Wenn der November kommt, tritt er selten höflich ein. Er klopft nicht an, er stellt sich einfach in den Hausgang, schüttelt den Regen aus dem Mantel und bringt feuchte Schuhe, kalte Finger und eine Stimmung mit, bei der selbst optimistische Menschen plötzlich über Lindenblütentee nachdenken.
Kaum ist die letzte Geranie erfroren, stehen auch schon die üblichen Gäste vor der Tür: Schnupfen, Husten, Gliederschmerzen und jene allgemeine Verstimmung, die man früher schlicht «Grippe» nannte. Heute hat man für alles genauere Namen, was die Sache nicht angenehmer macht. Die Viren werden wissenschaftlicher, der Mensch bleibt derselbe. Er friert, hustet, jammert und misst Fieber, als hätte er eben die Thermometrie erfunden.
Früher rieben sich in dieser Jahreszeit Apotheker und Hausärzte die Hände. Das taten sie natürlich nur wegen der Kälte, wie man annehmen darf. Inzwischen reibt man sich die Hände aus hygienischen Gründen, was zivilisatorisch betrachtet ein Fortschritt ist. Medizinisch gesehen hat sich viel verändert. Menschlich gesehen erstaunlich wenig.
Grippe ist kein neues Theaterstück
Die Grippe ist keine moderne Erfindung. Sie begleitet die Menschheit seit Jahrhunderten; das Historische Lexikon der Schweiz bezeichnet sie als seit langem bekannte Infektionskrankheit, verursacht durch Influenzaviren. Besonders tief ins kollektive Gedächtnis schnitt sich die Pandemie von 1918/19, die sogenannte Spanische Grippe, ein. Sie traf eine vom Krieg erschöpfte Welt und forderte weltweit Millionen von Todesopfern. Auch in der Schweiz war sie ein gewaltiger Einschnitt.
Doch lange bevor Labore Viren nachweisen konnten, musste der Mensch mit Fieber, Husten und Elend fertigwerden. Er hatte keine Diagnostik, aber Erfahrung. Keine Antibiotika, aber Kräuter. Keine Krankenkassen-App, aber eine Grossmutter, die wusste, wann ein Wickel zu heiss, ein Tee zu schwach und ein Kind zu wehleidig war.
Die Apotheke am Waldrand
Damit sind wir bei der Volksmedizin.
Sie ist älter als die meisten Lehrbücher, älter als die weissen Kittel und älter als der Satz: «Das müssen wir abklären.» Volksmedizin war nie ein geschlossenes System. Sie war ein Gemisch aus Beobachtung, Erfahrung, Irrtum, Aberglauben, Not und gelegentlicher Genialität. Ihre Apotheke stand im Garten, am Waldrand, im Stall und in der Küche. Man verwendete, was vorhanden war: Lindenblüten, Holunder, Thymian, Kamille, Salbei, Essig, Leinsamen, Zwiebeln, Honig, Fett, Schnaps und Geduld. Vor allem Geduld. Heute ist sie rezeptfrei, aber selten lieferbar.
Was die Tiere wussten
Der Ursprung vieler Heilmittel liegt vermutlich in genauer Naturbeobachtung. Tiere fressen bestimmte Pflanzen, meiden andere, scharren nach Wurzeln oder knabbern an Rinden. Der Mensch, der oft weniger instinktsicher ist, dafür aber besser protokollieren kann, schaute zu. Er sah, dass Schafe, Hunde oder Pferde sich bei Beschwerden bestimmte Pflanzen suchten. Daraus entstanden Erfahrungen, aus Erfahrungen Rezepte, aus Rezepten Überlieferungen. Und aus manchen Überlieferungen später wissenschaftlich geprüfte Arzneien.
Man sollte die Volksmedizin also weder verherrlichen noch verlachen. Sie war kein romantischer Kräutergarten der Weisheit, aber auch kein finsteres Kabinett des Unsinns. Sie war zunächst praktische Hilfe in einer Welt, in der der Arzt weit weg, teuer oder gar nicht vorhanden war. Auf dem Land kurierte man sich, so gut es ging. Man rief die Hebamme, den Kräuterkundigen, den Bader, den Wundarzt oder die Nachbarin, die «schon manchen wieder auf die Beine gebracht» hatte. Das konnte nützlich sein. Es konnte auch gefährlich werden.
Als die Medizin akademisch wurde
Im 19. Jahrhundert verschob sich die Grenze. Die Medizin wurde akademischer, naturwissenschaftlicher, stärker institutionell organisiert. Chemie, Mikroskopie, Bakteriologie und öffentliche Gesundheitspflege veränderten das Denken. Gleichzeitig begann sich ein engerer Begriff von Volksmedizin durchzusetzen: Man verstand darunter zunehmend irrationale oder abergläubische Praktiken, die der ärztlich-naturwissenschaftlichen Medizin gegenüberstanden. Das Historische Lexikon der Schweiz weist darauf hin, dass Volksmedizin und «medizinischer Aberglauben» im späten 19. Jahrhundert oft fast gleichbedeutend verwendet wurden.
Der Quacksalber betritt die Bühne
Hier betrat eine bekannte Figur die Bühne: der Quacksalber.
Er trug selten Zurückhaltung im Gepäck. Dafür brachte er Salben, Tropfen, Pulver, Versprechen und eine Stimme mit, die auch auf einem Viehmarkt nicht untergegangen wäre. Er heilte Rheuma, Gicht, Husten, Zahnschmerz, Liebeskummer, Magenweh und, falls nötig, auch die Schwiegermutter. Seine Mittel wirkten gegen alles, besonders gegen volle Geldbeutel.
Natürlich gab es solche Gestalten. Es gibt sie noch heute. Nur heissen sie inzwischen anders, verfügen über bessere Verpackungen und benutzen Begriffe wie «ganzheitlich», «energetisch» oder «quantum». Der alte Quacksalber stand auf dem Marktplatz. Der neue sitzt im Internet und hat ein Webinar.
Ärzte, Afterärzte und die Ordnung der Dinge
Die Ärzteschaft des 19. Jahrhunderts bekämpfte dieses Treiben heftig. Begriffe wie «Kurpfuscher», «Afterärzte» oder «Charlatane» dienten nicht nur der sachlichen Abgrenzung, sondern auch der berufspolitischen Ordnung. Denn wo geheilt wird, geht es selten nur um Gesundheit. Es geht auch um Ansehen, Zuständigkeit und Einkommen. Der Mensch ist eben selbst dann nicht ganz edel, wenn er einen Puls fühlt.
Jeremias Gotthelf hat diesen Konflikt literarisch eindrücklich gestaltet. Sein Roman «Wie Anne Bäbi Jowäger haushaltet und wie es ihm mit dem Doktern geht» entstand 1843/44 im Umfeld der Auseinandersetzung mit fragwürdigen medizinischen Praktiken im Kanton Bern. Gotthelf tat, was gute Schriftsteller tun: Er schrieb kein Merkblatt, sondern einen Roman. Das ist für die Menschheit oft angenehmer, wenn auch nicht immer weniger belehrend.
Essigsöckchen und andere häusliche Autoritäten
Doch zurück in die warme Stube.
Wenn ich als Kind krank wurde, begann keine medizinische Konferenz, sondern ein häusliches Ritual. Meine Mutter wusste, was zu tun war. Essigsöckchen gegen das Fieber. Lindenblütentee zum Schwitzen. Haferschleim für den beleidigten Magen. Thymiantee gegen den Husten. Ungesüsst, versteht sich. Krankheit sollte offenbar nicht noch belohnt werden.
Diese Hausmittel hatten etwas Tröstliches. Sie rochen nach Küche, Bettflasche und mütterlicher Zuständigkeit. Man lag im Bett, hörte draussen den Regen und fühlte sich zugleich elend und geborgen. Das ist eine seltene Mischung. Vielleicht war sie wirksamer, als wir heute zugeben möchten.
Wenn der Herr Doktor kam
Wenn alles nichts half, kam der Herr Doktor persönlich auf Visite. Das war noch eine andere Art Medizin. Der Arzt erschien mit Tasche, Mantel und Würde. Er setzte sich ans Bett, fühlte den Puls, schaute in den Hals, stellte Fragen und machte ein Gesicht, das beruhigend wirken sollte, aber auch nicht zu beruhigend. Denn ein Arzt, der zu fröhlich wirkt, ruiniert seine Autorität.
Besonders erinnere ich mich an einen Hustensirup, den ich nur als pädagogische Strafmassnahme deuten konnte: «Bäredräck-Sirup», also Lakritze. Er schmeckte derart schauerlich, dass ich nach dem ersten Löffel nicht mehr zu husten wagte. Medizinisch war das vielleicht umstritten. Psychologisch war es ein Meisterwerk.
Zwischen Teekanne und Thermometer
Unsere Vorfahren fürchteten die Grippe gewiss nicht weniger als wir. Aber sie hatten ein anderes Verhältnis zur Krankheit. Man nahm sie als Teil des Lebens hin. Man legte sich ins Bett, schwitzte, trank Tee, liess sich versorgen und vertraute darauf, dass der Körper mehr konnte, als man ihm zutraute. Dieses Vertrauen war nicht immer berechtigt. Aber es war auch nicht töricht.
Heute wissen wir mehr. Das ist gut. Wir können unterscheiden zwischen Virus und Bakterium, zwischen Hausmittel und Arznei, zwischen Linderung und Heilung. Wir wissen, dass schwere Infektionen ärztliche Behandlung brauchen. Wir wissen auch, dass nicht jede alte Weisheit wahr ist, nur weil sie alt ist. Alter schützt weder vor Irrtum noch vor Eitelkeit.
Und doch wäre es schade, die Hausmittel verächtlich zur Seite zu schieben. In ihnen steckt ein Stück Kulturgeschichte. Sie erzählen von Küchen, Gärten, Müttern, Grossvätern, Pfarrhäusern, Bauernstuben, Apothekenschränken und einer Zeit, in der man nicht sofort nach dem stärksten Mittel griff, sondern zuerst nach dem Naheliegenden.
Eine kleine Novemberweisheit
Vielleicht liegt darin eine kleine Novemberweisheit: Man darf der modernen Medizin dankbar sein und trotzdem einen Thymiantee kochen. Man darf wissenschaftlich denken und sich eine Bettflasche machen. Man darf dem Arzt vertrauen und der Mutter recht geben.
Denn am Ende ist der Mensch ein merkwürdiges Wesen. Er erforscht Viren, baut Spitäler, entwickelt Medikamente, schreibt Gesundheitsratgeber und vergisst dann, im November warme Socken anzuziehen.







Ich persönlich habe noch nie etwas von der Eitelkeit so mancher Schulmediziner*innen gehalten, dass man davon ausging oder ausgeht, alternative Heilmittel könnten nichts bewirken. Das ist ein großer Irrtum – aber besonders wichtig scheint mir, dass neben allen Hausmitteln, die wirken und natürlich auch neben der Notfallmedizin, die den chemisch erzeugten Produkten zugezählt wird, zwei Faktoren besonders im Mittelpunkt stehen sollten:
* zum einen die Kostbarkeit menschlicher Zuwendung während einer Erkrankung
* und zum anderen, gerade, wenn Viren auf uns lasten, liegt auch im Schwitzen und Schlafen immer wieder viel Heilwirkung. Das zumindest ist meine Erfahrung, weshalb uns Oma immer fiebersenkende Essigwickel um die Füße drapiert hat (ja, die kenne ich auch!) und fürsorglich Krenketterl um den Hals legte. Bei Schnupfen haben wir uns auch mit der Kraft der Zwiebel beholfen, der ragte dann und wann auch lustig aus den Nasenlöchern heraus.
Ein schöner Artikel, den ich gerne gelesen habe.
Nicht im Konkurrenzwesen hat sich diese Welt entwickelt, sondern in der Kooperation …