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In roter Schrift steht "BodeständiX" über dem schwarzen Text "Der Autorenblog von Hanspeter Gautschin" auf weißem Hintergrund.
Der Engel, der nicht singen wollte
Ein Mann sitzt da und beobachtet die Kreuzigung Jesu am Kreuz, neben ihm ist ein weiterer gekreuzigter Mann zu sehen. Im Hintergrund erscheinen Engel am Nachthimmel über einer Krippe, in der Maria, Josef, das Jesuskind und die Hirten Lobgesänge singen wollten.

Unter den Engeln im Himmel gab es einen, der schöner war als alle anderen.

Anfangs machte ihm das nichts aus. Er tat seinen Dienst wie die übrigen Engel. Doch mit der Zeit wurde ihm seine Schönheit wichtig. Er freute sich, wenn andere ihn bewunderten. Aus Freude wurde Stolz.

Dann kam die Nacht, in der Jesus geboren wurde.

Gott sandte seine Engel nach Bethlehem. Sie sollten den Hirten die frohe Botschaft verkünden und den neugeborenen Heiland loben.

Als die Engel den Stall erreichten, stimmten sie ihren Gesang an.

«Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden.»

Nur einer schwieg.

Er sah das Kind in der Krippe und verstand nicht, weshalb sich alles um dieses kleine Menschenkind drehte. Er selber war doch ein Engel. Rein. Schön. Dem Himmel näher als jedes Menschenkind.

Der Gesang verstummte.

Die Engel kehrten in den Himmel zurück.

Auch der schöne Engel wollte ihnen folgen.

Doch seine Flügel trugen ihn nicht mehr.

Er fiel zur Erde.

Am Morgen fanden ihn Hirten vor dem Stall. Sie glaubten, ein verlassenes Kind vor sich zu haben. Sie nahmen ihn mit, gaben ihm zu essen und sorgten für ihn, als wäre er ihr eigener Sohn.

Der Knabe wuchs heran.

Er war klug. Er lernte schnell. Viele staunten über ihn. Das gefiel ihm.

Dankbarkeit kannte er kaum.

Wer ihm half, war ihm bald nicht mehr gut genug. Wer mehr wusste als er, wurde sein Gegner. Sein Stolz wurde von Jahr zu Jahr grösser.

Schliesslich verliess er seine Pflegeeltern.

Er zog durch die Städte, suchte Reichtum und Ansehen und dachte nur noch an sich selbst. Freunde gewann er leicht. Lange blieben sie nicht.

Mit den Jahren wurde aus dem stolzen Mann ein gefürchteter Verbrecher.

Er kannte kein Mitleid mehr.

Als man ihn schliesslich gefangen nahm, verurteilte ihn der römische Statthalter zum Tod am Kreuz.

Links und rechts von ihm wurden zwei weitere Männer zur Hinrichtung geführt.

Als er den einen sah, blieb sein Blick an ihm hängen.

Das Gesicht war von Dornen gezeichnet. Blut lief über die Stirn. Dennoch kam es ihm seltsam vertraut vor.

Da erinnerte er sich.

An den Stall.

An die Krippe.

An jene Nacht, in der er geschwiegen hatte.

Der Mann neben ihm war das Kind von Bethlehem.

Zum ersten Mal seit langer Zeit schämte er sich.

Jesus wandte den Kopf und sah ihn an.

Er sprach kein Wort.

Doch in diesem Blick lag weder Zorn noch Verachtung.

Der stolze Mann hielt diesem Blick nicht lange stand.

Er senkte den Kopf.

Dann bat er leise:

«Herr, denk an mich, wenn du in dein Reich kommst.»

Jesus antwortete:

«Heute wirst du mit mir im Paradies sein.»

In diesem Augenblick verstummte der Stolz.

Und der Engel, der in der Heiligen Nacht nicht hatte singen wollen, fand den Weg zurück.

 

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Ein älterer Mann mit grauem Haar und Brille sitzt in einem Holzstuhl, trägt einen dunklen Pullover, hält ein aufgeschlagenes Buch in der Hand und blickt von den Seiten auf. Der Hintergrund ist eine schlichte, helle Wand.

Ich bin Hanspeter Gautschin, Erzähler und Autor von BodeständiX – Geschichten, die bleiben.

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