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In roter Schrift steht "BodeständiX" über dem schwarzen Text "Der Autorenblog von Hanspeter Gautschin" auf weißem Hintergrund.
Ein Nachwort zu Weihnachten
Eine gemütliche Weihnachtsszene zeigt eine Krippe mit Maria, Josef und dem Jesuskind neben leuchtenden Kerzen und einer Laterne auf einer Fensterbank, Tannenzweigen und -zapfen, mit einem verschneiten Dorf und einer Kirche vor dem Fenster.

Weihnachten hat einen eigenen Klang. Du kennst ihn: ein Licht, das weicher wird, eine Stille, die mehr sagt als der ganze Rest des Dezembers.

Wärme und Wehmut gehen Hand in Hand. Und darunter liegt eine alte Sehnsucht: dass in mir noch etwas Reineres wohnt. Etwas, das im Alltag zu selten ans Licht kommt.

Im Mittelalter bekam diese Sehnsucht eine Gestalt. Viele Menschen sahen im Christkind ein Bild für Unschuld, Liebesfähigkeit, innere Aufrichtung. Solche Vorstellungen passten gut in die Frömmigkeit des 13. Jahrhunderts, besonders in franziskanischen und mystischen Kreisen, wo das Kindliche und das Herz eine neue Würde erhielten. Und aus dieser Innigkeit wuchs in Nord- und Mitteleuropa jene Weihnachtsform, die bis heute nachwirkt: Krippenlieder, die Heilige Nacht, später der Lichterbaum.

Wie die Krippe das Fest ins Volk zog

Lange Zeit blieb vieles fern. Gottesdienst und Bibel standen unter dem Dach des Lateins. Man hörte Worte, die man kaum fassen konnte. Was greifbar blieb, war das Bild: Maria, Josef, das Kind. Eine Szene, die man anschauen konnte, ohne Gelehrter zu sein.

Hier setzt ein Schritt an, der kulturgeschichtlich mehr bedeutet, als man denkt: Die Krippe wurde zur Brücke. Geistliche stellten neben der Weihnachtsmesse eine Darstellung auf, zuerst schlicht, dann lebendiger. Berühmt wurde die Weihnachtsfeier in Greccio, wo Franz von Assisi 1223 eine lebendige Krippenszene anregen liess. Das war kein Theater für Feinschmecker, das war eine Einladung an gewöhnliche Leute: Komm näher. Schau hin.

Und irgendwann blieb es nicht beim Zuschauen. Menschen wollten mitsingen, mitsprechen, mitgehen. Weihnachten sollte ins eigene Leben hineinreichen, bis in die Stube, bis in den Alltag. In manchen Gegenden gab es Bräuche, bei denen man die Wiege berühren oder sanft bewegen durfte – wie ein körperliches Bekenntnis: Das Kind soll mir nahe sein.

Später entstanden in vielen Regionen Weihnachtsspiele ausserhalb der Kirche, oft in Dörfern und Kleinstädten. Man spielte und sang ab dem Advent, teils in Gasthäusern, teils auf Plätzen. Und fast überall taucht diese Mischung auf, die ich sehr mag: ernst gemeinte Frömmigkeit, dazu kräftiger Humor. Das hält das Fest am Boden. Da darf gelacht werden, ohne dass die Tiefe verloren geht.

Und dann kam der Baum

Der Weihnachtsbaum gehört im Gefühl vieler Menschen «schon immer» dazu. Historisch liegt seine Spur in Mitteleuropa, mit frühen schriftlichen Zeugnissen im 15. und 16. Jahrhundert, unter anderem im Raum Süddeutschland und Elsass. In Basel trugen um 1600 Gesellen grüne Bäume durch die Strassen und schmückten sie daheim mit Essbarem.

Ein Teil dieser Baumtradition hängt mit dem Paradiesbaum zusammen, der in Spielen und Bräuchen die Bäume des Gartens Eden aufrief, oft geschmückt mit Äpfeln.

So wurde aus Liturgie nach und nach ein Herzensfest. Und aus einem Bild wurde eine Erfahrung.

Die innere Messlatte: warum das Kind im Menschen anklopft

Wer Weihnachten nur als Brauch betrachtet, sieht Kerzen, Lieder, Geschenke. Wer genauer hinhört, stösst auf eine innere Bewegung: ein stilles Mass, das sich meldet.

Du kennst das. Man lebt, man handelt, man lässt Dinge liegen. Und irgendwo in dir steht eine Vorstellung, wie du eigentlich sein könntest. Dieser Vergleich läuft oft leise im Hintergrund. Er kann schmerzen. Er kann antreiben. Und er verrät etwas: In dir wirkt eine Instanz, die dein Alltag-Ich beurteilt.

Viele Denker haben dafür Bilder gefunden. Friedrich Rückert hat es knapp und treffend gefasst:

«Vor jedem steht ein Bild des, was er werden soll.
Solang er das nicht ist, ist nicht sein Friede voll.»

Schiller spricht in den «Ästhetischen Briefen» von einem idealen Menschen, den jeder in sich trägt, und von der Aufgabe, mit diesem inneren Menschen übereinzustimmen. Fichte unterscheidet ebenfalls zwischen dem erfahrbaren Ich und einem idealen Ich, das wie eine Quelle von Bewegung und Wollen wirkt.

Solche Gedanken führen weg vom schnellen Moralisieren. Es geht weniger um «brav sein». Es geht um innere Redlichkeit: um das Gefühl, dass im Menschen etwas Reineres möglich bleibt, selbst wenn der Alltag es zudeckt.

Kultur erscheint in dieser Sicht als Übungsweg. Der Mensch lernt, ringt, scheitert, korrigiert sich. Er tut das allein und mit anderen. Und genau darin liegt etwas Würdevolles: Entwicklung bleibt möglich.

Logos und Freiheit: der lange Weg zur inneren Führung

Die Antike kannte für diese innere Ordnung ein grosses Wort: Logos. Bei stoischen Denkern bedeutet Logos Weltvernunft, Weltenwort, eine ordnende Kraft, die die Wirklichkeit durchzieht. Später wurde dieser Begriff auch im christlichen Denken wichtig, besonders im Johannesevangelium, das den Logos in den Mittelpunkt stellt.

Was sich dabei wie Philosophie anhört, hat im Kern eine bodenständige Idee: Im Menschen gibt es einen inneren «Führer». Marc Aurel nennt ihn Genius und mahnt, man solle ihn rein halten. Seneca betont die Verwandtschaft von göttlicher und menschlicher Vernunft: bei den Göttern vollkommen, beim Menschen entwicklungsfähig.

Von hier aus wird auch die Frage nach Freiheit neu. Freiheit entsteht nicht durch Wegwerfen aller Regeln. Freiheit entsteht, wenn ein Mensch den Sinn von Wahrheit und Mass innerlich versteht und daraus handelt. Die Bibel formuliert das in einem berühmten Satz: Wahrheit macht frei. In dieser Linie verändert sich auch das Verhältnis zur Gemeinschaft: Gemeinschaft kann den Einzelnen stützen, ihn bilden, ihn tragen – und ihm Raum geben, als Person zu wachsen.

Und was bleibt nach den Feiertagen?

Vielleicht ist das die stille Stärke von Weihnachten: Es ruft etwas auf, das im Alltag unter Geschäftigkeit begraben liegt. Es erinnert an Vertrauen, an Neuanfang, an eine Fähigkeit zu lieben, die man sich manchmal selber wieder zurückholen muss.

Am Schluss taucht oft ein hübscher Satz auf: Das Wort «ich» sei aus den Anfangsbuchstaben von Jesus Christus gebildet. Sprachgeschichte geht einen anderen Weg. «Ich» gehört zu einer alten germanischen Wortfamilie (OHG = Althochdeutsch, also sehr frühes Deutsch; «ih» war damals «ich», «ik» eine noch ältere germanische Form), verwandt mit lateinisch ego und griechisch egō.

Als Symbol kann der Gedanke trotzdem wirken: Das Ich gewinnt Würde, wenn es sich an etwas Höherem ausrichtet.

Manchmal braucht es kein grosses Programm. Eine Heilige Nacht reicht. Ein Lied. Ein paar Lichter. Und eine Frage, die leise auftaucht:

«Wie müsste ich leben, damit ich mir selbst wieder ähnlich werde?»

 

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Über

Ein älterer Mann mit grauem Haar und Brille sitzt in einem Holzstuhl, trägt einen dunklen Pullover, hält ein aufgeschlagenes Buch in der Hand und blickt von den Seiten auf. Der Hintergrund ist eine schlichte, helle Wand.

Ich bin Hanspeter Gautschin, Erzähler und Autor von BodeständiX – Geschichten, die bleiben.

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