Es war in jenen Jahren, als das Waldenburgertal unter der strengen Hand des Landvogts Rudolf Gobelin stand. Auf dem Schloss über dem Tal sass er, ein Mann, der für seinen Starrsinn bekannt war. Er wollte frisches Quellwasser in den Sodbrunnen seiner Burg leiten – Wasser aus den Oberdörfer Waldmatten, oberhalb des Wallibachs, kühl und rein. Die Untertanen murrten, denn sie wussten, dass der Vogt jedes Vorhaben mit Härte durchzusetzen pflegte. Doch niemand wagte, sich ihm zu widersetzen.
Der Landvogt liess verkünden, wer es zustande bringe, dass das Wasser, nachdem es eingelassen war, innert drei Tagen im Sodbrunnen laufe, solle reich belohnt werden.
Niemand wagte sich an das Vorhaben, denn jeder wusste, dass ein solches Werk kaum zu schaffen war. Die Strecke war lang, das Gelände unwegsam, und hunderte hölzerne Deuchel mussten gebohrt, verbunden und dichtgefügt werden.
Zuerst meldete sich niemand. Doch der Landvogt erhöhte den Preis, versprach Gold, Wein und Freiheit von Abgaben für den, der es wage. Endlich trat einer hervor: Jakob Blatter, ein Zimmermann aus Waldenburg. Ein rechtschaffener Mann war er, fest im Handwerk, doch vom Unglück verfolgt. Seine Frau lag krank, die Kinder darbten, und in der Werkstatt lag das Werkzeug still. Der Lohn des Vogts hätte ihn gerettet, und so nahm er das Werk auf sich.
Er begann mit der Arbeit, noch ehe die Sonne aufging. In der Kühle des Morgens bohrte er die Föhrenstämme, deren Mark er mit geübter Hand traf, damit das Wasser später ungehindert fliessen konnte. Neben ihm standen ein paar Knechte, die er um Hilfe gebeten hatte, doch das Werk war fast gänzlich seine eigene Mühe. Tag und Nacht hörte man das Schlagen des Bohrers, das Scharren von Eisen und Holz. Er legte die Deuchel, fügte sie aneinander, band sie mit eisernen Ringen. Der Boden war feucht und mancher Stamm musste neu gebohrt werden, weil der Kern sich verzogen hatte.
So arbeitete er, bis die ganze Leitung vom Quellgrund an bis hinauf zum Schloss verlegt war. Da, als das Werk vollendet war, öffnete er den Quell und liess das Wasser ein, dass es den langen Weg nehme durch die Röhren. Dann trocknete er sich den Schweiss von der Stirn, richtete sich müde auf und machte sich auf den Weg zum Schloss, um dem Landvogt Bericht zu erstatten, wie es geheissen war.
Der Vogt liess sich Zeit, wie es seine Art war. Mit verschränkten Armen stand er im Burghof und blickte auf den Zimmermann herab. «Nun», sagte er kalt, «wo ist das Wasser?» Jakob verneigte sich und antwortete: «Es fliesst, Herr, Ihr müsst ihm nur Zeit geben, bis es den Weg durch die Röhren findet.» Der Vogt nickte und liess ihn im Kerker festsetzen – zur Sicherheit, wie er sagte. «Drei Tage sollst du nun warten.»
Die Zeit verging. Kein Tropfen Wasser erschien im Brunnen. Die Knechte meldeten Schweigen im Rohr. Der Landvogt runzelte die Stirn und sprach: «So viel Prahlerei für nichts. Morgen bei Sonnenaufgang wird er seine Strafe empfangen.»
In jener Nacht hörten die Wachen ein leises Weinen aus dem Kerker. Manche sagten später, sie hätten ihn beten gehört, dann singen – leise, wie die Waldenburger ihre Psalmen singen. Gegen Morgen ward es still. Als der Kerkermeister die Tür öffnete, fand er Jakob tot, erhängt an seinem Hosenstrick. Die Hände rau vom Harz, das Gesicht fahl und hart, als trüge es noch die Mühsal seiner letzten Stunden.
Da – ehe man ihn hinaustragen konnte – erhob sich draussen ein seltsames Rauschen. Erst wie fernes Murmeln, dann stärker, wie das Laufen eines Baches, und plötzlich brach aus dem Sodbrunnen ein klarer Wasserstrahl hervor. Er stieg, sprudelte, rann über den Rand, bis der ganze Hof erfüllt war vom Klang des lebendigen Wassers.
Der Vogt stand bleich da, kein Wort kam über seine Lippen. Einer der Knechte sprach leise: «Das Wasser hat gewartet, bis sein Meister gegangen ist.» Doch der Vogt fuhr ihn an, dass er schwieg.
Noch am selben Tag ward Jakob Blatter in aller Stille ausserhalb der Burgmauern begraben. Kein Glockenton, kein Gebet – nur das Rauschen des Brunnens begleitete ihn auf seinem letzten Weg.
Und es heisst, der Vogt habe fortan keinen Schlaf mehr gefunden. In den Nächten hörte er das Wasser reden, und wenn der Wind durch die Deuchel strich, klang es, als flüstere eine Stimme seinen Namen. Manche sagten, sie hätten im Dunkeln auf dem Weg zwischen den Waldmatten und dem Schloss eine Gestalt gesehen – einen Mann mit der Axt auf der Schulter, schweigend, als lege er Deuchel, die keiner mehr sehen konnte.
Und wenn heute bei starkem Regen das Wasser über den Wallibach schiesst, hört man manchmal tief im Boden ein fernes Pochen, als schlüge jemand mit dem Hammer. Dann sprechen die Alten:
«Hört ihr’s? Das ist der Zimmermann von Waldenburg. Er arbeitet noch immer an der Leitung, die ihm das Leben nahm.»







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