lesen können. Immer wieder entschied er, wo der nächste Deuchel zu liegen kam und wie tief gegraben werden musste. Erst wenn alles stimmte, legten die Bauern die hölzernen Rohre in den Graben. Die einzelnen Deuchel wurden mit eisernen Muffen dicht miteinander verbunden. Anschliessend bedeckte man sie mit Lehm und füllte den Graben sorgfältig wieder auf. So blieb das Holz dauerhaft feucht und konnte oft viele Jahrzehnte seinen Dienst verrichten.
Das Wasser nimmt seinen Weg
Als schliesslich der letzte Deuchel verlegt und der Graben wieder geschlossen war, kam der entscheidende Augenblick. Blatter öffnete die Quellfassung. Nun hiess es warten. Denn Wasser lässt sich nicht antreiben wie ein Pferd. Es fliesst in seinem eigenen Tempo.
Langsam füllten sich die hölzernen Rohre. Luft musste entweichen, und jede Verbindung musste dicht sein. Erst dann konnte sich das Wasser auf den langen Weg zum Schloss machen.
Hier setzt die alte Sage ein. Blatter stieg zum Schloss und meldete dem Landvogt stolz, sein Werk sei vollendet. Doch das Wasser liess länger auf sich warten, als beide erwartet hatten.
Der Vogt glaubte, getäuscht worden zu sein. Er liess Blatter gefangen nehmen und in den Kerker werfen. Der Sage nach ertrug der Sodmacher die Schande nicht und nahm sich das Leben. Wenig später erreichte das Wasser den Sodbrunnen des Schlosses.
Als Holzleitungen Geschichte wurden
Sodmacher gehörten während Jahrhunderten zu den unentbehrlichen Handwerkern. Mit ihrem Wissen sorgten sie dafür, dass Burgen, Höfe und Dörfer zuverlässig mit frischem Wasser versorgt wurden.
Als später gusseiserne und schliesslich moderne Wasserleitungen das Holz ablösten, verschwand ihr Beruf nach und nach. Geblieben sind nur wenige Deuchel in Museen, archäologische Funde – und die Erinnerung an ein Handwerk, ohne das viele Burgen und Dörfer nie zuverlässig mit Wasser versorgt worden wären.







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