Please Enable JavaScript in your Browser to visit this site

In roter Schrift steht "BodeständiX" über dem schwarzen Text "Der Autorenblog von Hanspeter Gautschin" auf weißem Hintergrund.
Als Gedeon Thommen noch Seiler war
Ein Gemälde zeigt Arbeiter des Seiler-Handwerks bei der Herstellung von Seilen im Freien in einem ländlichen Dorf, mit Bauernhofszenen, einem Pferdewagen, Menschen, die Heu stapeln, und einem Dampfzug, der durch die malerische, hügelige Landschaft fährt.

Bevor Gedeon Thommen später Uhrenfabrikant wurde, die Entwicklung des Waldenburgertals mitprägte und sich für die Waldenburgerbahn einsetzte, stand er an einem ganz anderen Arbeitsplatz: auf einer Seilerbahn.

Das überrascht zunächst. Man verbindet seinen Namen heute mit Industrie und Unternehmergeist, kaum aber mit Hanf, Flachs und langen Seilen. Und doch begann sein Weg dort.

Wer sich heute einen Seiler vorzustellen versucht, denkt vielleicht an eine kleine Werkstatt. Tatsächlich brauchte dieses Handwerk vor allem eines: Platz.

Eine Seilerbahn war keine Stube und kein enger Schopf, sondern eine lange, gerade Arbeitsstrecke, die sich über viele Dutzend Meter hinziehen konnte. Für Waldenburg ist überliefert, wo eine solche Bahn lag: Die Seilerbahn von Martin Thommen und seinem Sohn Gedeon befand sich auf jenem Grundstück, auf dem später Fritz Heid von «Tschudin und Heid» seine Villa bauen liess. Später ging sie an seinen Schwiegersohn Reinhard Straumann-Heid über.

Wenn man heute dort vorbeigeht, ahnt man kaum, dass hier einst ein Handwerk ausgeübt wurde, bei dem die Arbeit beinahe auf Wanderschaft ging.

Denn der Seiler blieb beim Arbeiten selten lange an einem Ort stehen.

Ich stelle mir den jungen Gedeon manchmal vor: vor sich die langen Fäden, in den Händen das Material, Schritt für Schritt rückwärtsgehend, aufmerksam darauf bedacht, dass alles gleichmässig blieb.

Denn genau so entstand ein Seil.

Zuerst wurden Hanf oder Flachs verarbeitet. Die Fasern mussten gehechelt werden – ein alter Ausdruck für das Kämmen und Auflockern der Pflanzenfasern. Erst danach konnten daraus einzelne Schnüre gedreht werden.

Diese Arbeit verlangte Aufmerksamkeit.

Aus den einzelnen Schnüren entstanden Litzen. Aus mehreren Litzen wurde schliesslich das eigentliche Seil.

Dabei durfte nichts aus dem Gleichgewicht geraten. War die Spannung ungleichmässig, wurde das Seil locker. Wurde zu stark gezogen, konnte es später Schaden nehmen. Fehler zeigten sich oft erst dann, wenn das Seil tatsächlich gebraucht wurde.

Und genau dann durfte nichts reissen.

Der Seiler ging deshalb langsam rückwärts, während am anderen Ende der Bahn gedreht wurde.

Eigentlich ist es ein schönes Bild:

Der Seiler ging rückwärts, damit am Ende etwas vorwärtskam.

Damals brauchte man Seile überall.

Solange der Verkehr über den Oberen Hauenstein führte, waren ständig Fuhrwerke unterwegs. Waren wurden transportiert, Lasten festgezurrt, Wagen gesichert und Tiere geführt.

Auch auf den Bauernhöfen gehörten Seile zum Alltag. Heubündel mussten zusammengebunden werden, Lasten wurden gehoben, Vieh geführt und Wagen beladen. Für Handwerker waren Seile ebenso selbstverständlich wie Hammer oder Säge.

Ein Seil war damals kein nebensächlicher Gegenstand. Es gehörte zur täglichen Arbeit.

Dabei waren nicht alle Seile gleich. Dünnere Schnüre dienten anderen Zwecken als dicke Zugseile. Der Seiler musste wissen, welche Stärke gebraucht wurde und wie stark das Material beansprucht werden würde. Erfahrung ersetzte dabei oft Berechnungen.

Heute liegt irgendwo im Keller vielleicht eine Kunststoffschnur oder ein Nylonseil. Man schneidet ein Stück ab und denkt kaum darüber nach.

Früher war das anders.

Damals steckten hinter einem Seil viele Arbeitsschritte und viel Erfahrung.

Das Handwerk selbst ist uralt. Bereits die alten Ägypter kannten Seile aus Pflanzenfasern. Auch Griechen und Römer arbeiteten damit. Selbst bei den sogenannten Pfahlbauern, die heute in der Forschung meist als Feuchtbodensiedlungen bezeichnet werden, fanden Archäologen Schnüre und Seile.

Im 19. Jahrhundert begann sich die Welt zu verändern.

Mit der Eisenbahn verlagerte sich der Verkehr zunehmend auf die Schiene. Der alte Passverkehr verlor an Bedeutung. Gleichzeitig erschienen industriell gefertigte Seile und später neue Materialien.

Das Seilerhandwerk verschwand deshalb langsam aus dem Tal.

Gedeon Thommen aber blieb nicht stehen.

Er erkannte früh, dass dem alten Gewerbe Grenzen gesetzt waren. Er wechselte in die Uhrenindustrie und wurde später zu einer der prägenden Persönlichkeiten des Waldenburgertals.

Vielleicht liegt gerade darin etwas Bemerkenswertes.

Am Anfang stand keine Fabrikhalle.

Am Anfang stand eine lange Bahn.

Und ein junger Mann, der rückwärtsging – und vielleicht gerade dabei lernte, nach vorne zu blicken.

0 Kommentare

Über

Ein älterer Mann mit grauem Haar und Brille sitzt in einem Holzstuhl, trägt einen dunklen Pullover, hält ein aufgeschlagenes Buch in der Hand und blickt von den Seiten auf. Der Hintergrund ist eine schlichte, helle Wand.

Ich bin Hanspeter Gautschin, Erzähler und Autor von BodeständiX – Geschichten, die bleiben.

FOLGEN

NEWSLETTER