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In roter Schrift steht "BodeständiX" über dem schwarzen Text "Der Autorenblog von Hanspeter Gautschin" auf weißem Hintergrund.
Vom stillen Glanz der Welt
Ein älteres Ehepaar sitzt bei Sonnenuntergang auf einer Holzbank an einem ruhigen See, umgeben von Bäumen und Blumen, und blickt auf ferne Berge und ein Dorf mit einer Kirche - ein Moment vom stillen Glanz der Welt.

Es gibt Morgen, da steht man am Fenster und weiss kaum, weshalb man den Tag begrüssen soll. Draussen liegt die Welt wie immer: ein Stück Himmel, ein Baum, ein Dachfirst, vielleicht der Ruf eines Vogels.

Alles ist da, und doch erreicht es einen nur von fern. Man schaut hinaus wie durch eine alte Scheibe, hinter der das Leben weitergeht, während man selbst noch halb im Schlaf der Seele steht.

Dann steigt eine Frage auf, leise und müde: Was soll ich feiern? Was ist denn so gross an diesem Leben?

Diese Frage ist menschlich. Sie kommt aus Stunden, in denen die Seele ihre Farben verloren hat und das Herz nur noch tut, was es tun muss. Sie kommt aus Müdigkeit, aus Enttäuschung, aus jenem grauen Zwischenland, in dem der Mensch zwar lebt, aber den eigenen Atem kaum mehr spürt.

Vielleicht beginnt gerade dort ein leises Wiedersehen: mit der Welt, die uns nie verloren ging, und mit jenem stillen Kind in uns, das noch wusste, wie man staunt.

Früher konnte ein Käfer auf einem Blatt ein ganzes Reich eröffnen. Eine Pfütze wurde zum See, ein Ast zum Schwert, ein Stein zum Schatz. Der Himmel war gross, weil man ihn noch mit offenem Herzen ansah. Der Wind hatte eine Stimme. Die Dunkelheit war voller Wesen. Alles sprach, weil man selber lauschen konnte.

Später lernen wir, die Dinge einzuordnen. Wir geben ihnen Namen, messen ihren Nutzen, gehen an ihnen vorbei. Ein Baum ist ein Baum, eine Rose eine Rose, ein Sonnenuntergang ein Sonnenuntergang. Wir wissen Bescheid. Und dieses Bescheidwissen legt sich manchmal wie Staub auf die Welt.

Da steht eine Blume am Wegrand. Sie hat sich aus dunkler Erde gehoben, hat Regen getrunken, Licht gesammelt, Wind ertragen. Nun steht sie da, still und vollkommen in ihrer kurzen Stunde. Wir sehen sie vielleicht. Doch selten schenken wir ihr einen Atemzug lang unser ganzes Dasein.

Dabei wartet so vieles darauf, wieder gesehen zu werden.

Ein Blatt im Gegenlicht. Der Geruch von nasser Erde. Das erste Grün im Frühling. Die Schwere eines Apfels in der Hand. Das helle Lachen eines Menschen, der für einen Augenblick seine Last vergisst. Der Abend, der die Dächer vergoldet. Der Mond über einem Dorf, als wache er über etwas Altes und Unausgesprochenes.

Das alles ist klein. Und gerade darum gross.

Das Leben tritt selten mit Posaunen auf. Es kommt leise. Es legt uns einen Augenblick hin wie ein Stück Brot auf den Tisch. Manchmal erkennen wir erst spät, dass darin mehr Nahrung lag, als wir damals ahnten.

Natürlich kennt das Leben auch die Dornen. Krankheit, Verlust, Kränkung, Einsamkeit, Angst – sie gehören zum Menschsein wie der Schatten zum Baum. Darüber hinwegzureden wäre billig.

Doch gerade der Schatten macht das Licht sichtbar.

Eine Rose zwischen Dornen wird zum Wunder. Sie sagt: Sieh, dennoch blühe ich.

Dieses Dennoch ist vielleicht eines der schönsten Wörter des Lebens.

Dennoch geht am Morgen Licht über die Hügel. Dennoch findet ein Vogel seine Melodie. Dennoch legt eine Hand sich tröstend auf eine andere. Dennoch wächst Gras über hartem Boden. Dennoch kann ein Mensch, der lange verstummt war, eines Tages wieder ein Lied in sich hören.

Feiern heisst hier: wach werden. Still werden. Wieder teilnehmen. Es meint den Blick, der verweilt. Die Hand, die dankbar über raues Holz fährt. Das Ohr, das den Regen hört. Das Herz, das sich berühren lässt, auch wenn es Narben trägt.

Vielleicht ist die Feier des Lebens eine stille Übung. Man muss dazu weder tanzen noch laut sein. Man darf auf einer Bank sitzen, einen Apfel essen, dem Abend zusehen und spüren, dass man für diesen einen Augenblick zur Welt gehört.

Dann geschieht etwas Seltsames.

Die Welt verändert sich kaum. Der Baum bleibt Baum, der Himmel Himmel, der Weg ein Weg. Aber in uns wird eine Tür geöffnet. Und durch diese Tür fällt ein Licht, das lange draussen gewartet hat.

Da wird das Leben wieder Gegenwart.

Ein Windhauch geht durch die Blätter. Irgendwo schlägt eine Glocke. Ein Kind ruft. Wolken ziehen langsam über den Himmel. Nichts Grosses geschieht. Und doch ist alles da.

Vielleicht braucht der Mensch gar so wenig, um heimzukehren.

Einen Blick. Einen Atemzug. Einen Augenblick, in dem er aufhört, an der Welt vorbeizugehen.

Dann wird aus dem Gewöhnlichen wieder ein Geheimnis. Aus dem Tag ein Geschenk. Aus dem eigenen Leben ein Weg, der trotz allem Würde hat.

Die Welt ist reich. Sie ist zerbrechlich, widersprüchlich, wund und wunderbar. Sie schenkt uns keine Sicherheit. Aber sie schenkt Augenblicke.

Und wer einen solchen Augenblick wirklich empfängt, hat für kurze Zeit genug.

Vielleicht sogar mehr als genug.

 

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Über

Ein älterer Mann mit grauem Haar und Brille sitzt in einem Holzstuhl, trägt einen dunklen Pullover, hält ein aufgeschlagenes Buch in der Hand und blickt von den Seiten auf. Der Hintergrund ist eine schlichte, helle Wand.

Ich bin Hanspeter Gautschin, Erzähler und Autor von BodeständiX – Geschichten, die bleiben.

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