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In roter Schrift steht "BodeständiX" über dem schwarzen Text "Der Autorenblog von Hanspeter Gautschin" auf weißem Hintergrund.
Das Spiel der Macht
Eine Menschenmenge in Anzügen steigt eine Treppe hinauf zu einem großen Thron, auf dem ein Mann in einem Anzug sitzt – während eine Person abseits steht und sich fragt, warum immer wieder die Falschen nach oben kommen. Im Hintergrund zeichnen sich ein dramatischer Himmel und Stadtgebäude ab.

Nach jeder Wahl beginnt das gleiche Schauspiel.

Die einen beklagen sich über die Gewählten. Die anderen feiern ihre Sieger. Die Verlierer hoffen auf die nächste Wahl. Die Gewinner versprechen einen Neuanfang. Und irgendwo dazwischen sitzt der Bürger und wartet darauf, dass sich endlich etwas verbessert.

Doch nach Jahrzehnten derselben Rituale drängt sich eine unbequeme Frage auf:

Was, wenn das Problem gar nicht die falschen Menschen sind?

Was, wenn das Problem darin liegt, dass wir immer noch glauben, Macht ziehe die Besten an?

Wer eine Führungsposition anstrebt, muss sich durchsetzen können. Er muss Netzwerke knüpfen, Konkurrenten ausstechen, Mehrheiten organisieren, taktieren, verhandeln und oft auch schweigen, wenn Klartext angebracht wäre.

Das ist keine moralische Anklage. Es ist eine nüchterne Beschreibung.

Doch genau hier liegt die Schwierigkeit.

Die Eigenschaften, die jemanden an die Spitze bringen, sind nicht zwingend dieselben Eigenschaften, die einen anständigen, aufrichtigen und verantwortungsvollen Menschen ausmachen.

Aufrichtigkeit gewinnt selten gegen Kalkül. Bescheidenheit schlägt kaum Ehrgeiz. Gewissen verliert oft gegen Karriere.

Wer wirklich etwas verändern will, beschäftigt sich mit Problemen. Wer Macht gewinnen will, beschäftigt sich mit Macht.

Das ist ein Unterschied, der grösser ist, als viele wahrhaben möchten.

Man beobachtet ihn nicht nur in Bundesbern oder Brüssel. Man findet ihn in Unternehmen, Vereinen, Verbänden und manchmal sogar im Turnverein um die Ecke.

Dort taucht immer wieder dieselbe Figur auf: Der Mensch, dem es weniger um die Sache als um die Position geht.

Er erkennt schnell, wer Einfluss hat. Er weiss, wem er zustimmen muss. Er spürt, wann Widerstand gefährlich wird. Er besitzt ein feines Gespür für Hierarchien.

Für die Sache selbst interessiert er sich oft erstaunlich wenig.

Und genau diese Menschen steigen häufig auf, weil Macht keine Aufrichtigkeit prüft. Sie prüft Anpassungsfähigkeit, Ehrgeiz, taktisches Geschick und die Bereitschaft, sich im richtigen Moment wegzuducken.

Wer nach oben will, lernt früh, wie das Spiel funktioniert.

Wer sich dem Spiel verweigert, bleibt unten.

Oder er geht freiwillig.

Deshalb wirkt die politische Debatte oft so seltsam oberflächlich.

Man diskutiert über Parteien, Programme und Personen. Kaum jemand spricht über die Spielregeln.

Man streitet darüber, welche Mannschaft gewinnen soll, stellt aber das Stadion nie infrage.

Dabei zeigt die Geschichte immer wieder dasselbe Muster.

Neue Parteien kommen. Alte Parteien verschwinden. Regierungen wechseln. Ideologien wechseln. Parolen wechseln.

Das Machtprinzip bleibt.

Die Gesichter ändern sich. Die Struktur bleibt erstaunlich konstant.

Vielleicht erklärt das auch die wachsende Politikverdrossenheit vieler Menschen.

Sie spüren intuitiv, dass etwas nicht stimmt.

Sie sehen, wie Wahlversprechen verblassen.

Sie erleben, wie Bürgernähe im Wahlkampf beschworen und nach der Wahl vergessen wird.

Sie beobachten, wie immer neue Vorschriften entstehen, während die Verantwortlichen gleichzeitig von Freiheit sprechen.

Und irgendwann dämmert manchen ein unbequemer Gedanke:

Vielleicht geht es gar nicht darum, die richtigen Herrscher zu finden.

Vielleicht sollten wir uns fragen, weshalb wir ständig nach Herrschern suchen.

Der moderne Mensch hält sich für frei.

Er darf wählen. Er darf konsumieren. Er darf seine Meinung äussern.

Doch erstaunlich viele Menschen scheinen sich ein Leben ohne Autoritäten kaum vorstellen zu können.

Immer soll jemand da sein, der entscheidet. Jemand, der lenkt. Jemand, der weiss, was richtig ist. Jemand, der Verantwortung übernimmt.

Die Sehnsucht nach dem starken Hirten ist älter als jede Demokratie.

Sie hat lediglich ihre Kleider gewechselt.

Heute trägt sie Anzug, Parteibuch oder Expertenstatus.

Doch der Wunsch bleibt derselbe: Bitte sage mir, wo es langgeht.

Genau dort beginnt die eigentliche Unfreiheit.

Denn Freiheit bedeutet nicht, zwischen mehreren Herren wählen zu dürfen.

Freiheit beginnt dort, wo ein Mensch lernt, auf eigenen Beinen zu stehen.

Vielleicht kommen deshalb immer wieder die Falschen nach oben.

Weil Systeme der Macht nicht nach Charakter auswählen, sondern nach Machtverträglichkeit.

Die wichtigere Frage lautet deshalb nicht:

«Wer soll uns regieren?»

Sondern:

«Warum glauben wir immer noch, dass wir jemanden brauchen, der über uns steht?»

 

2 Kommentare

  1. Göni

    Schwierig zu beantworten die letzte Frage. Ich weiss es jedenfalls nicht!

  2. Hanspeter Gautschin

    Eine gute Frage. Vielleicht tragen wir noch immer ein altes Bedürfnis in uns: den Wunsch nach einem Häuptling, einem König, einem Priester oder einem Experten, der uns sagt, was richtig ist. Die Sehnsucht nach Führung scheint älter zu sein als die Sehnsucht nach Freiheit.

Über

Ein älterer Mann mit grauem Haar und Brille sitzt in einem Holzstuhl, trägt einen dunklen Pullover, hält ein aufgeschlagenes Buch in der Hand und blickt von den Seiten auf. Der Hintergrund ist eine schlichte, helle Wand.

Ich bin Hanspeter Gautschin, Erzähler und Autor von BodeständiX – Geschichten, die bleiben.

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