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In roter Schrift steht "BodeständiX" über dem schwarzen Text "Der Autorenblog von Hanspeter Gautschin" auf weißem Hintergrund.
Ralph Waldo Emerson – eine Verbeugung
Ein vornehmer älterer Mann, der Ralph Waldo Emerson ähnelt, sitzt in einem Anzug aus dem 19. Jahrhundert an einem Schreibtisch und hält ein Blatt Papier. In der Nähe befinden sich ein Tintenfass und eine Feder. Der Hintergrund ist sanft in warmen, neutralen Tönen gemalt.

Es gibt Schriftsteller, die begleiten einen wie eine gute Gewohnheit. Man greift nach ihnen, wenn die Tage zu laut werden, wenn die Gedanken zerfasern, wenn man wieder einmal merkt, wie leicht man sich im Nebensächlichen verliert.

Ralph Waldo Emerson gehört für mich in diese seltene Kategorie.

Ich habe viel von ihm gelesen, in verschiedenen Lebensphasen, mit verschiedenen Fragen im Gepäck. Und ich staune bis heute, wie wenig er altert. Seine Sätze tragen keinen Staub. Sie wirken, als seien sie eben erst gedacht worden: klar, wach, manchmal kantig, immer aufrecht. Bei ihm spüre ich keine Pose und kein gelehrtes Flanieren. Er versteckt sich auch nicht hinter Begriffen. Da spricht ein Geist, der nicht beeindrucken muss, um zu treffen.

Und er trifft.

Ein Denken, das in die Weite führt

Wenn ich Emerson lese, habe ich oft das Bild von Weite vor mir. Keine Weite der grossen Worte, eher die Weite eines Himmels, der offen bleibt. Seine Texte ziehen mich nicht in ein System hinein; sie führen mich hinaus. Sie geben dem Inneren Luft. Sie machen Platz.

Vielleicht liegt darin sein besonderer Zauber: Er zwingt niemanden. Er schubst nicht. Er belehrt nicht. Er stellt Gedanken hin wie Steine am Wegrand, und man merkt beim Vorbeigehen, dass sie schwerer sind, als sie aussehen.

Emerson schreibt nicht, um Antworten abzuliefern, die man abheften kann. Er schreibt, um etwas in Bewegung zu bringen. In mir. Darum verehre ich ihn so hoch: Weil ich mich bei ihm wacher fühle.

Die stille Kraft der Selbstverantwortung

Emerson ist berühmt für seine Idee der Selbstverantwortung, für den Mut, sich nicht dauernd nach der Zustimmung anderer umzusehen. Das wird manchmal missverstanden, als ginge es um Egoismus oder um irgendeine Art von geistigem Alleingang.

Ich habe ihn anders gelesen.

Bei Emerson geht es um etwas Strenges und zugleich Menschliches: um die Verpflichtung, dem eigenen Gewissen treu zu bleiben. Um die Arbeit, Wahrheit nicht nachzureden, sondern zu leben. Um eine innere Redlichkeit, die sich nicht vom Applaus abhängig macht.

Das ist keine bequeme Haltung. Sie schmeichelt nicht. Gerade darum tut sie gut.

Natur als Gegenüber

Was mich an Emerson immer wieder berührt, ist sein Blick auf die Natur. Er betrachtet sie nicht wie ein Hintergrundbild und auch nicht wie eine Postkarte. Für ihn ist sie Gegenüber. Etwas, das eine Sprache hat, wenn man still genug wird, um sie zu hören.

Diese Strenge gefällt mir: Die Welt draussen ist keine Kulisse für unser Innenleben. Sie hat Eigengewicht. Sie widerspricht uns. Sie erinnert uns. Sie ordnet uns ein. Und manchmal heilt sie uns, ohne ein Wort zu sagen.

Emerson konnte das beschreiben, ohne kitschig zu werden. Er konnte vom Geist sprechen, ohne abzuheben. Er berührt das Unsichtbare, ohne ins Nebulöse zu geraten. Das ist selten.

«The Over-Soul» als Erfahrungstext

Unter seinen Essays gibt es Texte, die ich nicht einfach lese, sondern fast wie betrete. «The Over-Soul» ist für mich so ein Text. Er ist weniger Argument als Erfahrung. Er tut nicht so, als liesse sich das Innerste in ein paar saubere Sätze pressen. Und doch spricht er davon, als sei es ganz nah: dass es in uns eine Tiefe gibt, die grösser ist als Alltag, Rollen und kleine Aufregungen.

Wer das ernst nimmt, lebt anders. Meist stiller. Wachsamer. Vielleicht auch gnädiger, weil man ahnt, dass der Mensch mehr ist als seine Launen und Fehler.

«Representative Men» und die Spiegel der Vorbilder

Ich habe immer gern beobachtet, wie Emerson über grosse Gestalten schreibt. Er wirkt dabei nicht wie ein Museumswärter, der Etiketten klebt. Er wirkt wie jemand, der fragt: Was ist das für eine Kraft? Was rührt sie in mir an? Was zeigt mir dieser Mensch über Menschsein?

So werden seine Porträts zu Spiegeln. Man schaut auf andere und sieht sich selbst. Man merkt, wonach man sich sehnt, wovor man sich drückt, welche Art von Grösse man gelten lassen möchte.

Das ist eine ehrliche Art, über Vorbilder zu schreiben: nicht von oben herab, sondern mitten aus der eigenen Suchbewegung.

Emersons Ton: knapp, geistvoll, ohne Zierrat

Ich verehre Emerson auch wegen seines Tons. Er kann witzig sein, ohne Klamauk. Er kann scharf sein, ohne zu verletzen. Er kann überlegen sein, ohne herablassend zu wirken. Seine Klarheit hat nichts Kaltes. Sie wirkt warm, weil sie aus Vertrauen kommt: Vertrauen in den Menschen, in die Möglichkeit von Aufrichtung, in die Kraft des Geistes.

Sein eigentliches Geschenk spüre ich immer wieder: Er trägt einen nicht durch den Text. Er macht einen tragfähiger.

Was mir Emerson heute bedeutet

Ich lebe nicht im 19. Jahrhundert. Ich sitze nicht in Concord, Massachusetts. Ich habe meine eigene Zeit, meine eigenen Sorgen, meine eigenen Fragen. Und dennoch ist Emerson für mich Gegenwart.

Er erinnert mich daran, dass das Leben nicht bloss aus Terminen besteht. Er erinnert mich auch daran, dass Zerstreuung keine Tiefe ersetzt. Da ist eine innere Ordnung möglich, die nicht von draussen kommt. Und geistige Freiheit hat wenig zu tun mit Krawall; sie hat zu tun mit Haltung.

Ich verehre Emerson nicht als Ikone. Ich verehre ihn als einen, der etwas in mir wachhält: den Sinn für das Wesentliche, den Mut zur eigenen Stimme, die Bereitschaft, den grossen Dingen des Lebens nicht auszuweichen.

Manchmal reicht mir ein einziger seiner Sätze, und ich merke: Da ist wieder Boden unter den Füssen.

Das ist viel.

Literaturverzeichnis

Primärliteratur

  • Emerson, Ralph Waldo: Nature. Boston 1836.
  • Emerson, Ralph Waldo: Essays. First Series. Boston 1841. (Enthält u. a. «Self-Reliance» und «The Over-Soul»)
  • Emerson, Ralph Waldo: Essays. Second Series. Boston 1844.
  • Emerson, Ralph Waldo: Representative Men. Boston 1850.
  • Emerson, Ralph Waldo: Repräsentanten der Menschheit. Ausgewählte Essays. Übers. u. hrsg. von Veronika Riesen. Verschiedene Ausgaben, u. a. Basel o. J.
  • Emerson, Ralph Waldo: Essays. Ausgewählt und übersetzt von verschiedenen Herausgebern. Mehrere deutschsprachige Ausgaben (u. a. mit «Selbstvertrauen» und «Die Überseele»).

Sekundärliteratur

  • Richardson Jr., Robert D.: Emerson: The Mind on Fire (1995).
  • Buell, Lawrence: Emerson (2003).
  • Cavell, Stanley: Emerson’s Transcendental Etudes (2003).
  • Gougeon, Len: Virtue’s Hero: Emerson, Antislavery, and Reform (1990).

 

Über

Ein älterer Mann mit grauem Haar und Brille sitzt in einem Holzstuhl, trägt einen dunklen Pullover, hält ein aufgeschlagenes Buch in der Hand und blickt von den Seiten auf. Der Hintergrund ist eine schlichte, helle Wand.

Ich bin Hanspeter Gautschin, Erzähler und Autor von BodeständiX – Geschichten, die bleiben.

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