Früher gab es auf einem Bauernhof Arbeiten, die niemand gross als Handwerk bezeichnet hätte. Sie gehörten einfach zum Alltag. Man machte sie, weil man sie brauchte.
Dazu gehörte auch das Wellenmachen. Dabei wurden Reisig, Gestrüpp und dünnere Äste zu kräftigen Wellen gebunden, mit denen später die «Chouscht», also der Kachelofen, oder der Backofen angefeuert wurden.
Mein Grossvater väterlicherseits war darin ein wahrer Meister.
Als Bub stand ich oft bei ihm und schaute zu. Damals hätte ich nicht sagen können, was daran besonders war. Für mich sah es aus, als würde er bloss Reisig zusammentragen und zusammenbinden. Erst viel später verstand ich, dass auch hinter dieser Arbeit viel Erfahrung steckte.
Vor allem im Winter wurde gewellt.
Sobald draussen weniger Arbeit anfiel, begann auf dem Hof eine andere Zeit. Werkzeuge wurden geflickt, Holz gerichtet und Arbeiten nachgeholt, für die im Sommer kaum Zeit blieb. Zu diesen Winterarbeiten gehörte auch das Wellenmachen. Mein Grossvater konnte damit stundenlang beschäftigt sein.
Vor ihm lagen Haufen von Reisig, Gestrüpp und dünneren Ästen, die beim Zurückschneiden von Bäumen und Sträuchern angefallen waren. Weggeworfen wurde damals wenig. Auch aus scheinbar wertlosen Zweigen entstand noch etwas Brauchbares.
Dann nahm mein Grossvater den Gertel zur Hand. Mit diesem schweren Haumesser hackte er Äste und Zweige auf die richtige Länge, damit sie später sauber in den Wellenbock passten.
Mein Grossvater sah in solchen Haufen nicht einfach Äste und Gestrüpp. Sein Blick war ein anderer. Er wusste sofort, was sich eignete und was nicht. Mit geübter Hand griff er nach dem Material, legte stärkere Zweige nach aussen und feineres Reisig eher in die Mitte, wo es später leichter Feuer fing.
Dann kam der Wellenbock zum Einsatz.
Das war keine Maschine, sondern ein einfaches, handfestes Gerät. Mein Grossvater legte das Material hinein, richtete es aus, schob einzelne Zweige zurecht und achtete darauf, dass die Enden ungefähr gleich lagen. Es sah einfach aus – aber nur, solange man zuschaute.
Denn die Welle musste stimmen.
Zu wenig Material ergab eine lockere Welle, die rasch auseinanderfiel. Zu viel machte sie unhandlich. Und wenn die Zweige kreuz und quer lagen, liess sich das Bündel kaum sauber binden.
Erst wenn alles richtig lag, wurde die Welle zusammengezogen und festgebunden.
Dann kam die nächste.
Und die nächste.
Und noch eine.
Als Kind hatte ich manchmal das Gefühl, diese Arbeit nehme überhaupt kein Ende. Kaum lag eine fertige Welle auf der Seite, begann mein Grossvater schon wieder von vorne. Es hatte etwas Gleichmässiges. Seine Hände arbeiteten ruhig und ohne Hast. Er musste nicht überlegen. Die Bewegungen waren über viele Jahre selbstverständlich geworden.
Mit der Zeit entstand ein sauber aufgeschichteter Stapel Wellen. Bündel um Bündel kam dazu, bis ein richtiger Vorrat beieinanderlag. Die Wellen wurden anschliessend gelagert und durften trocknen. Erst nach längerer Zeit waren sie bereit, im Kachelofen oder im Backofen ihren Dienst zu tun.
Wenn später die «Chouscht» angefeuert wurde, holte man einige dieser Wellen herein. Sie fingen rasch Feuer und brachten den Ofen auf Temperatur. Danach konnte stärkeres Holz nachgelegt werden.
Es war damals überhaupt erstaunlich, wie wenig verloren ging. Heute wird manches weggeworfen oder gehäckselt. Auf einem Bauernhof hatte fast alles noch einen Nutzen. Reisig wurde zu Wellen, Äste wurden verheizt, und selbst kleinere Holzstücke fanden oft noch irgendeine Verwendung.
Man kann sich das heute kaum mehr vorstellen. Wärme kommt aus der Wärmepumpe, aus Leitungen, aus Technik, die man kaum noch wahrnimmt. Früher stand hinter der Wärme ein ganzer Ablauf: schneiden, zusammentragen, hacken, binden, beigen, lagern und einheizen.
Heute sieht man solche Reisigwellen kaum mehr. Mit ihnen verschwand auch eine Winterarbeit, die früher auf vielen Höfen selbstverständlich war.
Wenn ich daran denke, sehe ich meinen Grossvater vor mir. Wie er beim Wellenbock steht. Wie seine Hände Reisig ordnen, zurechtrücken und zusammenziehen. Wie eine Welle nach der anderen entsteht.
Damals erschien mir das völlig selbstverständlich.
Heute weiss ich: Auch das war ein Handwerk.
Nur eines, das keinen Meisterbrief brauchte.







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