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In roter Schrift steht "BodeständiX" über dem schwarzen Text "Der Autorenblog von Hanspeter Gautschin" auf weißem Hintergrund.
Freiheit – und was davon übrig bleibt
Eine halbtransparente Silhouette einer Person, die mit leicht ausgestreckten Armen vor einer weichen, pastellfarbenen Landschaft mit sanften Hügeln und einem dunstigen, verträumten Himmel steht und ein Gefühl von Freiheit vermittelt.

Es gibt Worte, die sich im Laufe der Jahrhunderte so aufgebläht haben, dass man kaum mehr weiss, was sie einmal bedeuteten.

«Freiheit» ist eines davon. Kaum ein Begriff wird häufiger beschworen, keiner ist so oft missverstanden. Jeder beansprucht ihn für sich, doch kaum jemand hält still genug inne, um zu fragen, worin diese Freiheit eigentlich besteht.

Früher war alles einfacher: Man war frei – oder man war es nicht. Die einen herrschten, die andern dienten. Heute aber leben wir in einer Welt, die sich selbst für frei erklärt hat, während sie unmerklich an neuen Fesseln schmiedet. Wir sprechen von Selbstbestimmung und leben doch unter einem dichter gewobenen Netz von Regeln, Vorschriften, Pflichten und Abhängigkeiten, als es je zuvor der Fall war. Der moderne Mensch ist umgeben von unsichtbaren Zäunen, die ihm Bewegung vorgaukeln, während sie ihn immer enger umschliessen.

Der Zwang im Namen der Freiheit

Die politische Freiheit, auf die wir so stolz sind, zeigt bei näherem Hinsehen ein merkwürdig doppeltes Gesicht. Sie verspricht dem Einzelnen Selbstbestimmung – und verlangt zugleich, dass er sich einem System unterordnet, das ihn vollständig erfasst: als Steuerzahler, als Konsument, als Bürger, als Nummer in einem Register.

Wir haben die Tyrannen abgeschafft und dafür Mechanismen geschaffen, die keinen Namen, kein Gesicht, kein Herz haben. Sie bestimmen über uns, ohne je Verantwortung tragen zu müssen. Wir nennen sie Staat, Verwaltung, Markt, oder einfach «das System». Sie funktionieren nach Regeln, die niemand mehr vollständig versteht, und genau darin liegt ihre Macht.

Der Bürger gehorcht also nicht mehr einer Person, sondern einer Maschine. Und weil diese Maschine angeblich «im Namen aller» handelt, hält er den Zwang für Freiheit. So wird Kontrolle zum Bürgerrecht, und das Gehorchen erscheint als Tugend. Die Paradoxie unserer Zeit liegt darin, dass wir uns freiwillig unterwerfen – und es Fortschritt nennen.

Vom Verlust der inneren Freiheit

Doch die Unfreiheit beginnt nicht erst bei Gesetzen oder Formularen. Sie beginnt im Kopf. Wir leben in einer Welt, die so laut geworden ist, dass kaum noch Raum bleibt für das eigene Denken. Informationen überfluten uns wie ein ständiger Regen; Meinungen prasseln von allen Seiten, und jede beansprucht, die einzig richtige zu sein.

Die Freiheit, sich eine eigene Meinung zu bilden, ist dadurch nicht grösser, sondern kleiner geworden. Wer sich aus dem Getöse heraushalten will, gilt schnell als gleichgültig oder verdächtig. Dabei ist gerade das Schweigen oft der Anfang jeder wahren Erkenntnis.

Wir sind bequem geworden. Der Komfort, der uns umgibt, hält uns in einem Zustand milder Gefangenschaft. Wir nennen es Fortschritt, dass wir alles wissen, alles haben, alles sofort können. Doch in Wahrheit sind wir gefesselt – durch Geräte, Abos, Termine, Gewohnheiten. Der technische Fortschritt hat uns von vielen Mühen befreit, aber auch der Mühe beraubt, wirklich zu leben.

Der Mensch, der früher vom Pfarrer oder vom Fürsten bevormundet wurde, lässt sich heute von Algorithmen lenken. Seine Freiheit besteht darin, aus unzähligen Angeboten zu wählen, die sich alle gleichen. Er klickt, scrollt, konsumiert – und nennt das Selbstbestimmung.

Die Freiheit des Geistes

Es gibt jedoch eine andere Art von Freiheit, stiller, unscheinbarer, innerlicher. Sie hat nichts mit Parolen, Gesetzen oder Wahlzetteln zu tun. Sie beginnt dort, wo ein Mensch innehält, sich abwendet vom Getriebe der Welt und sein eigenes Denken prüft.

Ein freier Geist ist nicht der, der laut seine Meinung äussert, sondern der, der sich nicht von ihr beherrschen lässt. Er weiss, dass jede Überzeugung nur eine momentane Form der Wahrheit ist, eine Schale, die irgendwann abfällt. Solche Freiheit hat nichts Heroisches, nichts Rebellisches – sie ist eher wie ein klarer See: ruhig, durchsichtig, tief.

Diese innere Freiheit lässt sich nicht verordnen und nicht erkämpfen. Sie wächst im Zweifel, im Staunen, in der Bereitschaft, sich selbst zu hinterfragen. Sie lebt von der Einsicht, dass man auch ohne Gewissheiten leben kann – und vielleicht gerade dann lebendig ist.

Doch diese Form der Freiheit verlangt Mut. Den Mut, sich nicht an Schlagworte zu klammern. Den Mut, unpopulär zu sein. Den Mut, allein zu denken.

Wenn Freiheit ihre Kinder frisst

Jede Generation ruft nach Freiheit – und jede erliegt früher oder später ihrer eigenen Sehnsucht. Denn wo Freiheit zum Götzen wird, wächst zwangsläufig die Gewalt. Wer alle Fesseln sprengen will, zerstört bald auch die Formen, die das Zusammenleben ermöglichen.

So geht mit jeder Befreiung eine Verrohung einher: Disziplin, Mass, Stil – sie gelten plötzlich als hinderlich. In dieser Haltung verliert die Freiheit ihre Würde und wird zur blossen Enthemmung. Was früher die Zucht der Form war, ersetzt man durch das schrille «Ich darf!». Doch wo alles erlaubt ist, verliert auch das Wertvolle seine Gestalt.

Die wahre Freiheit ist nie schrankenlos. Sie besteht nicht darin, jedes Hindernis zu umgehen, sondern darin, es zu überwinden. Erst Widerstand macht uns fähig, etwas zu gestalten. Die Welt, die keine Grenzen mehr kennt, wird flach, beliebig und laut. Sie bringt Menschen hervor, die alles dürfen – und nichts mehr wollen.

Das unsichtbare Monstrum

Wir nennen es gern «unser Staat», als wäre es etwas Menschliches. Doch das, was über uns wacht, hat längst kein Gesicht mehr. Es ist ein abstraktes Wesen, ein Mechanismus aus Vorschriften, Zuständigkeiten und Vollmachten. Er kann nicht fühlen, nicht zweifeln, nicht vergeben – und genau das macht ihn so gefährlich.

Er ist wie ein König, dem man Herz und Seele genommen hat, aber die Macht gelassen. Und wir, seine Untertanen, leben nur von den Zugeständnissen, die er uns gewährt. Wenn er stark ist, erdrückt er uns. Wenn er schwach ist, stürzt alles in sich zusammen.

Ein Ort der Stille

Vielleicht werden wir eines Tages Zuflucht suchen in kleinen Inseln der Unabhängigkeit – in geistigen Klöstern ohne Netz, ohne Schlagzeilen, ohne Eile. Orte, an denen man wieder hört, wie leise die Welt eigentlich ist, wenn man sie lässt. Orte, wo man nichts wissen muss, um zu verstehen.

Denn am Ende ist Freiheit kein Zustand, sondern eine Erfahrung. Sie stellt sich nicht ein, wenn alle Schranken gefallen sind, sondern wenn wir uns selbst erkennen – jenseits von Angst, Pflicht und Meinung.

Die Freiheit, die wir suchen, war nie ausserhalb von uns. Sie lebt im Denken, im Atmen, im stillen Wissen: dass man nichts besitzen muss, um ganz zu sein.

Und vielleicht ist das die grösste aller Freiheiten – die, sich selbst genug zu sein.

 

 

3 Kommentare

  1. Lucie Dettwiler

    Ein Hauch von Anarchismus ? geht mir manchmal auch so.

  2. Hanspeter Gautschin

    Vielleicht eher ein Hauch von Unabhängigkeit im Denken, Lucie – nicht gegen die Ordnung, sondern gegen das blinde Funktionieren. Freiheit beginnt für mich dort, wo man sich traut, selbst zu prüfen, was wahr ist und was nur Gewohnheit.

  3. peter staehelin

    Es gibt nichts mehr zu sagen. Sehr guter Blog. Die Freiheit die ICH meine.

Über

Ein älterer Mann mit grauem Haar und Brille sitzt in einem Holzstuhl, trägt einen dunklen Pullover, hält ein aufgeschlagenes Buch in der Hand und blickt von den Seiten auf. Der Hintergrund ist eine schlichte, helle Wand.

Ich bin Hanspeter Gautschin, Erzähler und Autor von BodeständiX – Geschichten, die bleiben.

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